Erinnerung

Freispruch schützte nicht vor dem KZ

Emil Schmidt, Mitglied der Widerstandsgruppe um Hans Salz, wurde aufgrund seiner Zuchthausstrafe als „wehrunwürdig“ eingestuft. 1944 wurde er vom KZ Ravensbrück zu einer berüchtigten SS-Frontbewährungseinheit eingezogen. Seit März 1945 gilt er als verschollen. Foto: Privatarchiv Breidenbach
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Emil Schmidt, Mitglied der Widerstandsgruppe um Hans Salz, wurde aufgrund seiner Zuchthausstrafe als „wehrunwürdig“ eingestuft. 1944 wurde er vom KZ Ravensbrück zu einer berüchtigten SS-Frontbewährungseinheit eingezogen. Seit März 1945 gilt er als verschollen.

52 Angeklagte einer der größten Widerstandsgruppen in Remscheid wurden 1935 wegen Hochverrats verurteilt.

Von Armin Breidenbach

Remscheid. „Der 2. Strafsenat des Oberlandesgerichts Hamm fällte nach siebentägiger nichtöffentlicher Verhandlung am Landgericht Wuppertal in einem Prozeß gegen eine größere Anzahl Angeklagter aus Remscheid im Laufe des Dienstagnachmittags sein Urteil.“ So leitete der RGA am 21. November 1935 einen Bericht über die Verurteilung von Mitgliedern einer der größten Remscheider Widerstandsgruppen im Dritten Reich ein. 59 Männer und Frauen waren angeklagt worden. Bis auf fünf Personen, die aus Wermelskirchen, Viersen beziehungsweise Düsseldorf stammten, kamen alle aus Remscheid. Die meisten wurden für schuldig befunden, durch Verbreitung von illegalen Schriften, Zahlung beziehungsweise Einsammeln von Beiträgen für die illegale Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) und Werbung von Mitgliedern Hochverrat vorbereitet zu haben.

Der Hauptangeklagte, Johann (Hans) Salz (19.3.1907 bis 30.11.1976), berichtete nach dem Krieg: „Unsere Hauptarbeit war die antifaschistische Aufklärung. Mit Kinderdruckkästen stellten wir Tausende Flugblätter gegen Hitler her. An SA- und SS-Leute sowie an Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wurden hektographierte Briefe über faschistische Verbrechen versandt.“

Am 19. November 1935 wurden die Urteile gesprochen: Von den 59 Angeklagten wurden vier freigesprochen; in drei Fällen wurde das Verfahren eingestellt. Die verbliebenen 52 wurden zu Zuchthaus- oder Gefängnisstrafen in Höhe von insgesamt 153 Jahren verurteilt. Dem RGA-Bericht zufolge wurden die am schwersten belasteten Angeklagten, darunter fünf Frauen, zu Zuchthausstrafen von 20 Monaten bis zu zehn Jahren verurteilt, auch wurde in 13 Fällen auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte und in sieben Fällen auf Zulässigkeit von Polizeiaufsicht erkannt. Bei den zu Zuchthaus Verurteilten betrug die Strafe durchschnittlich annähernd viereinhalb Jahre.

Der Hauptangeklagte Hans Salz, der während der Vernehmungen im Remscheider Polizeiamt in der Uhlandstraße schwer misshandelt worden war, wurde wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt, die er vom 26. November 1935 bis zum 31. August 1944 im Zuchthaus Lüttringhausen verbüßte. Den Recherchen der verstorbenen Remscheider VVN-Vorsitzenden Ilse Faeskorn zufolge wurden sieben Freigesprochene (Karl Beck, Max Lauer, Willi Mager, Hans Stölting, Peter Thamer, Hermann Tillmanns, Fritz Wetzel) nicht aus der Haft entlassen.

Vermutlich wurden sie nach der Verkündung des Urteils im Gerichtssaal verhaftet. Sie blieben einige Wochen im Polizeigefängnis Wuppertal-Barmen, Bachstraße, bis sie am 24. Dezember 1935 in das KZ Esterwegen eingeliefert wurden. Als dieses KZ im August/September 1936 aufgelöst wurde, wurden die dortigen „Schutzhäftlinge“ entweder entlassen oder in das im Bau befindliche KZ Sachsenhausen überführt. Während Fritz Wetzel wegen des Todes seines Vaters am 7. September 1936 aus dem KZ Esterwegen entlassen worden war, wurden die sechs anderen Remscheider Kommunisten nach Sachsenhausen überstellt. Dort blieben sie mindestens bis 1937 in „Schutzhaft“.

„Mit Kinderdruckkästen stellten wir Tausende Flugblätter gegen Hitler her.“
Hans Salz, Hauptangeklagter

Als Letzter wurde Hermann Tillmanns am 20. Dezember 1938 aus diesem KZ entlassen. An drei Widerstandskämpfer aus der Gruppe Salz erinnern in Remscheid „Stolpersteine gegen das Vergessen“: an Emil Schmidt, der zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt und nach 1945 für tot erklärt worden war, an Josef Linden, der ebenfalls zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt worden war und wahrscheinlich im Dezember 1944 in Ungarn bei Kampfhandlungen fiel und an Hans Katzenberger, der 1948 an den Haftfolgen verstarb.

Sechs starben

Folgende Mitglieder der Gruppe um Hans Salz überlebten nicht das Ende des Zweiten Weltkriegs: Ernst Fastenrath, Eugen Krah, Josef Linden, Emil Schmidt, Otto Schuchmilski und Fritz Wetzel.

Die Verfolgung der jüdischen Mitbürger im „Dritten Reich“ ist bereits aus etlichen Perspektiven beleuchtet worden. Umso erstaunlicher, dass heute kaum bekannt ist, dass es im Zuchthaus Lüttringhausen auch jüdische Häftlinge gab.

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