Auftakt mit Maria Carmela Marinelli

Geschichten erzählen von Sehnsucht und Freiheit

Eröffnete das Erzählfestival: Maria Carmela Marinelli aus Leipzig, begleitet von der Gitarristin Elettra Bargiacchi. Foto: Marinelli
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Eröffnete das Erzählfestival: Maria Carmela Marinelli aus Leipzig, begleitet von der Gitarristin Elettra Bargiacchi.

Seit Mittwoch findet in der Akademie der Kulturellen Bildung das Erzählfestival online statt.

Von Sabine Naber

Unter dem Motto „Generationen im Dialog“ haben sich Erzählerinnen und Erzähler aus allen Himmelsrichtungen in der Akademie der Kulturellen Bildung in Küppelstein getroffen. In diesem Jahr wird zu diesem Festival wegen der Corona-Pandemie allerdings online eingeladen.

Am ersten Abend war Maria Carmela Marinelli zu Gast, Elettra Bargiacchi untermalte die Erzählungen mit den dazu passenden Gitarrenklängen. Lebendig, unterstrichen mit schwungvollen Gesten, erzählt die italienische Künstlerin von der Freiheit, der Sehnsucht, ihrer Heimat und den Freunden.

„Die Feder und der Spiegel“, so überschreibt sie ihre Geschichten, die sie überwiegend in Deutsch schildert, denn inzwischen ist sie in Leipzig zu Hause. Wenn es allerdings emotional wird, sprudelt die Muttersprache temperamentvoll aus ihr heraus.

Wunderbar melancholische Gitarrenmusik

Am Anfang erzählt sie vom Meer, bei dem es kein Oben und kein Unten, nur den großen Ozean gibt. „Ich komme aus Sammichele di Bari. Der Ortsname hat mehr Buchstaben, als mein Heimatdorf Einwohner hat. Eingekauft wurde ausschließlich bei Natale, der mit halboffenem Kittel in seinem Einkaufsladen stand.“ Der Laden sei so klein gewesen, dass der Schinken nach Rosenseife duftete.

Als Marinelli nach Deutschland kam, da wollte sie eigentlich nur sechs Monate lang bleiben. Inzwischen seien 15 Jahre daraus geworden. „Wenn ich zu Besuch kam und mit einer schweren Tasche – wenn man drei Thunfischdosen kaufte, bekamst du noch zwei geschenkt – wieder nach Deutschland zurückflog, dann brachte mich meine Mutter zum Flughafen, winkte mir nach und lächelte. In ihren Augen sah ich Vertrauen“, so schildert sie den Abschied. Im Flugzeug habe sie sich ans Fenster gesetzt, um von Bari, der Altstadt, dem Theater, der Kathedrale Abschied zu nehmen. „Das Meer lächelte mich an, Berlin empfing mich mit schönem Wetter.“

In manchen Nächten sei ihre Sehnsucht so groß gewesen, dass es wehtat. „Dann bin ich in die Küche gegangen, habe meinen Kopf in die Tasche gesteckt. Es roch nach belegten Brötchen und Rosenseife.“ Wunderbar melancholisch erklang dazu die Gitarrenmusik. Magisch und fantasievoll die Erzählung vom „Blauen Vogel“, der den Fluss entlang bis zum Horizont fliegt, dort die Vögel zusammenruft und sie überredet, zum König zu fliegen: „Sie breiteten ihre Flügel aus, pulsierendes Leben voller Hoffnung. So flogen sie, bis sie nicht mehr zu sehen waren.“

Vom Publikum gab es Applaus und viel Lob. „Sie beide harmonieren zusammen, der Rhythmus des Erzählens und der Musik passt zusammen“, fasste es eine Zuhörerin zusammen. Eine andere fragte, wie sich die Künstlerinnen, die seit 2013 als Duo auftreten, kennengelernt hatten. „Ich suchte damals eine Babysitterin, Elettra wurde es. Wir kamen schnell auf die Idee, kleine Geschichten für Kinder zu schreiben. Dann wurde mehr daraus. Wir probierten den Sound aus, die Stimme, die Bewegung zu den Erzählungen“, schildert Marinelli. Immer würde zunächst etwas Magisches passieren. Anschließend würden sie festlegen, welche Art von Musik dazu passt, der Rest sei Improvisation. „Wir folgen uns, proben viel, finden die Verbindung.“

„Was aus dem Kaufmann Natale geworden sei“, wurden die beiden gefragt. „Das ist eine gute Idee, den Faden weiterzuspinnen. Wir wissen nur, dass er noch in Sammichele lebt“, nahmen die beiden Künstlerinnen die Frage als Anregung, weiter zu forschen. „Neue Stücke wachsen auch durch die Reaktionen des Publikums“, versichert Marinelli. Auf die Frage, ob sie die Erzählungen für ihre Mutter übersetzt, sagte die Künstlerin: „Meine Mutter hat mir gesagt, dass ich das nicht tun müsste. Es sei auch schön für sie, wenn ich Deutsch spreche.“

Erzählfestival

Das Internationale Erzählfestival steht in diesem Jahr unter dem Motto „Generationen im Dialog“. Von Mittwoch bis einschließlich heute treffen sich Erzählerinnen und Erzähler virtuell, organisiert von der Akademie der Kulturellen Bildung, zu Workshop-Präsentationen, Erzählstücken und Künstlergesprächen.

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