Der Tod gehört zum Leben

Kuchen in Sargform: Einziger Azubi im Bestatterhandwerk hat Lehre abgeschlossen

Zur bestandenen Bestatterprüfung von Merlin Hannes (l.) gab es vom Chef Peter Hrabar einen Kuchen in Sargform. Foto: Roland Keusch
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Zur bestandenen Bestatterprüfung von Merlin Hannes (l.) gab es vom Chef Peter Hrabar einen Kuchen in Sargform.

Einziger Auszubildender im Bestatterhandwerk hat die Lehre abgeschlossen.

Von Valeria Schulte-Niermann

Remscheid. Der Tod hat für Merlin Hannes nichts Schreckliches; er gehört zum Leben dazu und bestimmt seinen Alltag. Der 27-Jährige ist der einzige Bestatterlehrling Remscheids. Jetzt, zweieinhalb Jahre nach Ausbildungsbeginn, hat er seine Prüfung zur Bestattungsfachkraft abgeschlossen. Von seinem Chef gab es dafür einen Kuchen in Sargform.

„Die werden mich einfach nicht los“, sagt Merlin Hannes mit einem Lächeln. Er hat im Bestattungswesen seine Berufung gefunden und will im Bestattungshaus Ernst Roth bleiben. Inhaber Peter Hrabar (55) ist froh darüber: „Wir haben ihn genommen, weil uns klar war, dass er bei uns bleibt und seine berufliche Zukunft hier sieht.“

Schon als 14-Jähriger verdiente der gebürtige Wuppertaler sein Taschengeld auf dem Friedhof. Dort endeten viele Sonntagsspaziergänge mit den Eltern. Der Friedhofsgärtner sprach ihn an: Ob er nicht als Träger von Särgen und Urnen ein bisschen Geld verdienen möchte.

Merlin Hannes mochte. In der Schule bekam er zwar den Satz zu hören: „Wie kannst du nur auf dem Friedhof arbeiten?“ Doch das störte ihn nicht. Nach einiger Zeit lernte er Peter Hrabar kennen, der ihn bei sich in Remscheid als Träger anstellte.

Beruflich war für Merlin Hannes früh klar, dass er entweder etwas mit Finanzen oder Bestattungen machen möchte. Er absolvierte eine Ausbildung bei der Bank als Kaufmann für Versicherungen und Finanzen. Doch das wurde ihm bald langweilig. Nach zwei Probearbeitstagen im Hause Roths, war für ihn klar, was er möchte. „Ich hatte überhaupt keine Berührungsängste“, sagt Merlin Hannes.

In Nordrhein-Westfalen absolvierte der neue Bestatter seine Ausbildung als einer von 100 Lehrlingen. Deutschlandweit zählt der Bundesverband Deutscher Bestatter (BDB) 500 Auszubildende. Die Hälfte davon sind Frauen. Die Abbruchquote liegt bei rund 12 Prozent. Das gilt als gering. In Remscheid sind neun Bestatter Mitglied beim Bundesverband Deutscher Bestatter. Doch nicht jeder kann ausbilden.

Peter Hrabar ist froh, dass Merlin Hannes schon etwas älter ist. Minderjährige dürften noch keine Leichen sehen, da muss vorher aufgeklärt und die Einwilligung der Eltern eingeholt werden. Merlin Hannes hatte schon seine verstorbenen Großeltern gesehen und wusste daher, dass das nichts Besonderes für ihn ist.

„Es ist hilfreich, ein bisschen kräftiger zu sein.“

Peter Hrabar, Chef

Zu nah dürfe man die Trauer der Kunden nicht an sich heranlassen. „Ich nehme meine Arbeit nicht mit nach Hause“, sagt Peter Hrabar. Dennoch müsse man emphatisch und einfühlsam sein. Und keinen Ekel haben. Denn es komme vor, dass eine Leiche bereits ein paar Tage alt ist und auch keine Rekonstruktion mehr helfe. „Man kann den Tod nicht immer wegschminken“, sagt Hrabar. Außerdem ist der Beruf auch körperlich anstrengend: „Es ist hilfreich, ein bisschen kräftig zu sein.“ Trotz Tragehilfen ist es nicht einfach, 140 Kilogramm schwere Körper zu bewegen.

Merlin Hannes gefällt, wie abwechslungsreich die Arbeit ist. „Kommunikativ, organisatorisch, medizinisch, kosmetisch, seelsorgerisch, veranstaltungstechnisch“, zählt Elke Herrnberger vom Bund Deutscher Bestatter die Vielfalt des Handwerks auf. An dem einen Tag ist er im Büro, am anderen auf dem Friedhof oder plant Trauerfeiern. Weniger gern verfasst er Trauerbriefe: „Ich bin ein super unkreativer Typ“, sagt Merlin Hannes.

Überrascht habe ihn, wie viele Rechte und Gesetze er pauken musste. Glück hatte er, dass die Berufsschule um die Ecke in Wermelskirchen liegt. Nach der Schule konnte er noch in den Betrieb und Dinge lernen, die er sonst verpasst hätte. Zum Beispiel einen Sarg auszukleiden.

Als fester Mitarbeiter muss Merlin Hannes sich nun auf Wochenend- und Bereitschaftsdienste einstellen. Dennoch: „Ich bin froh, dass ich hier gelandet bin, weil ich alles machen konnte.“ In ein paar Jahren will er seinen Bestattermeister anschließen.

Bestatterhandwerk

Das Bestatterhandwerk ist ein zulassungsfreies Gewerbe. Jeder kann ohne Ausbildung einen Betrieb gründen. Der Bund Deutscher Bestatter möchte das ändern und fordert eine Meisterpflicht. Denn von einem Bestatter werden umfassende Dienstleistungen in der Beratung, Betreuung und Organisation erwartet. Besonders in der Pandemie habe man bemerkt, dass der fachgerechte Umgang mit Verstorbenen und die einfühlsame Betreuung von trauernden Angehörigen eine berufliche Zugangsregelung benötige.

Die Stadt Remscheid muss für immer mehr Sozialbestattungen finanziell aufkommen. Die Zahl der Fälle stieg 2018 erstmals auf über 100 an. „Und dieser Trend hält an, wenngleich es immer wieder Ausschläge in der Statistik gibt“, erklärt Ordnungsamtschef Jürgen Beckmann. 

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