Inobhutnahmen

Jugendamt: Heimplätze für Kinder zu finden, kostet enorm viel Zeit

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Vermittlung erfordert viele Telefonate.

Von Andreas Weber

Remscheid. Für das Jugendamt wird es immer schwieriger, in ihren Familien gefährdete Kinder und Jugendliche in Heimen unterzubringen. Bundesweit geht so gut wie nichts mehr. „Die Bugwelle von Corona kommt auf uns zu“, erklärten Petra Engels-Stettner und Fabian Albrecht im Jugendhilfeausschuss (JHA).

Die beiden Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialdienstes (ASD) verdeutlichten, wie nervenzehrend die Vermittlung geworden ist. „Wir haben mal an einem Tag 300 Anrufe gemacht und nichts gefunden“, verdeutlichte Engels-Stettner, wie mühselig die Suche ist. „Die restliche Arbeit bleibt liegen, wenn das ganze Team am Telefon hängt. Da geht Zeit ohne Ende drauf.“ Drei Stadtteilteams gibt es in Alt-Remscheid, im Lindenhof, Hasten sowie Lennep/Lüttringhausen. Besetzt sind sie jeweils mit neun Fachkräften, die sich auf 24,5 Planstellen verteilen.

Wenn der ASD dringend Unterbringung benötigt, glühen die Drähte quer durch die Republik. Überall sind die Heime voll oder haben keine Kapazitäten mehr, weil die Bedarfe gestiegen sind und das Fachpersonal fehlt. Im Sommer 2022 musste zum Beispiel der EJBL Waldhof in Reinshagen eine Aufnahmegruppe vorübergehend schließen, weil Mitarbeiter fehlten. Der ASD, der im Ausschuss auf Anfrage der CDU die Arbeitsbelastung und Personallage im Jugendamt schilderte, muss von jetzt auf gleich alle Register ziehen.

Gefährdete spät abends in Cuxhaven untergebracht

Wie in diesem Fall: Notruf an einem Freitag. In einer Familie ging nichts mehr. In der Wohnung wurde Gas, Wasser, Strom abgestellt, der Mutter drohte Obdachlosigkeit. „Mit der Flex wurde die Tür geöffnet und die vier Kinder wurden rausgeholt. Zwei kamen übers Wochenende zum Vater, obwohl dies eigentlich nicht haltbar war, zwei weitere in die Bereitschaftspflege“, schilderte Petra Engels-Stettner. Sechs Tage hätten sie und ihre Kollegen intensiv gesucht, um eine Bleibe für die Kinder zu finden. „Da ging es am Ende nicht mehr um die Qualität der Unterbringung, sondern nur darum, dass sie ein sicheres Dach über dem Kopf bekommen, egal wo und wie weit weg.“ Fabian Albrecht nannte einen Fall, bei dem der ASD nachmittags eine Zusage aus Cuxhaven erhielt und man den Betreffenden um Mitternacht dort in einem Heim an der Nordsee abgegeben habe.

Thomas Küchler, Leiter des ASD, sprach im Ausschuss von steigenden Fallzahlen. 496 Gefährdungseinschätzungen bei Kindern und Jugendlichen bis 18 Jahren wurden 2022 in Remscheid festgestellt. „Das letzte Mittel, Inobhutnahmen bei akuter Gefährdung, gab es auf Remscheider Boden zwischen 30 und 50 Mal“, sagte Küchler.

Der ASD sei zwar gut aufgestellt, jedoch am Limit. Der Job ist hart, die Belastung hoch. „Unsere Teams stehen oft unter Strom, viel mehr darf nicht draufkommen“, beobachtet Petra Engels-Stettner. Drei bis vier Jahre brauche man, bis man beim ASD fest im Sattel sitze. Personelle Wechsel sind nicht selten. Die Personalausstattung orientiert sich an der von der Gemeindeprüfanstalt empfohlenen Fallzahlrelation 1:30. Im Vergleich zu umliegenden Jugendämtern sei dies ein „herausragendes Attraktivitätsmerkmal“.

Trotz Mangel an Fachkräften sei es bislang gelungen, bis auf kurze Vakanzen von ein bis drei Monaten alle ASD-Planstellen ganzjährig zu besetzen. In Remscheid stieg die Zahl der Fälle 2015 bis 2021 von 769 auf 994. Das Personal wurde entsprechend angepasst. „Verbale Entgleisungen gegenüber den ASD-Fachkräften kommen in hoch emotional aufgeladenen Krisensituationen vor, konnten jedoch deeskalierend und zum Teil mit Unterstützung der Polizei geregelt werden“, stellt Thomas Küchler fest. Körperliche Attacken gab es bislang nicht.

Was die Arbeit erschwert, sind Sprachbarrieren. „Wir sind viel bei Migranten unterwegs. Ständig müssen wir einen Dolmetscher hinzuziehen, um uns verständigen zu können“, nennt Engels-Stettner einen weiteren Grund, warum der Alltag so extrem herausfordernd geworden ist. Pause macht das Jugendamt nicht. Der Notdienst ist an sieben Tagen die Woche rund um die Uhr erreichbar.

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