Bevölkerung im Notfall warnen

Feuerwehr in Remscheid spielt Notfallszenarien durch

Sascha Ploch in den früheren Bunkerräumen in der Tiefgarage am Rathaus. Er ist für den Katastrophenschutz in Remscheid zuständig. Foto: Roland Keusch
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Sascha Ploch in den früheren Bunkerräumen in der Tiefgarage am Rathaus. Er ist für den Katastrophenschutz in Remscheid zuständig.

Die Flut und nicht der Krieg gab den Ausschlag: Der Katastrophenschutz erlebt eine Renaissance.

Von Axel Richter

Remscheid. Es braucht nicht viel, um eine moderne Gesellschaft an den Rand des Chaos zu bringen. Ein Stromausfall über mehrere Tage reicht aus. Kühlschränke und Heizungen würden ausfallen. Die Supermärkte müssten schließen. Nicht einmal Benzin würde es noch geben, denn auch die Zapfsäulen funktionieren nicht ohne Strom. „Das ist ein konkretes Szenario, das wir in der gegenwärtigen Situation durchspielen“, sagt Guido Eul-Jordan, Chef der rund 150 hauptamtlichen und 250 freiwilligen Kräfte der Feuerwehr Remscheid.

Nicht erst seit dem russischen Einmarsch in der Ukraine rückt der Schutz der Bevölkerung wieder stärker in den Fokus der Katastrophenschützer. Spätestens die Flutkatastrophe vom Juli vergangenen Jahres hat gezeigt, wie schlecht die Menschen auf solche Ereignisse vorbereitet sind.

„Zehn Tage sollte jeder überbrücken können.“

Sascha Ploch, Feuerwehr

Dass die Stadt Remscheid 25 Sirenen auf die Dächer ihrer Gebäude setzen will, die die Bevölkerung im Notfall warnen sollen, ist eine Konsequenz daraus. Doch Putins Angriff auf das Nachbarland sorgt dafür, dass auch andere Relikte aus den Zeiten des Kalten Krieges eine Renaissance erleben – der Vorratskeller zum Beispiel.

Bei der Feuerwehr steht die Bevorratung von Lebensmitteln, Kerzen und Co. unter dem Stichwort „Hilfe zur Selbsthilfe“. Im September wollen die Einsatzkräfte das zum Thema ihres Tages der offenen Tür in und rund um die Hauptfeuerwache machen. „Zehn Tage sollte jeder überbrücken können“, sagt Sascha Ploch, der für den Katastrophen- und Zivilschutz zuständig ist.

Heute ist das eine Aufgabe für eine Person. Bis Ende des Kalten Krieges gab es dafür noch eine eigene Behörde. Doch mit der Auflösung des Warschauer Pakts baute Deutschland nicht nur keine neuen Schutzräume mehr, sondern nahm auch die Daseinsvorsorge der Bevölkerung nicht mehr so wichtig. Das ändert sich gerade wieder. Neben dem Bedarfsplan für den Rettungsdienst und den Brandschutz erstellt die Feuerwehr auch wieder einen für den Katastrophenschutz: Auf welche Situationen muss sich die Stadt vorbereiten?, lautet die Frage.

Remscheid kauft mehr Sirenen als zunächst vorgesehen

Anhaltspunkte liefert eine Studie des Deutschen Wetterdienstes. Sie sagt den Remscheidern eine Zunahme heißer und trockener Sommer voraus und warnt vor deutlich häufigeren Regenfluten. Ein anderes Szenario beschäftigt gerade die Stadtwerke Remscheid: Was ist, sollte es doch noch zu einem Embargo gegen russisches Erdgas kommen oder der Kriegsherr im Kreml selbst den Gashahn zudrehen? Dann wird die Bundesnetzagentur Vorgaben machen, am Ende aber müssen die Versorger vor Ort selbst entscheiden, wer wie viel Gas bekommt.

„Corona hat gezeigt, wie schlagkräftig wir sind“, sagt Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz (SPD) und sieht Remscheid für alle lokalen Ereignisse gut gerüstet. Nur für einen Fall nicht: „Bei einer atomaren Eskalation sind wir alle in Deutschland schutzlos.“

Im Fall eines flächendeckenden und längerfristigen Stromausfalls soll das nicht gelten. Die Feuerwehr sieht in einem solchen Fall ihre Feuerwachen und weitere öffentliche Gebäude als Anlaufstellen für die Bevölkerung vor. Wenn alles andere dunkel bleibt, sollen sie zu „Leuchttürmen“ werden, erklärt Feuerwehrchef Guido Eul-Jordan. Dafür brauche es jedoch nicht nur Notstromaggregate, sondern auch Personal aus anderen Teilen der Stadtverwaltung.

Steht das Konzept, will die Feuerwehr die Menschen mit einer breiten Informationskampagne auf mögliche Szenarien vorbereiten und ihnen erklären, was wann zu tun ist. Das gilt auch für die unterschiedlichen Sirenensignale, deren Bedeutung die meisten ebenfalls nicht mehr kennen dürften.

Bunkeranlagen

Drei öffentliche Bunkeranlagen gibt es in Remscheid. 5236 Menschen hätten darin im Ernstfall Schutz gefunden. Darüber hinaus befinden sich in einigen Schulen ebenfalls entsprechende Räume. Die drei Bunker, die der RGA jüngst mit der Feuerwehr besichtigen durfte, sind nicht mehr intakt. Zuständig für die Schutzanlagen ist die Bundesrepublik Deutschland. Sie müsste bundesweit Milliarden Euro investieren. Zusätzlich für den Zivilschutz bewilligt sind aktuell zehn Millionen Euro.

Standpunkt: Hau-Ruck wird teuer

Von Sven Schlickowey

sven.schlickowey@rga.de

Wirklich neu sind die Themen nicht: Bereits 2007 diskutierten die Innenminister der Länder den Wiederaufbau der nach dem Kalten Krieg demontierten Sirenen. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe gibt schon seit über 15 Jahren die Broschüre „Für den Notfall vorgesorgt“, inzwischen abgelöst durch einen Nachfolger, heraus. Und selbst die Warn-App Nina ist seit 2015 verfügbar. Was plötzlich wieder akut wird, lag also schon lange auf dem Tisch – allein: Es interessierte kaum jemanden. Wir fühlten uns sicher, das sollten uns die ewigen Mahner nicht nehmen. Also braucht es nun erneut eine Hau-Ruck-Aktioen. Verbunden natürlich mit entsprechenden Kosten. Was genau der Wiederaufbau des Sirenennetzes kosten wird, weiß noch niemand. Wenn man aber sieht, dass die Stadt Neuss, kaum größer als Remscheid, 800 000 Euro rechnet, der Kreis Ahrweiler zwei Millionen und Berlin jetzt schon mault, dass die 4,5 Millionen Euro Bundesförderung nicht ausreichen, kann man angesichts von 294 Landkreisen und 107 kreisfreien Städten in diesem Land getrost davon ausgehen, dass es deutlich teurer wird als die 130 Millionen Euro, wegen der die Innenminister den Plan 2007 abgelehnt hatten.

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