Interview der Woche

Menschen haben mehr Existenz- und Zukunftsängste als Angst vor dem Virus selbst

Prof. Dr. Eugen Davids ist der Chef von rund 600 Mitarbeitern der Stiftung Tannenhof. Das psychiatrische Krankenhaus, das im nächsten Jahr seine Gründung vor 125 Jahren feiert, befindet sich seit Jahren auf Wachstumskurs im Bergischen Land. Foto: Roland Keusch
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Prof. Dr. Eugen Davids ist der Chef von rund 600 Mitarbeitern der Stiftung Tannenhof.
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Prof. Dr. Eugen Davids erwartet in der Krise eine deutliche Zunahme psychischer Erkrankungen.

Das Gespräch führte Axel Richter

Remscheid. Prof. Dr. Eugen Davids ist der Chef von rund 600 Mitarbeitern der Stiftung Tannenhof. Das psychiatrische Krankenhaus, das im nächsten Jahr seine Gründung vor 125 Jahren feiert, befindet sich seit Jahren auf Wachstumskurs im Bergischen Land.

Herr Prof. Dr. Davids, wir erleben den schrittweisen Ausstieg aus dem Lockdown. Was macht Corona mit den Menschen?

Prof. Dr. Eugen Davids: Angst. Corona macht den Menschen Angst. Wobei mittlerweile Existenz- und Zukunftsängste die Angst vor dem Virus selbst überwiegen. Das bekommen wir als Psychiater nachgelagert, aber unmittelbar zu spüren. Im Tannenhof werden die Patientenzahlen deutlich steigen. Das Besondere: Viele dieser Menschen hatten mit seelischen Problemen und Psychiatrie bislang nichts zu tun.

Das sind Menschen, die bislang mitten im Leben standen, die in gesicherten Verhältnissen lebten . . .

Davids: Und deren gesicherte Verhältnisse sich augenblicklich als äußerst fragil erweisen, ja. Das ganze bisherige Leben gerät aus den Fugen. Einzelhändler, Dienstleister, Gewerbetreibende fürchten um ihr Unternehmen, Arbeitnehmer sind in Kurzarbeit oder haben ihren Arbeitsplatz bereits verloren. Die Menschen sehen ihre Existenz und ihr Lebenswerk verloren gehen. Sie befinden sich in einem nicht endenden Dauerstresslevel, getrieben von Ängsten und Sorgen. Denn niemand kann ihnen sagen, wann das, was sie gerade erleben, vorbei ist.

Wie reagieren die Menschen in einer solchen Ausnahmesituation?

Davids: Sie werden reizbarer und dünnhäutiger, andere reagieren depressiv. Das Trinkverhalten nimmt zu. Das lässt sich am Umsatz von Alkoholika bereits absehen. Bei einigen stellt sich eine Art Lebensverdruss ein, die in Suizidalität münden kann.

Was können Sie dagegen unternehmen?

Davids: Wir unterbreiten ein Gesprächsangebot. Dabei versuchen wir zunächst zu ergründen, welche Ängste vorliegen. Sind die Ängste rational begründet oder sind sie überzogen und neigt der Patient vielleicht dazu, die Dinge zu katastrophisieren, das heißt, grundsätzlich von den schlimmsten aller möglichen Entwicklungen auszugehen? Wir versuchen dann, Wege aus dieser Krisensituation aufzuzeigen. Am wichtigsten ist dabei vielleicht der sozialpsychiatrische, sozialarbeiterische Ansatz. Für manche Patienten bricht der gesamte Alltag zusammen, und sie sind nicht einmal mehr in der Lage, ein Formular auszufüllen. Wir bieten ihnen ganz konkrete Hilfe an, indem wir uns danebensetzen und das gemeinsam machen.

Verfügen Sie im Tannenhof über ausreichende Behandlungskapazitäten?

Davids: Ja. Wir schaffen gerade weitere Behandlungsräume. Glücklicherweise verfügen wir hier ja über viel Platz.

Und Personal auch?

Davids: Ja. Wie Sie wissen, hatten sich ja auch zwei Mitarbeiter der Stiftung Tannenhof mit dem Coronavirus infiziert. Sie sind mittlerweile wieder genesen und nach häuslicher Quarantäne in unser Team zurückgekehrt. Unter unseren Patienten hatten wir glücklicherweise bis heute auf dem Campus in Lüttringhausen keinen Infektionsfall. Wir verfügen über ein sehr engmaschiges Kontrollsystem.

Gehen alte Menschen eigentlich robuster mit der Corona-Krise um?

Davids: Das kommt auf ihre jeweilige Lebenssituation an. In den Altenheimen hat sich die Zwangsisolation infolge des Besuchsverbots unmittelbar negativ auf die psychische Verfassung der Menschen ausgewirkt. Aber Sie haben recht. Menschen, die heute 80, 90 Jahre alt sind, haben die Zeit von Krieg und Wiederaufbau erlebt. Alle späteren Generationen kennen die Existenzängste und den Überlebenskampf der damaligen Zeit nicht. Es gab zwar den Kalten Krieg als allgemeine Bedrohung. Es gab aber keine unmittelbare Gewalt, keinen Hunger, keine Kälte, keine unmittelbare Lebensbedrohung. Vielleicht tun die Nachkriegsgenerationen sich deshalb schwerer mit einer solchen Krisensituation, wie wir sie derzeit erleben.

Die Leistungsgesellschaft hat in der Corona-Krise notgedrungen eine Pause eingelegt. Erkennen Sie darin auch etwas Positives?

Davids: Ich glaube, dass das Verständnis für Menschen, die sich in einer psychischen Ausnahmesituation befinden, größer wird. Die Corona-Krise offenbart die Verletzlichkeit der menschlichen Seele und zeigt, wie schnell ein jeder von Erkrankungen der Psyche betroffen sein kann.

Woran merke ich, dass ich ein Problem habe?

Davids: Wenn zum Beispiel Freunde zu Ihnen sagen: Du bist nicht mehr der Alte. Schlafstörungen, eine erhöhte Reizbarkeit, aber auch psychosomatische Folgen wie Durchfall und Herzrasen sind eindeutige Alarmsignale. Danach sollten Sie einen Arzt aufsuchen, einfach um zu schauen, ob es für diese Symptome eine psychische Ursache gibt oder ob sie auszuschließen ist. In jedem Fall sollte das so früh wie möglich untersucht werden, bevor die Psyche erst richtig im Keller angelangt ist. Denn der geht es ganz ähnlich wie der Gesellschaft im Lockdown. Hinein geht es schnell, aber nur schwer wieder heraus. Lesen Sie dazu auch: Stiftung Tannenhof rechnet mit stark steigenden Patientenzahlen.

Zur Person

Prof. Dr. Eugen Davids (53) ist der ärztliche Direktor der Stiftung Tannenhof und damit der Vorgesetzte von 600 medizinischen Mitarbeitern. Davids zeichnet verantwortlich für die psychiatrische Versorgung von annähernd 500 000 Menschen im Bergischen Land.

Der Psychiater studierte in Kiel und Erlangen, arbeitete an verschiedenen Unikliniken, darunter zwei Jahre an der US-Elite-Hochschule Harvard. Zuletzt war er Chefarzt an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Katholischen Klinikum Oberhausen. Davids ist Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Organisationen und gibt an der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen Vorlesungen und Seminare in den Fächern Psychiatrie und Psychotherapie.

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