Interview

Gesellschaft im Krisenmodus: „Es wird Gewinner und Verlierer geben“

Prof. Peter Imbusch spricht über die Gesellschaft im Krisenmodus.
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Prof. Peter Imbusch spricht über die Gesellschaft im Krisenmodus.

Soziologe Prof. Peter Imbusch verrät im Interview, welche Gefahren für eine Gesellschaft im Krisenmodus bestehen.

Von Nina Mützelburg

Professor Imbusch, laut aktueller Deutschland-Trend-Umfrage sind 68 Prozent der Deutschen weniger oder gar nicht zufrieden mit der aktuellen Regierung. Wie schätzen Sie solche Momentaufnahmen ein?

Prof. Peter Imbusch: Für mich ist das zunächst eine Zahl, von der ich nicht genau weiß, wie sie zustande gekommen ist. Als Soziologe möchte man ja immer wissen, wie eine Frage gestellt und nach was genau gefragt wurde, wenn es um Unzufriedenheit geht. Hätten Sie mich gefragt, ob ich unzufrieden bin mit der Regierung, dann hätte ich das auch bejahen können, aber meine Gründe wären vielleicht andere als die von anderen Befragten. Interessant wäre es doch zu wissen, mit was genau die Bevölkerung unzufrieden ist, nicht, ob es eine diffus bleibende Unzufriedenheit überhaupt gibt. Andererseits ist diese Zahl natürlich schon ein gewisser Indikator.

Die meisten sind unzufrieden mit dem aktuellen Krisenmanagement, bezogen auf Energiekrise, Inflation und Krieg.

Imbusch: Die Regierung hat ja diesbezüglich einige Gesetzesinitiativen und Hilfen auf den Weg gebracht. Aber die Art und Weise, wie sie das macht und warum sie das macht, ist erklärungsbedürftiger. Manches Krisenmanagement versteht sich ja nicht von selbst. Hinzu kommt der teils offen ausgetragene Streit innerhalb der Regierung, der nicht dazu beiträgt, Vertrauen zu schaffen oder ein einheitliches Bild abzugeben. Manchmal überwiegen parteipolitische Kalküle bei einzelnen Streitigkeiten, die nicht in der Öffentlichkeit ausgebreitet werden müssten. So entsteht der Eindruck, dass vielfach gestritten wird und am Ende nur ein Kompromiss als kleinster gemeinsamer Nenner herauskommt, der dann als großer Wurf verkauft wird. Das verstehen die Menschen nicht mehr und das verunsichert sie.

Was macht diese Verunsicherung mit den Menschen?

Imbusch: Ihnen fehlt eine klare Vorstellung von der Zukunft. Sie wissen nicht, wie sich die Gesellschaft und ihre persönliche Lage angesichts der vielen Krisen entwickeln wird. Das kann zu Orientierungslosigkeit und Ohnmachtsgefühlen führen, die Menschen fühlen sich wie gelähmt. Es gibt keine klare Linie mehr, an der man sich orientieren kann, alte Gewissheiten werden gerade in rascher Geschwindigkeit ad acta gelegt und gelten nicht mehr. Die Verunsicherung nimmt momentan in allen Bereichen deutlich zu. Das betrifft nicht nur die wirtschaftspolitischen Leitlinien, die Arbeitswelt und das Krisenmanagement, sondern im Grunde das gesamte Leben. Für manche Bevölkerungsschichten sind die Zukunftsaussichten problematischer geworden.

Was müsste die Politik machen, um das Ruder noch einmal umzureißen?

Imbusch: Das ist die 100 000-Euro-Frage. Trotz der scheinbar hohen Unzufriedenheit sollte man insgesamt nicht vergessen, dass die Bevölkerung ja bislang überwiegend wohlmeinend mit der Politik ist. Wir haben es nicht mit einer Spaltung der Gesellschaft zu tun, wo die eine Hälfte gegen die andere steht. Der größte Teil unserer Gesellschaft erwartet Gutes von der Politik, hat in Teilen nur eine andere Meinung als die Politiker oder fühlt sich nicht genügend von ihnen vertreten. Auf der Seite der Politiker sind die Herausforderungen momentan auch sehr groß, die Krisen ballen sich. Und da sie alle gleichzeitig kommen, kann Politik nicht wirklich gut darauf reagieren. Manche Entscheidungen fallen zu langsam, andere gehen nicht weit genug, wieder andere werden als problematisch empfunden - das steigert das Unzufriedenheitspotenzial. Hinzu kommt, dass viele der Maßnahmen, die nun ergriffen werden, der Beruhigung dienen und nicht dauerhaft negative Effekte abzumildern vermögen. Viele denken, dass manche Lösungen nur ein Tropfen auf den heißen Stein sind, der nach kurzer Zeit verpufft und keine grundsätzliche Besserung mit sich bringt.

Müssen wir durch die Orientierungslosigkeit mit einem Rechtsruck rechnen, weil die rechten Parteien darin eine Chance für sich sehen?

Imbusch: Gesellschaftliche Ungewissheit und Verunsicherung sind natürlich so eine Art Einfallstor für die rechtspopulistischen Parteien und Bewegungen. Vielleicht möchte man bei Wahlen den regierenden Parteien einfach mal einen Denkzettel verpassen. Aber das ist brandgefährlich, da scheinen mir manche die Tragweite ihrer Entscheidungen nicht wirklich zu überblicken. Die Rechtspopulisten versuchen seit jeher, Krisen für sich zu instrumentalisieren. Dabei bieten sie aber selbst keine wirklichen Alternativen oder Lösungsvorschläge an, sondern bedienen nur Ressentiments und suchen Sündenböcke. Entsprechend einseitig sind ihre Vorschläge. Manche Probleme, die sie aufgreifen, gibt es ja tatsächlich in der Gesellschaft, aber die müssen demokratisch gelöst und diskutiert werden. Rechtspopulistische oder rechtsradikale Slogans sind dabei nicht hilfreich.

Trotzdem gibt es einen Teil der Bevölkerung, der sich davon angesprochen fühlt. Die ersten Flüchtlingsheime haben bereits gebrannt. Müssen wir uns auf noch mehr gefasst machen?

Imbusch: Das steht zu befürchten. Gerade die Flüchtlingssituation ist ja ein klassisches Thema der Rechten. Zum Glück sind die Deutschen aber in der überwiegenden Mehrheit sehr zurückhaltend, was Radikalisierungsprozesse angeht. Sie sind hilfs- und aufnahmebereit. Beim Blick ins europäische Ausland kann einem schon eher angst und bange werden. In Deutschland stehen die meisten Menschen auf der richtigen Seite. Das Problem ist nur, dass diese große Mehrheit der Bevölkerung nicht auf die Straße geht und sich politisch artikuliert. Da fehlt es an zivilgesellschaftlichem Engagement für die richtige Sache. Damit überlässt man die Straße den Schreihälsen, Wutbürgern und anderen, die sich von rechten Parteien instrumentalisieren lassen. Das war schon in der Corona-Krise so. Da wirkte die Macht der Wenigen, die gegen Impfungen und Maßnahmen waren, viel größer, als sie eigentlich war. Bedenklich an der Flüchtlingsfrage ist jedoch, dass dabei mit zweierlei Maß gemessen wird und der Eindruck entsteht, dass es gute und schlechte Flüchtlinge gibt.

Wir Menschen sehnen uns oft nach der Vergangenheit und wollen, dass alles so wird, wie es war. Wird es jemals wieder wie früher?

Imbusch: Nein, das wird es bestimmt nicht. Früher war schließlich auch nicht alles besser. Der Wunsch nach der guten alten Zeit ist wohl ein Stück weit Verklärung und entspringt eher dem Wunsch nach Gewissheit und Zukunftssicherheit angesichts einer krisenhaften Weltordnung, die gerade vor unseren Augen mit weitreichenden Folgen zusammenbricht, wenn ich es etwas pathetisch sagen darf. Krisen sind ja auch immer ein Neubeginn – das Neue muss nur konstruktiv gestaltet werden und sollte möglichst für alle Menschen Chancen beinhalten.

Sind wir denn so anpassungsfähig, dass wir auch diese Krisen meistern?

Imbusch: Das ist schwer zu sagen. Wir sind ja eine sehr individualistische Gesellschaft, was den Zusammenhalt und die Orientierung auf ein Allgemeingut manchmal erschwert. Ich gehe davon aus, dass es auch in der momentanen Krise Gewinner und Verlierer geben wird. Vielen Bevölkerungsschichten geht es recht gut. Sie werden auch mit höheren Gas- und Stromrechnungen zurechtkommen. Es wird aber auch andere geben. Da ist die Not akut. Sie sind die bedrohte Gruppe. Ohnehin ist die soziale Ungleichheit in den vergangenen Jahren schon stark gestiegen. Das dürfte durch die aktuellen Krisen nicht besser werden.

Zur Person

Prof. Peter Imbusch lehrt und forscht am Institut für Soziologie der Bergischen Universität Wuppertal. Sein Schwerpunkt ist die Politische Soziologie. Hier beschäftigt er sich mit Fragen von Macht und Herrschaft, sozialer Ungleichheit, Konflikten und Gewalt. In einer vom Solinger Tageblatt mit initiierten Studie wies er nach, dass jeder Dritte der Amts- und Mandatsträger im Städtedreieck Erfahrungen mit Bedrohung und Gewalt machen musste.

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