Unterversorgung

Grundschulen in Remscheid kämpfen mit Lehrermangel

In der GGS Hasten ist das Kollegium zwar knapp besetzt, bis auf zusätzliche Förderungen leidet der Unterricht aber nicht.
+
In der GGS Hasten ist das Kollegium zwar knapp besetzt, bis auf zusätzliche Förderungen leidet der Unterricht aber nicht.
  • Andreas Weber
    VonAndreas Weber
    schließen

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft schlägt Alarm: An Remscheids Grundschulen fehlen zu viele Lehrer. So wird der Lehrermangel nun abgefangen:

Remscheid. Seit Jahren fehlen Lehrer an den 17 Remscheider Grundschulen. Bislang wurde der Mangel durch Solidarität und Abordnungen stadtintern geräuschlos ausgeglichen. Mittlerweile aber gilt die Situation teilweise als dramatisch. „Die Lehrerversorgung an Grundschulen ist eklatant schlecht“, meint Diana Ikemeyer besorgt.

Corona verschärft Mangel: Schulrätin Heike Adolf.

Die Sonderpädagogin an der GGS Hasenberg gehört zum dreiköpfigen Leitungsteam der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Remscheid und verweist darauf, dass Remscheid im Regierungsbezirk Düsseldorf zu den am schlechtesten versorgten Schulämtern zähle. 356 Lehrkräfte sind in der Primarstufe in Remscheid tätig. Weil vollausgebildete Pädagogen überall fehlen, greifen alle Grundschulen verstärkt auf Quereinsteiger und studentische Aushilfen zurück. Beide sind zwar nicht in der Überzahl, aber unverzichtbar, um den Schulbetrieb aufrechtzuerhalten.

Heike Adolf, als Schulrätin für die Grundschulen zuständig, sieht die Pandemie als einen Beschleuniger der Misere. „Es gibt zwar kein generelles Beschäftigungsverbot für Schwangere, aber wenn an Grundschulen Coronafälle auftreten, sind die Schwangeren sofort aus dem Präsenzunterricht raus.“ Und das passiert immer wieder. Hinzu käme, dass Spätherbst und Winter Grippezeit seien. „Wer sich früher mit einer dicken Erkältung in die Schule schleppte, ist heute vorsichtiger“, sagt Heike Adolf.

Lehrermangel: So ist die Situation an Remscheids Grundschulen

Die Grundschulen sind in der Pflicht, personell zu jonglieren. Bei der Grundschule Hasten klappt dies einigermaßen. „Wir sind im Kollegium knapp besetzt, aber Gott sei Dank alle gesund“, erklärt Leiterin Claudia Becker. Dennoch ist die Not an der Moltkestraße spürbar: „Wir haben keinen Puffer mehr. Zusätzliche, nicht gesetzlich vorgeschriebene Förderangebote entfallen.“

Kreativität, Flexibilität und Teamgeist federe einiges ab, aber, so Claudia Becker, weitere Mehrarbeit in ohnehin kräftezehrenden Zeiten sei unvermeidbar. Wenn plötzlich eine Lehrkraft wegbräche, müssten schon mal kurzfristig zwei Klassen zusammengelegt werden. Auch mal Arbeiten den Schülern mit nach Hause zu geben, zähle dazu oder die Lehrer aus der Distanz in den Unterricht zu schalten. Dies sind alles nur Behelfe, um Ausfälle zu überbrücken. Glück in Hasten ist vor allem, dass zumindest im November eine Lehramtsanwärterin neu angefangen hat.

Unterversorgung: Diese Maßnahmen braucht es an den Schulen

Gerne genommen sind auch Vorgriffsstellen. Pädagogen, die mit Blick auf G9 an Gymnasien eingestellt wurden, sich aber für fünf Jahre mit einer halben Stelle an eine GGS binden. Wie in Hasten, schreiben alle Grundschulen Stellen für Quereinsteiger aus. Auch bei denen ist der Markt mittlerweile leergefegt. Die Seiteneinsteiger bringen akademische Erfahrung in Musik, Kunst, Sport und Englisch mit. Sie sollten nur in diesen Fächern eingesetzt werden, werden aber auch anderswo im Unterricht benötigt.

Wie bei den Studenten gilt, dass sie sich begleitet von erfahrenen Lehrern im Schulalltag akklimatisieren sollen. „Auch das führt zu einer Mehrbelastung im Kollegium“, meint Diana Ikemeyer. Selbst Klassenleitungen übernehmen Quereinsteiger und Studenten, beobachtet sie.

Die GEW fordert kreative Lösungen, um die Unterversorgung aufzufangen. Persönlich setzt die Gewerkschafterin und Personalrätin auf Mut zur Lücke, darauf, die Stundentafel zu kürzen und zu entschlacken, um stabilen, qualitativen Unterricht anbieten zu können, anstatt sich durch einen Alltag zu hetzen, den man unter diesen widrigen personellen Voraussetzungen nicht gestemmt bekommt. Um den Beruf finanziell attraktiver zu machen, sei es wichtig, Grundschullehrer nach A13 zu besolden. Diese jahrelange Forderung der GEW wird stufenweise umgesetzt. „Parallel dazu müssen aber auch die Quereinsteiger besser bezahlt werden“, fügt Ikemeyer hinzu.

Die Lücke ist so riesig, dass es ein Maßnahmenpaket braucht, um gegenzusteuern. Damit Kollegen und Kolleginnen nicht in eine psychisch bedingte Auszeit getrieben werden, setzt die Bildungsgewerkschaft auf weniger Bürokratie.

Diana Ikemeyer: „Es muss mehr Schulverwaltungsassistenten geben, die Administration und IT übernehmen, damit sich die Lehrer auf ihre originären Aufgaben konzentrieren können.“ Um zudem mehr Quereinsteiger zu gewinnen, sei zudem überlegenswert, diesen Markt um Studiengänge wie Germanistik zu erweitern.

Zu wenig Lehrer: In Duisburg ist die Not noch größer

„Wir können froh sein, dass die Eltern nicht auf die Barrikaden gehen“, sagt Ralf Giefers-Kremer, der mit Diana Ikemeyer und Lena Gebert den GEW-Stadtverband leitet. Grob gesagt, fehlten in jeder hiesigen GGS eine bis zwei Stellen. Die Unterversorgung hier sei groß, anderswo sei sie aber höher. Wie beim NRW-Schlusslicht Duisburg. Dahin ist gerade eine sozialpädagogische Fachkraft aus Remscheid für ein Jahr abgeordnet. Generell gilt: Lehrer als Landesbedienstete müssen bei ihrem Arbeitsort flexibel sein.

Standpunkt von Andreas Weber: Traurige Aussichten

andreas.weber@rga.de

In NRW fehlen über 1100 Grundschullehrer, jede dritte offene Stelle bleibt unbesetzt. Die von der Opposition im Landtag beschworene drohende Bildungskatastrophe ist längst da. Über viele Jahre - auch in anderen politischen Regierungskonstellationen - wurde sie zielsicher verpennt. Alltag in den Schulen sind Lehrermangel verbunden mit Unterrichtsausfall, somit schlechter für die Sekundarstufe präparierte Fünftklässler.

Die Suche nach Fachkräften zieht sich durch die gesamte Arbeitswelt. Bei den Lehrern allerdings ist die Misere hausgemacht. Das Fehlen von entsprechenden Studienplätzen und die Koppelung an einen Numerus Clausus hat dafür gesorgt, dass viel zu wenig vollausgebildete Lehrer auf den Markt kommen. Eine aktuelle Studie des Verbandes Bildung und Erziehung geht davon aus, dass 2035 bis zu 158.000 Lehrkräfte bundesweit fehlen werden. Traurige Aussichten für einen der wichtigsten Berufe in unserer Gesellschaft.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Frau verliert Kontrolle über Pkw und rammt mehrere Ausstellungsfahrzeuge
Frau verliert Kontrolle über Pkw und rammt mehrere Ausstellungsfahrzeuge
Frau verliert Kontrolle über Pkw und rammt mehrere Ausstellungsfahrzeuge
Trauer um Markus Wolff
Trauer um Markus Wolff
Trauer um Markus Wolff
Busfahrplan: Das ändert sich ab Sonntag
Busfahrplan: Das ändert sich ab Sonntag
Busfahrplan: Das ändert sich ab Sonntag
Reichsbürger beschäftigen Stadtverwaltung
Reichsbürger beschäftigen Stadtverwaltung
Reichsbürger beschäftigen Stadtverwaltung

Kommentare