Im Sana-Klinikum

Gender-Herzzentrum: Frauen werden noch genauer behandelt

Prof. Dr. Burkhard Sievers ist Chefarzt der der Medizinischen Klinik I am Sana und Gendermediziner.
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Prof. Dr. Burkhard Sievers ist Chefarzt der der Medizinischen Klinik I am Sana und Gendermediziner.
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Prof. Dr. Burkhard Sievers hat am Sana-Klinikum hat ein Gender-Herzzentrum aufgebaut. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Von Melissa Wienzek

Remscheid. Das Sana-Klinikum Remscheid nimmt die speziellen Bedürfnisse von Männern und insbesondere von Frauen jetzt noch genauer in den Blick: Prof. Dr. Burkhard Sievers, Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und Angiologie, hat ein Gender-Herzzentrum aufgebaut. Damit nimmt das Sana eine Vorreiterrolle ein: Deutschlandweit gibt es laut Sievers nur eine Handvoll solcher Zentren, die personalisierte Medizin praktizieren. „Wir sind in Deutschland massiv hinterher. Das Thema findet kaum statt.“ Der Chefarzt der Medizinischen Klinik I ist nicht nur zertifizierter Gendermediziner, sondern auch Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Geschlechtsspezifische Medizin – und das kommt nun den Remscheiderinnen und Remscheidern zugute.

Was ist Gendermedizin genau?

Gendermedizin beschäftigt sich mit den unterschiedlichen Symptomen und Erkrankungen, die Frauen und Männer haben, erklärt Prof. Sievers. Denn hier gibt es erhebliche Unterschiede. Auch andere Geschlechtergruppen wie Diverse gehörten hierzu, diese kleinen Gruppen seien aber noch nicht in Studien erfasst.

Warum macht es Sinn, zwischen Mann und Frau zu unterscheiden?

Um den einzelnen Menschen individueller behandeln zu können. Beispiel: Eine zierliche Frau mit einer geringeren Körpergröße und damit auch einer geringeren Organgröße erhält standardmäßig die gleiche Medikamentendosis wie ein Mann, der einiges mehr wiegt, weil dies bislang gängige Praxis ist. Die Folge: Frauen haben dadurch ein erhöhtes Risiko für Nebenwirkungen – und die Therapie wird öfter abgebrochen. „Insbesondere durch den Einfluss von weiblichen Sexualhormonen werden Medikamente anders verstoffwechselt – und das hat Einfluss auf den Wirkmechanismus“, erklärt der Experte. Ärztinnen und Ärzte, die das verinnerlicht hätten, könnten zielgerichteter therapieren. „Frauen erhalten dann zunächst eine geringere Dosis.“

In welchen Medizinbereichen gibt es große Unterschiede?

„Die Kardiologie ist das Vorzeigebeispiel für den Unterschied zwischen Mann und Frau“, erklärt der Chefarzt. Sie war auch der Auslöser in den USA: Dort beschäftigen sich Ärzte und Forscher bereits seit den 90ern mit der Gendermedizin, heute gibt es in dortigen Kliniken spezielle Frauen-Herz-Programme. Nun schwappt das Thema zu uns rüber. Natürlich gebe es auch in anderen Fachgebieten genau diese Unterschiede.

Wie unterscheidet sich ein Herzinfarkt eines Mannes von dem einer Frau?

Bei Männern treten meist ein Druckgefühl in der Brust sowie Schmerzen auf, die in den linken Arm oder Kiefer ausstrahlen. „Wenn eine Frau in die Notaufnahme kommt und sagt: ,Ich habe Luftnot, Leistungsschwäche und Schmerzen, die in den Bauchraum oder die rechte Körperhälfte ausstrahlen‘, kommt nicht jede Ärztin oder jeder Arzt sowie die Patientin selbst unbedingt auf einen Herzinfarkt“, erklärt der Kardiologe. Dies sei nicht immer so, aber häufig.

Was ist die Folge für die Patientin?

Eine Frau mit solchen „untypischen“ Beschwerden werde möglicherweise falsch behandelt, im schlimmsten Fall sogar weggeschickt. Auf jeden Fall verliere man Zeit – und die sei bei einem Herzinfarkt ganz entscheidend. Denn je mehr Herzmuskelgewebe geschädigt werde, umso schlechter sei die Überlebenschance.

Warum ist das so?

Weil in den Lehrbüchern die typische Symptomatik auf Männer ausgerichtet ist – heute noch. „So wird es gelehrt.“ Sievers setzt sich daher mit seinen Vorstandskolleginnen bei der Deutschen Gesellschaft für Geschlechtsspezifische Medizin dafür ein, dass Lehrbücher geändert, Personal – Ärzte wie Pfleger – geschult und allgemein eine Sensibilität im Gesundheitssektor und der Bevölkerung geschaffen wird: Wer die Unterschiede von Männern und Frauen kennt, kann genauer hinsehen – und besser behandeln. „Gendermedizin sollte ins Lehrcurriculum des Medizinstudiums eingearbeitet werden“, fordert er. Sievers selbst schule Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter regelmäßig. Zudem arbeitet das Gender-Herzzentrum eng mit dem kardio-onkologischen Zentrum zusammen.

Warum macht das Sinn?

Moderne medikamentöse Krebstherapien können das Herz schädigen, zu einer Herzschwäche führen oder eine vorhandene Herzerkrankung verschlechtern. Damit die wichtige Krebstherapie dann nicht beendet werden muss, bedarf es einer engmaschigen kardiologischen Kontrolle und Begleitung. Im Sana würden Frauen ernst genommen – jede Betroffene dürfe sich melden. Behandelt werde stationär wie ambulant. Zudem profitierten Frauen vom großen Netzwerk des Gendermediziners.

Wie hilft das Sana Frauen bei welchen Herzkrankheiten?

Erstens: Koronarspasmen. Dabei verkrampfen ein oder mehrere Herzkranzgefäße. Dies führt zu Druck-Enge-Gefühl auf der Brust oder Luftnot. „Wenn man dann einen Herzkatheter macht, sieht man erst mal nur glatte Herzkranzgefäße – der Arzt findet auf den ersten Blick nichts.“ Dass die Betroffene unter Koronarspasmen leiden könnte, darauf kommen nur wenige Mediziner. Im Sana-Klinikum könnten die Experten einen Test im Katheterlabor machen, um die Diagnose zu stellen und den Frauen mit Medikamenten helfen. Zweitens: Schädigungen der Kapillargefäße, häufig ausgelöst durch Diabetes, Bluthochdruck, Nierenschwäche, Fettstoffwechselstörung, Rauchen. Symptome: Luftnot, Leistungsschwäche, Druck-Enge-Gefühl. „Auch hier besteht die Gefahr, dass man viel übersieht.“ Das Zentrum gehe dem genau auf den Grund. Drittens: das Broken-Heart-Syndrom. Wenn das Herz unter Stress gerät – als Trauer- oder Freudenreaktion oder durch Mehrfachbelastungen, wie sie in der Pandemie deutlich verstärkt waren –, kommt es zu einer massiven Stresshormonausschüttung. Dadurch ist das Herz plötzlich massiv überfordert und reagiert mit einer akuten Herzschwäche. „Beschwerden, EKG-Veränderungen und Laborwerte sind ähnlich denen eines Herzinfarktes, es ist aber keiner, sondern die linke Herzkammer ist massiv erweitert.“ Symptome: Luftnot, Engegefühl. Das Herz sieht in dem Moment aus wie eine Tintenfischfalle – daher spricht man hierbei auch von „takotsubo“, japanisch für Tintenfischfalle.

Welches Risiko haben Frauen?

Frauenspezifische Risikofaktoren sind zum Beispiel: eine frühe Menopause, eine späte erste Regelblutung, Früh- oder Fehlgeburt, gynäkologische Krebserkrankungen, Schwangerschaftsdiabetes und -bluthochdruck, Depressionen. Frauen haben ein deutlich erhöhtes Risiko für spätere Herz-Kreislauf-Erkrankungen als Männer - zusätzlich zu den üblichen Risikofaktoren. Problem: Diese frauenspezifischen Risikofaktoren würden nur selten von Ärzten abgefragt, da sie kaum bekannt seien. „Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind immer noch die Todesursache Nummer 1, und Frauen versterben häufiger an Herzerkrankungen als an allen Krebserkrankungen zusammen“, betont Prof. Sievers.

Zur Person / Kontakt

Zur Person: Prof. Dr. med. Burkhard Sievers ist Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und Angiologie, zertifizierter Gendermediziner und seit 2013 Chefarzt der Medizinischen Klinik I am Sana-Klinikum Remscheid sowie Inhaber der Praxis Cardiomed24. Als Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Geschlechtsspezifische Medizin setzt er sich auch außerhalb des Klinik- und Praxisalltags für die Gendermedizin ein. Zudem klärt er im Talkformat „Sievers Sprechrunde“ auf Youtube regelmäßig zum Thema auf.

Kontakt: Tel. 13 40 00; gendermedizin@sana.de

Lesen Sie auch: Versorgung für Patienten soll in Remscheid nicht schlechter werden

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