Frank vom Scheidt: "Cannabis-Konsum sollte jedem überlassen bleiben"

Frank vom Scheidt (48) will ein Ende der Kriminalisierung von mehr als drei Millionen Cannabis-Konsumenten in Deutschland.
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Frank vom Scheidt (48) will ein Ende der Kriminalisierung von mehr als drei Millionen Cannabis-Konsumenten in Deutschland.

INTERVIEW DER WOCHE Frank vom Scheidt (Grüne) setzt sich für eine Legalisierung von Cannabis-Produkten ein. Im Herbst will seine Partei den ersten Schritt unternehmen.

Herr vom Scheidt, im Mai sahen Sie die Fernsehzuschauer in einem Coffeeshop in Holland. Sie haben dort an der Protestaktion eines Cannabisverkäufers teilgenommen, der sich gegen das jüngst von der niederländischen Regierung verhängte Verkaufsverbot von Cannabis-Produkten an Deutsche richtete. Was ist falsch daran, dass die Shops diese Droge mehr an Deutsche verkaufen dürfen?

Frank vom Scheidt: Einerseits gar nichts. Es kann schließlich nicht sein, dass Holland die Cannabisprobleme von Europa löst. Außerdem, um es klar zu sagen: Der Konsum von Cannabis hat negative Konsequenzen, wenn man in jungen Jahren damit experimentiert. Dabei kann die Schullaufbahn vor die Hunde gehen. Das gilt allerdings ebenso für den Konsum von Alkohol. Andererseits begünstigt diese Entscheidung auch in Holland den unkontrollierten Straßenhandel und die Kriminalität. Das ist ein Rückschritt.

 

Sie sitzen in der Führungsetage des Landschaftsverbandes. Der unterhält unter anderem Kliniken für Suchtkranke. Wie passt das zu Ihrem Engagement für die Coffeeshops?

vom Scheidt: Ich setze mich nicht für die Coffeeshops ein. Es ging bei meinem Besuch um eine politische Demonstration und darum, die Diskussion über die Cannabispolitik in Deutschland in Gang zu bringen. Heute werden in Deutschland 3,5 Millionen Menschen aufgrund ihres Cannabis-Konsums kriminalisiert und der Staat verzichtet auf jede Möglichkeit der Kontrolle und des Einflusses auf den Markt. Diese Politik ist gescheitert.

 

Wie sähe eine andere Politik in Sachen Marihuana, Haschisch und Co. denn aus?

vom Scheidt: Die Holländer haben sich dazu entschieden, keinen Kriminalisierungsdruck aufzubauen und die kontrollierte Abgabe von Cannabis in geringen Mengen und unter strenger Einhaltung des Jugendschutzes zu dulden. Die Entwicklung gibt ihnen Recht: In Holland gibt es bis heute keine höheren Nutzungsraten als in Deutschland.

 

Es gibt in Holland allerdings auch keinen geringeren Haschischkonsum als in Deutschland.

vom Scheidt: Ja. Aber das Beispiel zeigt, dass die Angst, nach einer Legalisierung würde das Land von Kiffern und Kriminellen überschwemmt, unbegründet ist. Es macht keinen Unterschied.

Ist die Tatsache, dass Alkohol und Tabak in Deutschland legale Drogen sind, ein Argument dafür, eine weitere Droge zu legalisieren?

vom Scheidt: So argumentiere ich nicht. Die Frage ist, ob die seit 40 Jahren in Deutschland betriebene Prohibition sinnvoll ist. Wir haben heute pro Jahr bis zu 50 000 Tote durch Alkohol- und bis zu 110 000 Tote durch Tabakkonsum. Wenn ich aber zwei legale Drogen habe, die potentiell tödlich sind: Warum soll ich eine Droge verbieten, die keine tödlichen Folgen hat?

 

Weil Cannabis-Konsum träge und gleichgültig macht. Zudem gilt die Droge aufgrund einer weit höheren Konzentration des Wirkstoffes Tetrahydrocannabinol unter Juristen jedenfalls schon lange nicht mehr als weiche Droge.

vom Scheidt: Das wird behauptet. Es heißt, dass sich der Wirkstoffgehalt massiv erhöht hat im Vergleich zu den 70er-Jahren. Aber zeigen Sie mir dafür die Belege. Es gibt sie nicht. Und es würde ja auch keinen Sinn ergeben. Die Schwarzmarkthändler haben doch gar kein Interesse an einem hohen Wirkstoffgehalt, weil es ihre Gewinne schmälert. Also mischen sie Streckmittel bei - und das ist ein Problem.

 

Ziel der Politik muss es sein, den Drogenkonsum zurückzudrängen und nicht zu begünstigen. Stimmen Sie zu?

vom Scheidt: Ja. Unter dem Gesichtspunkt der Gesundheitsvorsorge und des Jugendschutzes. Drogen haben bei Jugendlichen unter 18 Jahren nichts verloren. Wenn jemand aber volljährig ist und Zigaretten rauchen und Alkohol trinken darf, dann sollte auch der Cannabis-Konsum jedem einzelnen überlassen bleiben. Die Legalisierung hätte Vorteile für alle, auch für den Staat: Die Abgabe wäre kontrollierbar und bis zu 120 000 Strafverfahren, die heute rund um den Konsum an den Gerichten anhängig sind, müssten nicht mehr sein.

 

In Lennep haben Pflanzenfreunde die Ampeln jüngst mit Hanfpflanzen besprüht. Was, glauben Sie, steckt dahinter?

vom Scheidt: Wahrscheinlich war es nur ein Scherz. Es zeigt aber auch, dass das Thema in der Gesellschaft verankert ist. Nochmal: Wir sprechen bundesweit von 3,5 Millionen Menschen, die von Kriminalisierungsdruck betroffen sind. Wir wollen sie entkriminalisieren.

 

Was haben Sie vor?

vom Scheidt: Wir wollen als grüner Kreisverband das Thema auf die Tagesordnung des nächsten Landesparteitages von Bündnis 90 / Die Grünen setzen. Unser Ziel ist unter anderem eine Bundesratsinitiative, wonach der Besitz von 15 Gramm grundsätzlich straffrei bleibt und auch keine Auswirkungen mehr auf den Führerschein hat. Dazu muss man wissen: Wenn Sie heute mit zehn Kästen Bier und zehn Flaschen Schnaps im Auto herumfahren, haben Sie keinerlei Probleme. Wenn Sie aber außerhalb des Straßenverkehrs mit einer Kleinstmenge Haschisch ertappt werden, unterstellt Ihnen das Ordnungsamt automatisch, dass Sie als Autofahrer eine Gefahr darstellen und entzieht Ihnen den Führerschein. Auch das macht deutlich: Hier wird mit Kanonen auf Spatzen geschossen - zum Schaden aller.

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