Interview

Gleichstellungsbeauftragte: „Corona verschlechtert die Lage der Frauen“

Christel Steylaers wurde zur Sprecherin der Bundeskonferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten wiedergewählt. Foto: Susanne Hübner
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Christel Steylaers wurde zur Sprecherin der Bundeskonferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten wiedergewählt.

Christel Steylaers über die Bundeskonferenz der Gleichstellungsbeauftragten und Forderungen an die neue Regierung.

Das Gespräch führte Melissa Wienzek

Frau Steylaers, rund 400 Frauen und Gleichstellungsbeauftragte aus ganz Deutschland haben sich bei einer Bundeskonferenz ausgetauscht, auch Sie. Hat Corona die Lage der Frauen verschlechtert?

Christel Steylaers: Ich denke ja. Ein ganz wesentlicher Punkt ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das haben Frauen während der Pandemie im großen Maße übernommen. Unsere Konferenz drehte sich um die Digitalisierung – da sind wir direkt beim Thema Homeoffice. Vor der Pandemie wurde immer gefordert: Wir brauchen mehr Homeoffice. In der Pandemie stelle man dann fest: Eigentlich geht das ja gar nicht so gut, wenn kleine Kinder zu Hause sind. Und wenn man weniger am Arbeitsplatz ist, bedeutet das auch, dass die Karrierechancen sinken. Wer nicht da ist, wird nicht gesehen und wird auch nicht befördert. Wer macht bisher Karriere? Überwiegend Männer. Zudem ist das Homeoffice sehr entgrenzend: Die unbezahlte Hausarbeit und die bezahlte Erwerbsarbeit gehen fließend in einander über. Auch wenn Männer Pflege und Haushalt verstärkt übernommen haben, hat die Corona-Pandemie doch vieles verschlechtert.

Auch der Pflegeberuf rückte dabei in den Fokus.

Steylaers: Ja. Da muss ich im Grunde nichts weiter zu sagen. Die Frauen – es sind zu 80 Prozent Frauen in der Kranken- und 90 Prozent in der Altenpflege – haben besondere Leistungen zu schultern, aber das nicht zu erhöhten Löhnen. Irgendwann reicht das Klatschen nicht mehr. Es gibt aber keine großen Anstrengungen, etwas an dieser Situation ändern.

Das heißt, Frauen sind in der Arbeitswelt immer noch benachteiligt?

Steylaers: Ja. Wir haben uns auch mit einem Antrag beschäftigt, dass Erzieherinnen immer noch eine Fachschulausbildung machen müssen, die ihnen nicht bezahlt wird. Wir fordern von der Bundesregierung daher, dass ein Ausbildungsentgelt bezahlt wird. Das müsste eigentlich für alle Berufe im sozialen und Erziehungsbereich gelten.

Wie könnte die Digitalisierung die Lage der Frauen verbessern?

Steylaers: Erst einmal müssen wir schauen, dass Frauen durch die Digitalisierung keine Nachteile haben. Beispiel: Der Frauenanteil in der Digital- und Informatikbranche liegt bei 16 Prozent, in der Führungsebene nur bei 5 Prozent. Digitalisierung heißt auch, dass man sich eine Welt anschaut und diese Welt erleichtert wird. Wenn sich Männer ihre Welt angucken, wird nur durch diese eine Brille geguckt. Diese Brillen müssen aber alle aufhaben. Deshalb ist es wichtig, dass in der Digitalbranche alle vertreten sind.

Was fordern Sie von der neuen Bundesregierung?

Steylaers: Mehr Lohntransparenz, also dass der Geschlechterunterschied bei den Löhnen genauer herausgearbeitet wird und mehr Frauen die Möglichkeit haben, gleichen Lohn einzufordern. Ganz wichtig: Die Versorgung der Bevölkerung in Bezug auf Schwangerschaftsabbrüche ist ein großes Problem. Die Ärzte, die dies durchführen, werden älter, der Nachwuchs fehlt. Der Schwangerschaftsabbruch muss raus aus dem Strafrecht, der Paragraf 218 gestrichen werden. Wir fordern stattdessen, dass eine sichere Versorgung für alle Frauen in der Bundesrepublik in einem eigenen Gesetz geregelt wird. Gewalt gegen Frauen ist auch ein Thema, digitale Gewalt gegen Frauen ist ein dickes Thema. Wir fordern, dass Straftatbestände geschaffen werden, damit es überhaupt eine Möglichkeit gibt, sich zu wehren. Der Femizid soll als Straftatbestand ins Strafgesetzbuch aufgenommen werden. Wir fordern zudem einen kostenfreien Zugang zu sicheren Verhütungsmitteln für Männer und Frauen. In Remscheid haben wir unseren Pillenfonds: Frauen, die wenig Geld haben, können bei der pro familia die Antibabypille bekommen.

Sie wurden zur Bundessprecherin der Konferenz wiedergewählt. Können Sie dadurch die Anliegen der Remscheider Frauen bundesweit transportieren?

Steylaers: Ich höre hier sehr viele Dinge. Ich höre, was Remscheider Frauen bewegt. Ich weiß, dass das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein großes ist. Ich weiß, dass Remscheid alle Anstrengungen unternimmt, Kindergartenplätze zu schaffen. Ich weiß aber auch: Das Geld ist nicht immer da, Erzieherinnen fehlen. Ich komme auch oft mit älteren Frauen zusammen, die eine beeindruckende Lebensgeschichte hinter sich haben, aber trotzdem keine existenzsichernden Renten erwirtschaften. Das alles höre ich hier – und ich finde es ganz wichtig, dass ich das auf die Bundesebene transportieren kann. Wir unterhalten uns dabei regelmäßig mit Bundespolitikerinnen und arbeiten in Netzwerken. Viele Frauen sagen: ,Da kann man doch eh nichts machen.‘ Ich sage: Doch, da kann man was machen! Wir bleiben an den Forderungen dran.

Zur Person

Christel Steylaers (62) ist seit über 30 Jahren Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Remscheid. Die gebürtige Göttingerin ist Diplom-Politologin und Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft kommunaler Frauenbüros. Ihr Schwerpunkt ist die Arbeitsmarktpolitik.

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