Deutlicher Anstieg an Anfragen

Leiterin der Psychologischen Beratungsstelle: Folgen der Pandemie bleiben spürbar

Dr. Jana Schrage, Leiterin der Psychologischen Beratungsstelle, verzeichnet einen deutlichen Anstieg an Anfragen. Foto: Roland Keusch
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Dr. Jana Schrage, Leiterin der Psychologischen Beratungsstelle, verzeichnet einen deutlichen Anstieg an Anfragen.

Die Dringlichkeit der Anfragen hat zugenommen, berichtet Beratungsstellen-Leiterin Dr. Jana Schrage.

Von Alexandra Dulinski

Remscheid. Die Pandemie hat bei allen Menschen ihre Spuren hinterlassen. Gerade in der Psychologischen Beratungsstelle der Stadt Remscheid macht sich das bemerkbar: Die Nachfrage ist stark gestiegen, besonders seit Anfang Februar verzeichnet Leiterin Dr. Jana Schrage einen hohen Beratungsbedarf. Mussten Hilfesuchende zu normalen Zeiten etwa zwei bis drei Wochen auf ein Erstgespräch warten, liegt die Wartezeit aktuell bei acht Wochen.

In der Erziehungs- und Familienberatung spielen weiterhin die bekannten Themen eine große Rolle: Trennung und Scheidung, Umgangsregelung, Konflikte in Familien mit pubertierenden Kindern. Die Themen seien zwar gleich geblieben, die Dringlichkeit aber gestiegen, erklärt Jana Schrage. „Die Eskalationsstufe liegt höher. Die Nerven liegen blank. Durch Kurzarbeit, Homeschooling und räumliche Enge sind zuvor kleine Probleme viel, viel größer geworden“, erklärt die Leiterin.

„Diese Unsicherheit ist ein ständiges Vibrieren im Hintergrund.“

Dr. Jana Schrage, Psychologische Beratungsstelle

Die Familien hätten weniger Ressourcen, auf die sie zurückgreifen könnten – sei es ein sonst ausgeglichenes Gemüt der Eltern, das durch die Pandemie psychisch instabil geworden sei, finanzielle Sorgen oder fehlende Kontakte, auf die Eltern zurückgreifen könnten. „Jeder ist dünnhäutiger geworden und weniger geduldig. Durch die Kontaktbeschränkungen fehlte die Unterstützung der Großeltern und Freunde“, sagt Schrage. Gerade Frauen fehle auch die Selbstbestätigung beispielsweise durch den Beruf. Denn viele Frauen seien zurückgetreten, um sich um die Kinder im Homeschooling kümmern zu können.

Gestiegen sei der Beratungsbedarf vor allem bei Jugendlichen, stellt Jana Schrage fest – vor allem bei jenen, die sich in der Phase befinden, selbstständig zu werden, bei denen der Schulabschluss vor der Tür steht und die Ausbildung oder das Studium nahen. „Viele Jugendliche haben sich in einem tiefen Loch befunden“, sagt Schrage. Manche hätten keinen Sinn mehr darin gesehen, ihren Schulabschluss zu machen. Zu unsicher war und ist es, ob die anschließende Ausbildung überhaupt stattfindet, sagt Schrage und nennt als Beispiel das Hotelfach, das durch die Pandemie stark gebeutelt wurde.

Fehlende Kontakte spielen eine große Rolle: Für Jugendliche sei der Kontakt zu Gleichaltrigen noch wichtiger als für Erwachsene, sagt Schrage. „Sie definieren sich über den Freundeskreis und brauchen das Feedback.“ Durch den virtuellen Schulunterricht habe die psychische Gesundheit gelitten. „Viele hatten keinen guten Tag-Nacht-Rhythmus, haben nächtelang gezockt. Es gab keinen zwingenden Grund mehr, zur Schule zu gehen.“

Die Ängste der Jugendlichen seien teilweise diffus. Der größte Faktor dabei sei Unsicherheit. „Wir wollen wissen, was uns erwartet. Das macht eine Situation für uns bewältigbar“, erklärt die Leiterin. Die Unsicherheit über ständig neue Regeln und die Sorge vor einer Erkrankung habe alle Menschen angefressen, aber gerade in einer Übergangsphase sei diese Unsicherheit schwierig zu bewältigen. „Diese Unsicherheit ist ein ständiges Vibrieren im Hintergrund, das man nicht beeinflussen kann und dem man ausgeliefert ist“, erklärt Schrage.

Auch im Bereich Kinderschutz ist der Beratungsbedarf deutlich gestiegen. Kitas und Schulen wenden sich zurzeit häufiger an die Psychologische Beratungsstelle, berichtet Schrage. Wenn ein Erzieher einen Verdacht auf häusliche Probleme eines Kindes hat, führen die Experten der Stadt anonymisierte Beratungen durch. Normalweise gebe es im Jahr rund 35 solcher Gespräche. Allein bis Ende Mai 2021 hat es schon 22 gegeben,

Gerade bei den Schulberatungen sei die Zeit vor den Sommerferien generell besonders ausgelastet – nun kommen Themen wie Homeschooling oder Schulwechsel in der Pandemie hinzu. In den Ferien entspannt sich dann meist die Situation. Wie sich der Beratungsbedarf in den nächsten Monaten entwickle, lasse sich aber erst deutlich zwei bis drei Monate nach den Ferien abschätzen. „Ich glaube, wir haben noch lange mit den Folgen der Pandemie zu kämpfen“, schätzt Jana Schrage. „Die Einschränkungen haben die psychische Gesundheit angegriffen. Das ist nicht weg, nur weil die Einschränkungen aufgehoben wurden.“

Nachfrage

Zu Beginn der Pandemie im März 2020 sei die Nachfrage stark gesunken. „Die Menschen haben sich sehr in ihre Familien zurückgezogen“, sagt Dr. Jana Schrage. Im Sommer habe sich die Zahl an Anmeldungen normalisiert. Seit Februar ist die Nachfrage besonders hoch. Kontakt zur Beratungsstelle.

Für viele Kinder ist der Wechsel von der Kita in die Schule sehr aufregend. Aber auch Eltern sind oft sehr verunsichert - gerade, wenn das Kind einen Förderbedarf hat. Die Psychologische Beratungsstelle hilft. 

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