Höhere Preise

Gebrauchtwagen werden auch in Remscheid zur Mangelware

Geschäftsführer Hakan Göksu (r.) und Verkaufsberater Thorsten Jurack auf dem Hof des ASG-Autohaus. Der Aufwand, um hier weiterhin ein breites Angebot präsentieren zu können, sei deutlich gestiegen, berichten sie. Foto: Roland Keusch
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Geschäftsführer Hakan Göksu (r.) und Verkaufsberater Thorsten Jurack auf dem Hof des ASG-Autohaus. Der Aufwand, um hier weiterhin ein breites Angebot präsentieren zu können, sei deutlich gestiegen, berichten sie.

Die Krise bei den Neufahrzeugen weitet sich auf den gesamten Automarkt aus.

Von Sven Schlickowey

Remscheid. Was bei den Neuwagen begann, hat inzwischen auch die Gebrauchten erreicht: Die Zahl der verfügbaren Fahrzeuge ist gering, die Preise steigen. Der Branchendienst DAT, der den Markt seit Jahrzehnten beobachtet, berichtete zuletzt Erstaunliches: Gebrauchte Fahrzeuge stehen immer kürzer auf dem Hof, selbst Diesel gehen weg wie die sprichwörtlich warmen Semmel. Und das zu höheren Preisen. Drei Jahre alte Benziner würden inzwischen zu Preisen gehandelt wie früher zwei Jahre alte, sagt Martin Weiss, Leiter der DAT-Fahrzeugbewertung: „Wir haben so etwas in der Masse noch nie erlebt.“

Und da macht Remscheid natürlich keine Ausnahme, wie Thomas Bliß, Obermeister der hiesigen Kfz-Innung, bestätigt. Bliß, Inhaber einer Werkstatt an der Neuenkamper Straße, ist selber zwar kein Händler, steht über die Innung aber mit einigen in Kontakt – und spricht von einer Art „Mangelverwaltung“: Es werde immer schwieriger, Kundenwünsche zu erfüllen.

„Langweilig wird es nicht.“

Autohändler Hakan Göksu

Entsprechend seien die Händler, trotz der gestiegenen Preise nicht glücklich über die Situation, hat Thomas Bliß beobachtet: „Ich glaube nicht, dass auch nur ein Gebrauchtwagenhändler damit zufrieden ist.“ Zumal sich die Margen kaum verändert hätten, wie Hakan Göksu, Geschäftsführer des Remscheider ASG-Autohaus, betont: „Wir kaufen ja auch teurer ein.“ Preissteigerungen von 30 und mehr Prozent seien da keine Seltenheit.

Als Ursache haben die meisten Experten die Lieferprobleme bei den Neuwagen ausgemacht. Weil es die kaum mehr gibt, weichen immer mehr Kunden auf Gebrauchte aus, was die Nachfrage erhöht. Und wenn weniger neue Autos verkauft werden, werden auch weniger gebrauchte in Zahlung genommen, was das Angebot verringert.

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ASG mache seinen Umsatz zu 90 Prozent mit gebrauchten Fahrzeugen, berichtet Geschäftsführer Göksu. Dafür habe er früher von Vertragshändlern Inzahlungnahmen teils im Paket gekauft. „Dieses Geschäft ist größtenteils weggebrochen.“ Stattdessen kaufe seine Firma nun verstärkt von privat an – mit einem ungleich höheren Aufwand. „Wir müssen eigentlich jeden Tag neue Strategien entwickeln“, sagt Hakan Göksu. „Langweilig wird es nicht.“

Dass er der Situation trotzdem etwas Positives abgewinnen kann, liege an den zahlreichen neuen Kundenanfragen: Jeden Tag kämen neue Kaufinteressenten, viele mit einem konkreten Suchauftrag. Dank eines über Jahrzehnte gesponnenen Netzwerkes bleibe man lieferfähig, versichert der Geschäftsführer: „Wir finden fast immer eine Lösung.“

Und ewig anhalten, da sind sich die Fachleute einig, wird die Situation wohl nicht. Verbessert sich die Liefersituation bei den Neuwagen, entspannt sich kurz danach auch der Gebrauchtwagenmarkt. Obermeister Thomas Bliß rechnet damit, dass danach schnell wieder alles beim Alten ist.

Denn während lange Nutzungsdauern und Reparaturen bei anderen Gebrauchsgegenständen im Zuge der Nachhaltigkeitsdiskussion längst normal sind, gönnen sich viele Autofahrer in normalen Zeiten dank günstiger Finanzierungsangebote alle paar Jahre einen Neuwagen. Die Erkenntnis, dass man Autos auch länger fahren könne, werde sich wohl auch in der aktuellen Gebrauchtwagen-Krise nicht dauerhaft durchsetzen, vermutet Bliß: „Die Industrie wird alles daran setzen, den bisherigen Trend zu halten.“

Hintergrund

Laut DAT hatten drei Jahre alte Benzinfahrzeuge im Dezember 2021 durchschnittlich einen Wert von 61,6 Prozent des Listenpreises – ein Rekordwert. Drei Jahre alte Diesel, zuletzt eher Ladenhüter, erreichten 58,7 Prozent.

Standpunkt: Nicht selbstverständlich

Ein Kommentar von Sven Schlickowey

sven.schlickowey@rga.de

Gebrauchte teils teurer als Neue – das hatte es zuletzt vermutlich beim DDR-Trabi mit seinen mehr als zehn Jahren Lieferzeit gegeben. Was für Händler wie Kunden gleichermaßen ärgerlich ist, zeigt einmal mehr, wie empfindlich unsere internationalen Lieferketten sind. Und wie wenig selbstverständlich das, was wir jahrelang dafür hielten. Sollten wir diese Erfahrung, wenn der Knoten sich in ein paar Monaten löst und Neue wie Gebrauchte wieder verfügbar sind, erneut vergessen, wird uns die nächste Krise, sei es ein Virus, ein verstopfter Kanal oder etwas anderes, wieder hart treffen.

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