Wochen gegen Rassismus

Filmpremiere: Wie fühlt es sich an, Kind eines Nazi-Täters zu sein?

Dirk Kuhl (l.), hier mit dem ehemaligen EMA-Schulleiter Hans Heinz Schumacher, bei einem Vortrag in der EMA 2019. Archivfoto: Roland Keusch
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Dirk Kuhl (l.), hier mit dem ehemaligen EMA-Schulleiter Hans Heinz Schumacher, bei einem Vortrag in der EMA 2019. Archivfoto).

Produzent Devid Gaus gibt Einblicke in die Lebensgeschichte eines Täterkindes. Die Vorführung war Teil der „Internationalen Wochen gegen Rassismus“ in Remscheid.

Von Stephanie Licciardi

Remscheid. Im Alter von 15 Jahren hat Dirk Kuhl erstmals etwas geahnt, dass da mehr war, als die Mutter andeutete. Eisiges Schweigen im Nachkriegsdeutschland, auch das prägte und prägt Kuhl bis heute. „Damals wurde mehr geschwiegen.“ Gehorsame Vater-Söhne, pflichtbewusste Mütter, heile 1950er-Jahre-Aufbau-Welt. In diesem Umfeld wuchs der 1940 geborene Dirk Kuhl auf. Der Krieg? Weit weg, verdrängt.

Als Teil der „Internationalen Wochen gegen Rassismus“ in Remscheid präsentierte die Gedenk- und Bildungsstätte (GuB) Pferdestall am Freitagabend erstmals den Film „Dirk Kuhl – Mein Vater, der Nazitäter“ in Kooperation mit Produzent Devid Gaus auf Youtube. In Anschluss durften die Gäste digital über Zoom mit den Akteuren diskutieren. Viele hatten sich angemeldet.

Gaus, früherer Schüler des Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums (EMA), war zunächst erstaunt über die Anfrage von Geschichtslehrer und Leiter der Geschichts-AG, Klaus Blumberg. „Da ich offen für Neues bin, habe ich mich mit dem Thema befasst. Beim Drehen und Schneiden des Films ging mir vieles durch den Kopf“, sagte er. Traurigkeit habe er oft empfunden, wenn er an Kuhls Geschichte dachte. „Die Geschichte packt einen.“

Umfeld aus Schweigen – Film beleuchtet Kapitel der Nachkriegsgeschichte

Der Film beleuchtet ein Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte, mit dem sich Forschung und Wissenschaft seit einigen Jahren befassen: der Geschichte der Täterkinder und -enkel. Diese Kriegs- und Nachkriegsgeneration wuchs in einem Umfeld aus Schweigen, Geheimnissen und Lügen auf. „Es war normal für unsere Generation, dass die Väter aus den Kriegsgefangenenlagern nicht zurückkamen“, erzählte Kuhl. Günther Kuhl verstarb, so sagte seine Mutter Käthe dem damals Sechsjährigen, im Lager. Warum, woran? Unwichtig. Der Vater – ein Held? Kuhl junior, der 1961 sein Abitur an der EMA erlangte, danach als Lehrer in Remscheid arbeitete, wuchs in einem Umfeld aus Schweigen und Verschweigen auf. „Ich habe ihn, den Vater, auch noch übel blöd verteidigt.“

Günther Kuhl war als Gestapo-Chef von Braunschweig für die Zwangsarbeiter in Salzgitter verantwortlich, entschied über Leben und Tod und wurde nach Kriegsende hingerichtet. Der Film wagte einen kurzen Einblick in die Lebensgeschichte eines Täterkindes. Gaus’ Kamera begleitet Dirk Kuhl auf seiner Rückkehr nach Remscheid, durch die Gänge seiner alten „Penne“, im Gespräch mit Schülerinnen und Schülern. Die teils unruhige Kameraführung vermittelt dem Zuschauer mittendrin und hautnah dabei zu sein, hätte aus dokumentarischer Sicht allerdings an der einen oder anderen Stelle mehr Mut und Wagnis zur ungeschminkten Wahrheit über die NS-Vergangenheit vertragen können.

Der rund 45-minütige Film „Dirk Kuhl – Mein Vater, der Nazitäter“ ist auf der Youtube-Seite der Gedenk-und Bildungsstätte unter „GuB Pferdestall RS e.V.“ verfügbar.

Das Haus am Mollplatz 3 soll als Anlaufstelle für Menschen angesehen werden, die Rassismus erfahren: Ein Zeichen für eine bunte Gesellschaft

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