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„Es gibt so viele Kinder, die uns brauchen“

Birgit Köppe-Gaisendrees, die Leiterin der Ärztlichen Kinderschutzambulanz, geht an ihrem Computer die anstehenden Erstgespräche durch.
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Birgit Köppe-Gaisendrees, die Leiterin der Ärztlichen Kinderschutzambulanz, geht an ihrem Computer die anstehenden Erstgespräche durch.
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Birgit Köppe-Gaisendrees, Leiterin der Ärztlichen Kinderschutzambulanz, über die Anfragen der Jugendämter.

Von Melissa Wienzek

Remscheid. Letztens noch war sie ein Vogel. Morgen könnte die 13-Jährige allerdings schon in eine neue Tierrolle schlüpfen. Das Mädchen, mit dem die Ärztliche Kinderschutzambulanz nun ein Erstgespräch führen möchte, kennen die Therapeuten schon lange. Samt ihrer traurigen Vorgeschichte. „Seitdem sie zwei Jahre alt ist, lebt sie in Fremdeinrichtungen“, erzählt Birgit Köppe-Gaisendrees, Leiterin der Ärztlichen Kinderschutzambulanz Bergisch Land. Seitdem kennt das Team das Mädchen auch schon. Sie stammt aus instabilen Familienverhältnissen: Die Mutter hatte aus erster Ehe zwei Kinder, trennte sich und bekam mit ihrem neuen Mann ebenfalls zwei Kinder – eines davon ist besagtes Mädchen. Plötzlich stellte sich heraus, dass ihr Vater ein sexuelles Verhältnis mit seiner damals 16-jährigen Stieftochter hinter dem Rücken seiner Frau begann – die Jugendliche wurde sogar schwanger von ihm. „Es gab dann beim Landgericht einen Strafprozess, in Folge dessen der Mann zu einer Haftstrafe verurteilt wurde“, erzählt Birgit Köppe-Gaisendrees. Das damals zweijährige Mädchen habe vermutlich bereits viel mitbekommen. „Es besteht die Vermutung, dass auch sie missbraucht worden ist.“ Sie wurde daher aus der Familie rausgenommen und in einem Kinderheim untergebracht. „Zumal es bereits Eifersuchtsszenen der Mutter gegenüber der Tochter gab.“

Da war die Kleine gerade mal zwei Jahre alt. „Wenn so kleine Kinder bereits früh traumatisiert werden, müssen wir damit rechnen, dass es massive seelische Schädigungen hinterlässt“, erklärt die Therapeutin. Die Diagnostik bei Kleinkindern sei schwierig. Sie können ja noch gar nicht richtig erzählen, was ihnen widerfahren ist. Dennoch versuchen die Therapeuten, das Puzzle zusammenzufügen – viel läuft über die Exploration und die Beobachtung im Spiel, manchmal malen die Kinder auch aussagekräftige Bilder.

Es ist nun das dritte Mal, dass das Jugendamt bei der Ärztlichen Kinderschutzambulanz für die heute 13-Jährige anfragt. Denn das Mädchen hat sich bereits selbst verletzt und zeigt suizidale Tendenzen. Nun steht das Erstgespräch an. „Wenn wir sie auf der Station im Sana-Klinikum aufnehmen, können wir auch den Jugendpsychiater zurate ziehen.“ Denn Fakt ist: Dem Mädchen muss geholfen werden.

„Mama hat einen neuen Freund, aber ich darf nichts sagen. Kann ich bitte für immer hier bleiben?“

Aussage eines Vierjährigen

Wie auch so vielen anderen Kindern aus ganz NRW, für die die Jugendämter an der Burger Straße anfragen. Selbststrangulation im Kindergarten, Männer, die Zigaretten auf einem Säugling ausdrücken, Schläge mit dem Gürtel oder der vierjährige Junge mit den blauen Flecken im Gesicht, der dann im Gesprächsraum von Birgit Köppe-Gaisendrees offenbarte: „Mama hat einen neuen Freund, aber ich darf nichts sagen. Kann ich bitte für immer hier bleiben?“ Im letzteren Fall wurde die Rechtsmedizin hinzugezogen. Es stellte sich heraus, dass der Junge so stark gewürgt wurde, dass er es fast nicht überlebt hätte. Das Kind wurde in Obhut genommen. Das Team der Kinderschutzambulanz brachte es aus der Gefahrenzone.

Im Schnitt gehen im Sekretariat der Kinderschutzambulanz sechs bis sieben Neuanfragen die Woche ein, in der Woche vor Weihnachten waren es 13. „Wir haben sie noch nicht alle aufgearbeitet, dann kommen schon wieder neue hinzu. Es gibt so viele Kinder, die uns brauchen“, sagt Köppe-Gaisendrees. Daher möchte die Ärztliche Kinderschutzambulanz dieses Jahr um anderthalb Stellen aufstocken. Denn der Bedarf ist hoch – und das Team am Rande der Kapazitäten. Knapp 400 Fälle betreute es 2020. So auch die Kinder, die Opfer des Kinderpornorings in Bergisch Gladbach wurden. „Diese Fälle haben ein Ausmaß von unvorstellbaren Dingen“, skizziert Köppe-Gaisendrees.

Für Notfälle gibt es immer Platz auf der Kinder- und Jugendstation im Sana-Klinikum. Für den Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin, Dr. Ansgar Thimm, gehören die Kinder der Ärztlichen Kinderschutzambulanz selbstverständlich dazu. „Dafür sind wir ihm sehr dankbar“, sagt Köppe-Gaisendrees. Dort werden die betroffenen Kinder dann versorgt. Auch wenn sie mit drei oder vier Jahren dort manchmal noch nicht mal von ihren Eltern besucht werden.

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