Underdog spielt im Halbfinale gegen Frankreich

Fußball-WM: Hauptschüler fiebern mit Marokko

Lehrer und Fußballfan Moussa Mahnin hat zum Fototermin die marokkanische Fahne und die Berber-Flagge mitgebracht.
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Lehrer und Fußballfan Moussa Mahnin hat zum Fototermin die marokkanische Fahne und die Berber-Flagge mitgebracht.
  • Andreas Weber
    VonAndreas Weber
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Beim Halbfinale gegen Frankreich unterstützt die 8b ihren aus Marokko stammenden Lehrer Moussa Mahnin - auch wegen eines Versprechens. Der 34-Jährige freut sich indes auf den nächsten Autokorso.

Remscheid. Wenn Moussa Mahnin früh morgens über den Schulhof hastet, kommt er in diesen Wochen nicht bis zur Eingangstür, ohne angequatscht zu werden. In der Hauptschule Hackenberg wissen alle Jugendlichen, dass ihr Lehrer Fan der marokkanischen Nationalmannschaft ist. Die Atlas-Löwen sorgen bei der Fußball-WM in Katar für Furore. Moussa fiebert mit. Wenn der Klassenlehrer der 8b in den Unterricht kommt, wird er mit Fußball-Fragen begrüßt. „Die ersten fünf Minuten sprechen wir über die WM.“

Ein Zugeständnis, das dem 34-jährigen Pädagogen leicht fällt. Denn was in dem Emirat passiert, hebt die Fußballwelt aus den Angeln. „Halbfinale gab’s noch nie für Afrika und es ist eine Sensation für die arabische Welt. Alle drücken uns, dem Underdog, die Daumen.“ Natürlich auch seine Klasse. Beim Fototermin in der Dependance Wilhelmstraße, wo die älteren Jahrgänge untergebracht sind, wird Mahnin beim Posing mit den Flaggen der Berber und Marokkos durch „Frankreich, Frankreich“-Rufen geneckt. Wenn es am Mittwoch (20 Uhr) zum Gipfel gegen die Franzosen kommt, werden sie vereint hinter Marokko stehen. In der 21-köpfigen 8b sind Türken, Syrer, Iraner, Italiener und Albaner. Nicht nur, weil ihr Mathe- und Sportlehrer der „Beste“ und „Coolste“ ist, hoffen sie, dass die unglaubliche Reise der Nordafrikaner ins Endspiel führt.

Geboren ist Moussa in Velbert, hat einen deutschen Pass. Seine Eltern und Vorfahren stammen aus Nador im Norden Marokkos. Wenn er nach den fünf erfolgreichen WM-Spielen in sein Auto gestiegen ist, um zum Korso aufzubrechen, ist das Fahrzeug in die rote Nationalflagge mit dem grünen Pentagramm und die Berber-Fahne in Blau (für das Meer), Grün (für die Landschaft) und Gelb (für den Wüstensand) gehüllt.

„Alle drücken uns, dem Underdog, die Daumen.“

Moussa Mahnin, Lehrer

Von Heiligenhaus, wo er mit seiner Familie lebt, geht es nach Düsseldorf zum Schaufahren. „Dort ist die größte marokkanische Gemeinschaft in NRW“, sagt er. „2000, habe ich gelesen, sollen dort spontan schon gefeiert haben.“ Die Ellerstraße in der Nähe des Hauptbahnhofs sei gesperrt. „Die Polizei lässt uns feiern, die Straßen sind zwar dicht, aber auch viele andere Autofahrer und Nationalitäten wie die Tunesier und Algierer lassen sich dadurch nicht stressen, freuen sich mit uns mit.“ In Deutschland jubeln sie, in Marokko sind sie aus dem Häuschen. Was Moussa Mahnin von seinen Freunden und Verwandten hört, herrscht daheim Ausnahmezustand. „Alle sind auf den Straßen. Das ist toll, weil Marokko eine hohe Arbeitslosigkeit hat und große wirtschaftliche Probleme. Die werden vorübergehend verdrängt.“

Früher war Mahnin als Stürmer bei der SSVg Heiligenhaus in der Kreisliga unterwegs, hat aber die Schuhe an den Nagel gehängt. „Dass die deutsche Elf so früh ausgeschieden ist, hat mir sehr weh getan. Aber ich habe ja noch eine zweite Mannschaft.“ Von den spielerischen Qualitäten, sagt Moussa, habe er Marokko zugetraut, ins Achtelfinale zu gelangen. „Obwohl wir mit Kroatien, Belgien und Kanada in einer Todesgruppe waren.“ Dass es bei der sechsten WM-Teilnahme zu mehr als dem Achtelfinale (wie 1986) langt, führt Moussa auf Trainer Walid Regragui zurück, der drei Monate vor der WM einsprang, den ungeliebten Vahid Halilhodzic ablöste, unter dem Hakim Ziyech (Chelsea) und Noussair Mazraoui nicht mehr auflaufen wollten. Bei Regragui spielen sie wieder.

Für Mahnin war dies eine wichtige Stellschraube bei dem ungeahnten Durchmarsch, bei dem die Marokkaner nur ein Tor gegen Kanada kassierten. „Und das war ein Eigentor.“ Der Pädagoge freut sich riesig auf das Spiel im heimischen Wohnzimmer mit der Familie. Und lenkt das Augenmerk auf das Duell des Abends: „Da wird unser Achraf Hakimi auf seinen Freund Kylian Mbappé treffen.“

Bei WM-Titel geht’s zur Eisbahn

Moussa Mahnin (34) kam 2017 an die Hauptschule Hackenberg, nachdem er dort schon sein Referendariat absolviert hatte. 43 Kilometer fährt er täglich von Heiligenhaus zu seinem Arbeitsplatz. Sollten die Marokkaner den WM-Titel gewinnen, so steht er bei seiner Klasse 8b im Wort, die Schüler zum Schlittschuhlaufen nach Solingen einzuladen.

Standpunkt von Andreas Weber: Der Stolz des Kontinents

andreas.weber@rga.de

Die Fußball-WM in Katar ist an uns vorbeigezogen. Früh schieden die Deutschen aus, den Unterschied machte das aber nicht mehr. Denn das größte Sportereignis der Welt hätte nie an einen Zwergstaat vergeben werden dürfen, der zwar wirtschaftlich ein Global Player ist, aber null Fankultur besitzt. Mit Korruption, Gastarbeiterausbeutung und dem Klimawahnsinn obendrauf, läuft seit über drei Wochen eine Weltmeisterschaft, die nur ihr Auftraggeber, die Fifa toll finden kann.

Dass in der Schlussoffensive ein freudiges Kribbeln aufkommt, liegt vor allem an den Marokkanern, die niemand auf dem Zettel hatte. Jetzt machen sie einen ganzen Kontinent stolz. Afrika ganz groß im Fußball. Was für deren in Europa bei Top-Clubs verstreute Kicker schon gilt, könnte auch auf ein einzelnes Land bald zutreffen. Man wünscht dem Kleinen, etwas zu schaffen, was keiner afrikanischen Nation zuvor gelang. Ich werde zum ersten Mal bei dieser WM 90 Minuten am TV gebannt verfolgen. Spätes Fieber.

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