25 Prozent mehr Anrufe bei Hilfetelefonen

Häusliche Gewalt: Dunkelziffer ist hoch

Angst und psychischer Druck spielen bei häuslicher Gewalt stets eine große Rolle. Symbolfoto: Christian Beier
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Angst und psychischer Druck spielen bei häuslicher Gewalt stets eine große Rolle. Symbolfoto: Christian Beier

Bei der Polizei melden sich nicht mehr Opfer als sonst. Das Bild bei Hilfsangeboten und in der Ärztlichen Kinderschutzambulanz sieht anders aus.

Von Melissa Wienzek

Remscheid. Die häusliche Gewalt ist in Coronazeiten in Remscheid nicht gestiegen – zumindest, was die Fallzahlen betrifft. Zu dieser Erkenntnis kommt das Polizeipräsidium Wuppertal, das auch für Remscheid zuständig ist. Laut der Statistik der Behörde lag die Zahl der Fälle von Januar bis November dieses Jahres bei 234. Im Vergleichszeitraum des Vorjahres lag die Zahl bei 256, im gesamten Jahr 2019 bei 276. 2018 wurden 273 Delikte angezeigt. Möglicherweise ergebe sich nach Auswertung der Dezember-Zahlen sogar ein Rückgang für 2020, sagt Polizeisprecher Alexander Kresta.

„Man ist weniger im sozialen Umfeld unterwegs, das einen sonst ermuntert: Such dir Hilfe!“

Christel Steylaers, Gleichstellungsbeauftragte

Seine Behörde habe vorab bewusst keine Prognose abgegeben. Aber auch die Polizei weiß: Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen. „Häusliche Gewalt ist ein ganz spezielles Delikt, weil es ein Delikt in häuslicher Lebensgemeinschaft ist, das sich häufig in einem geschlossenen Bereich abspielt“, sagt Kresta.

Dies sei ganz anders zu betrachten als beispielsweise ein Raub auf der Straße, bei der Menschen spontan Opfer von Gewalt würden. Dementsprechend sei auch das Anzeigeverhalten bei einem Fall von häuslicher Gewalt von vielen Umständen geprägt. Nimmt man die Gewalt daheim in Kauf, aus Angst vor den Konsequenzen? Oder meldet man es doch der Polizei? „Angst und psychischer Druck spielen hier eine große Rolle“, sagt Alexander Kresta.

Sein Präsidium bewerte die gleichbleibenden Fallzahlen vorsichtig positiv. „Es ist erst einmal erfreulich, dass die Zahlen nicht ins Bodenlose gestiegen sind. Wir können nur hoffen, dass sich dieser Trend noch weiter fortsetzt.“ Gerade mit Blick auf Weihnachten. Dennoch möchte der Polizeisprecher alle Opfer ermutigen, sich jemandem anzuvertrauen. „Auch wenn es nicht bei der Polizei in Form einer Anzeige sein sollte, dann aber bei den Institutionen in der Stadt.“

Christel Steylaers, die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt, wundert sich nicht über die Polizei-Statistik. „Es war damit zu rechnen, dass das Anzeigeverhalten dieses Jahr ein anderes sein würde.“ Denn mehr Frauen und Kinder seien in der Pandemie samt Lockdown zu Hause und stünden unter Beobachtung. Immer noch seien sie überwiegend die Opfer von Männern, die physische oder psychische Gewalt ausübten.

„Man geht weniger zu Freundinnen, man geht weniger in Sportvereine, man ist sehr viel seltener im sozialen Umfeld unterwegs, das einen sonst ermuntert: Du musst dir das nicht gefallen lassen, such dir Hilfe!“, erklärt Steylaers den Hintergrund. Was tatsächlich hinter verschlossenen Türen passiere – das wisse niemand. Darüber gebe es natürlich keine Statistik, wohl aber eine Dunkelfeldstudie des Landes, in der vor allem ein Anstieg von psychischer Gewalt sichtbar wurde. Allerdings stammt diese aus Vor-Coronazeiten. „Die Zahlen der Polizei sind nur die Spitze des Eisbergs“, betont die Gleichstellungsbeauftragte.

Die Dunkelziffer sei hoch, mehrere Institutionen stützten diese These. Beim bundesweiten Hilfetelefon seien beispielsweise 25 Prozent mehr Telefonate eingegangen, sagt Steylaers. Und auch die Ärztliche Kinderschutzambulanz, die der RGA dieses Jahr bei seiner Hilfsaktion „Helft uns helfen“ unterstützt, hat es mit vielen Anfragen und einer deutlichen Schwere von Gewalttaten zu tun.

Mehr zu Arbeit der Ärztlichen Kinderschutzambulanz: Gewalt: Kinderarzt geht auf Spurensuche

Helft uns helfen: Was mussten die Kinder erleben?

Hier gibt es Hilfe

Frauen, die Hilfe benötigen, können sich an die Frauenberatungsstelle unter Tel. (02191) 66 24 66, das Frauenhaus, (02191) 99 70 16, oder die bundesweite, kostenlose Hotline wenden: (0 80 00) 11 60 16. Diese ist rund um die Uhr erreichbar. Es gibt auch eine Chatberatung. www.hilfetelefon.de

Meinung: Es schwelt schon länger

Von Melissa Wienzek

melissa.wienzek@rga-online.de

Die Fallzahlen häuslicher Gewalt sind in der Corona-Krise nicht gestiegen, sagt die Polizei. Das war ja auch klar, sagen die Beratungsstellen, schließlich stehen die Opfer im Lockdown zu Hause unter Beobachtung. Wie sollte man sich da jemandem anvertrauen? Zusätzlich fehlt das soziale Netzwerk, das sonst etwas mitbekommt. Und erfreulicherweise auch immer öfter etwas sagt. Die Menschen sind sensibler geworden, was gut ist. Gerade auch durch solche Fälle wie in Bergisch Gladbach. Die Opfer betreut derzeit übrigens die Ärztliche Kinderschutzambulanz. Diese kann zwar keine belastbaren Zahlen in der Corona-Krise nennen, doch das Ausmaß und die Schwere der Gewalttaten ist dort dieses Jahr extrem hoch gewesen, sagen die Therapeuten. Auch der Rat beschäftigte sich zuletzt mit dem Thema. An den Fallzahlen in Coronazeiten sollte man sich jedoch nicht so hochreißen. Sie sind ohnehin nur die Spitze des Eisbergs. Der eigentliche Brandherd schwelt schon viel länger. Es ist ein gesellschaftliches Problem, nicht erst seit Corona. Wem das nicht sichtbar genug ist, der sollte einfach mal einen Tag in der Kinderschutzambulanz verbringen.

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