Interview der Woche

Beratungsstelle: „Familien leisten zurzeit Unglaubliches“

Petra Wolf und Angelika Horn (v. l.) von der Familienberatungsstelle des Kinderschutzbundes. Sie sagen: Kinder beweisen jetzt ganz klar Stärke, weil sie sich auf die gegebene Situation gut einstellen. Darin liege aber auch eine Gefahr. Foto: Andrea Homfeld
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Petra Wolf und Angelika Horn (v. l.) von der Familienberatungsstelle des Kinderschutzbundes. Sie sagen: Kinder beweisen jetzt ganz klar Stärke, weil sie sich auf die gegebene Situation gut einstellen. Darin liege aber auch eine Gefahr.

Petra Wolf und Angelika Horn vom Kinderschutzbund über die Stärken der Kinder und die Sorgen der Eltern während Covid-19.

Das Gespräch führte Melissa Wienzek

Frau Horn, Sie sind Sozialpädagogin, Frau Wolf, Sie sind Psychologin in der Familienberatungsstelle des Kinderschutzbundes. Hat die Pandemie Ihrer Meinung nach für steigende Fälle von häuslicher Gewalt gesorgt?

Angelika Horn: Das ist schwierig zu beantworten. Ich denke, mit Sicherheit wirkt sich die Pandemie auf Familien und die Situation zu Hause aus. Aber in welchem Maße häusliche Gewalt dabei eine Rolle spielt, mag ich nicht zu sagen. Ich habe bei Familien, die zu uns kommen, jedoch beobachtet, dass mehr Angstzustände auftreten. Kinder, denen es vorher schon nicht gut ging, leiden in Corona-Zeiten noch mehr. Die Probleme haben sich einfach verstärkt.

Petra Wolf: Wir sind ja per se eher mit der Prävention beschäftigt. Häusliche Gewalt kommt zwar immer mal wieder vor, war 2020 aber bei uns nicht unter den zehn drängendsten Themen. Erziehungsfragen oder Trennung sind eher unser Gebiet. Aber Angst ist zunehmend ein Thema, war es aber auch vorher schon. Für viele Kinder hat sich diese Angst durch die Pandemie verstärkt. Kinder haben Angst um Oma und Opa, Mama und Papa, Tod und Krankheit beschäftigen sie. Horn: Kinder sehen ja auch jeden Tag in den Nachrichten die Zahl derer, die im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben sind. Und wenn sie dann in der Schule oder in der Kita noch positiv getestet werden, macht das noch mehr Angst.

Warum sind Kinder gleich in mehrfacher Hinsicht die großen Verlierer?

Wolf: Ich denke, das muss man differenzierter sehen. Resilienzforscher sagen, man sollte die momentanen Verhaltensweisen nicht pathologisieren – sie können auch wieder weggehen, wenn sich die Zeiten ändern. Aber natürlich geht es Kindern nicht gut, wenn sie nicht mit anderen spielen können, Schulkameraden nicht treffen können. Ich habe aber auch ein paar Kinder in der Beratung, die die aktuelle Situation genießen. Zum Beispiel die, die gemobbt werden.

Horn: Das entscheidende Thema ist nicht, dass Kinder zu wenig Schulstoff wegen des Lockdowns mitbekommen – natürlich ist das auch wichtig –, sondern das Beziehungsdefizit. Jugendliche sind in besonderem Maße betroffen und fühlen sich einsam. Jugendalter, die Zeit, in der sie sich treffen, andere kennenlernen, flirten, sich ausprobieren. Das ist alles so nicht mehr möglich. Ausbildung und Studium ohne den Kontakt zu Gleichaltrigen verlaufen häufig frustrierend.

Sehen Sie gar die weitere Entwicklung dieser „Pandemie-Kinder“ beeinträchtigt?

Wolf: Meine Erfahrung ist, dass die Kinder sehr gut mit der Pandemie umgehen. Manchmal unterschätzen wir sie da auch. Eltern und Kinder sind durchaus kreativ geworden. Und manche Familien genießen es auch, dass sie mehr Zeit füreinander haben. Hat sich ein Kind vorher mit zehn anderen getroffen, sind es jetzt nur noch ein oder zwei. Das bewirkt aber auch eine besondere Bindung zwischen diesen befreundeten Kindern. Wir müssen auch nicht alles, was wir empfinden, auf Kinder übertragen. Trotzdem gibt es natürlich auch Kinder, die es nicht gut damit haben, zum Beispiel, wenn sie kein eigenes Zimmer haben, in dem sie allein lernen können.

Horn: Die Pandemie stellt eine Beeinträchtigung dar, ganz klar, aber man kann auch etwas Positives für die Zukunft darin sehen: Kinder lernen den Wert der Beziehung wieder kennen – so wie wir Erwachsenen auch. Kinder gehen mit Dingen wie der Maskenpflicht ganz selbstverständlich um. Wir Erwachsenen haben es in der Hand, wie wir ihnen diese Dinge nahebringen.

Welche Sorgen und Ängste haben die Familien, die sich an Sie wenden?

Wolf: Im Bereich der Erziehungsfragen unter anderem der Medienkonsum. Der ist deutlich gestiegen in den meisten Familien. Einige Eltern sehen die Problematik ein, einige aber auch nicht. Was 2020 interessant war: Waren die Schulen geöffnet, hatten wir auch vermehrt Schulproblematiken in der Beratung.

Horn: Die Familien kommen mit einem anders gearteten Thema hier an, Corona kommt dann noch erschwerend hinzu. Kinder empfinden zum Beispiel momentan weniger Rückhalt in der Schule. Manche Erwachsene berichten von psychischen Problemen oder einer starken Gewichtszunahme.

„Die Gefahr ist, dass wir als Gesellschaft nicht realisieren: Was brauchen Kinder?“

Angelika Horn über die Anpassungsfähigkeit von Kindern

Homeschooling, nur Notbetreuung in der Kita, Angst vor dem Arbeitsplatzverlust – vor allem Alleinerziehende sind stark gebeutelt.

Wolf: Ja, vor allem für Alleinerziehende ist die Pandemie eine ganz schwierige Situation. Sie haben ihre Arbeitszeiten ja auf die Schul- und Kitazeiten abgestimmt. Sie wollen weiter Geld verdienen, können aber nicht. Das ist ein großes Problem. Das wirkt sich auch auf die Kinder aus: Sie fühlen sich lästig. Ich weiß nicht, wie manche Alleinerziehende das durchstehen. Meine Bewunderung dafür.

Horn: Ganz viele Eltern leisten Unglaubliches. Sie müssen gegen Widrigkeiten kämpfen, die zusätzlich Stress machen. Ich finde es sehr beachtlich, was Familien seit über einem Jahr Pandemie leisten. Dass die Nerven dabei blankliegen, ist völlig nachvollziehbar. Hier zeigt sich aber auch ganz klar die Stärke der Kinder, sich auf die bestehende Situation gut einzustellen. Die Gefahr darin ist aber, eben, weil sie sich so gut anpassen können, dass wir als Gesellschaft dann nicht realisieren: Was brauchen die Kinder denn eigentlich? Diese Auswirkungen werden wir erst später sehen.

In diesem Zuge werden auch die Kinderrechte wichtiger. Das Bundeskabinett hat beschlossen, diese im Grundgesetz zu verankern – was der Kinderschutzbund stets begrüßt hat. Welche Auswirkungen hätte das auch auf Remscheid?

Wolf: Wir hoffen, dass die Kinderrechte im Zuge dessen immer mehr in den Fokus rücken, zum Beispiel das Recht auf Beteiligung. Die Schutzkonzepte, für die sich auch die Remscheider starkmachen, laufen in den Institutionen natürlich weiter. Aber Kinder momentan einzubeziehen, ist wegen der Pandemie schwierig. Das Theaterstück ,Mein Körper gehört mir‘ an den Grundschulen kann derzeit nicht stattfinden. Das hat Nachwirkungen, denke ich.

Kontakt

Angelika Horn ist Diplom-Sozialpädagogin und seit 21 Jahren in der Familienberatungsstelle des Kinderschutzbundes. Petra Wolf, Diplom-Psychologin und psychologische Psychotherapeutin, ist seit 19 Jahren dabei. Sie beantworten Fragen zur Erziehung, Elternschaft und Paarbeziehung, zur kindlichen Entwicklung oder zur aktuellen Lebenssituation. Aktuell gibt es nur telefonische Sprechzeiten: montags 16 bis 17 Uhr, mittwochs 13 bis 14 Uhr, freitags 9 bis 10 Uhr: Tel. 2 71 90. Außerhalb dieser Zeiten kann auf den Anrufbeantworter gesprochen werden, das Team ruft zurück.

Der Jugendamtselternbeirat Remscheid (JAEB) ruft eine Spendenaktion ins Leben. „Kleines Geld für großes Lächeln“ soll Kindern helfen, die unter den Auswirkungen der Corona-Krise zu leiden haben.

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