RGA vor Ort

Fairer Handel: Virus trifft den globalen Süden umso heftiger

Johannes Haun ist Vorsitzender der Ökumenischen Initiative. Deren Weltladen bietet neben Lebensmitteln auch Schreibwaren an. Fotos: Keusch/Draheim
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Der Weltladen bietet unter anderem Lebensmitteln an.

Der Lüttringhauser Weltladen in Zeiten von Corona.

Von Sven Schlickowey

Lüttringhausen. Erst im August letztes Jahr hatte der F(l)air-Weltladen in Lüttringhausen nach Renovierung wieder eröffnet – im März dieses Jahres wurde er schon wieder geschlossen. Wegen Corona. „Viele unserer Mitarbeiter gehören zur Risikogruppe, deswegen haben wir lieber zu gemacht“, berichtet Johannes Haun. So traf das Virus auch den einzigen Remscheider Weltladen hart. Doch der Vorsitzende der Ökumenische Initiative Lüttringhausen, Träger des Geschäfts, und seine Mitstreiter können der Situation auch Positives abgewinnen.

„Die Leute haben gemerkt, wie wichtig es ist, etwas vor Ort bekommen zu können“, nennt er einen dieser Aspekte. Vor allem der Buchhandel habe gezeigt, „dass wir in dieser Zeit nicht vergessen wurden“. Und nebenbei habe sich auch das Konzept des Lüttringhauser Weltladens als robust erwiesen: „Unser Warenmix hat sich in der Krise sehr bewährt.“

Johannes Haun ist Vorsitzender der Ökumenischen Initiative.

Trotzdem haben die Ehrenamtler das Thema Corona noch lange nicht abgehakt. Denn während Deutschland das Virus verhältnismäßig gut im Griff hat, wütet es im globalen Süden umso heftiger. Und gerade von dort bezieht der Weltladen die meisten seiner Produkte. „Viele Kleinbauern und Kunsthandwerker kämpfen um ihre Existenz“, sagt Haun. Deswegen würden viele Großhändler inzwischen auch direkt zu Spenden für die Erzeuger aufrufen. „So etwas hat es im fairen Handel bisher noch nicht gegeben, außer vielleicht bei Hurrikans.“

Obwohl die letzten Wochen hart waren und man gerne jeden Cent an die Erzeuger weiterreichen würde, habe man sich entschieden, die Senkung der Mehrwertsteuer komplett an die Kunden weiterzugeben, so Haun: „Wir wollten ein Signal geben und auch etwas zurückgeben.“ Auch wenn die Beträge überschaubar seien: „Kleinvieh macht auch Mist.“

„Unser Warenmix hat sich in der Krise sehr bewährt.“

Johannes Haun über das Angebot des F(l)air-Weltladen

Seit über 20 Jahren schon bietet der Weltladen in Lüttringhausen fair gehandelte und hergestellte Produkte an. Im Dezember 1999 bezog die Initiative ein Ladenlokal an der Gertenbachstraße, einige Zeit später übernahm man auch das Geschäft nebenan, in dem zuvor ein Pflegedienst untergebracht war, und verband beide Räume.

Im letzten Jahr in den Sommerferien schließlich wurde das Geschäft von Grund auf saniert und neu gestaltet. So dass es heute nicht nur klar, aufgeräumt und freundlich daher kommt, sondern auch für Veranstaltungen bis 30 Personen genutzt werden kann. „Es geht uns ja immer auch darum, politische Inhalte zu vermitteln“, sagt Johannes Haun.

Ein Thema, das das Weltladen-Team aktuell beschäftigt, ist zum Beispiel das geplante Lieferkettengesetz, das, so befürchtet Haun, von Wirtschaftslobbyisten verwässert werden könnte: „Wir versuchen, die Leute dafür zu interessieren.“ Auch wenn Veranstaltungen derzeit nicht möglich seien. „Aber wir haben Informationsmaterial hier und Unterschriftslisten ausliegen.“

Auch Schreibwaren gehören zum Sortiment.

Das Angebot des Weltladens ist breit gefächert: Lebensmittel wie Kaffee, Tee, Wein und Schokolade, Kunsthandwerk, Kosmetik aus fairen Zutaten, Schreibaren – und, eher ungewöhnlich für einen Weltladen, Bücher. „Wir waren auf der Suche nach einem zweiten wirtschaftlichen Standbein“, beschreibt Johannes Haun die Entstehungsgeschichte dahinter. Und weil es in Lüttringhausen lange Jahre keine Buchhandlung gegeben hatte, nahm man Bücher mit ins Programm auf.

Und die Kombination aus fairem Handel und Büchern habe sich als eine sinnvolle erwiesen, ist Johannes Haun überzeugt: „Leute, die Bücher kaufen wollen, werden auf die fairen Produkte aufmerksam und andersrum.“ Beide Zielgruppen, vermutet der Pfarrer in Ruhestand, hätten einige Gemeinsamkeiten: Eine gesunde Neugierde zum Beispiel und Interesse an der Welt um sie herum.

Café und Literatur-Café

Während der F(l)air-Weltladen inzwischen wieder geöffnet hat (Mo.-Fr. 14.30-18.30, Sa. 10-13 Uhr), bleibt das dazugehörige Café coronabedingt vorerst noch geschlossen. Der Raum sei einfach zu klein, um genügend Abstand zwischen den Gästen garantieren zu können. Stattdessen wurden die Tische des Cafés vorübergehend zu Büchertischen. Von der Schließung betroffen ist auch die beliebte Veranstaltungsreihe Literatur-Café. Um Ersatz zu schaffen, plant Johannes Haun von August bis Oktober jeden Monat einen literarischen Spaziergang. Nach Anmeldung unter Tel. (0 21 91) 56 40 16 spazieren die Teilnehmer durchs Dorf und erfahren dabei etwas über ein zuvor ausgesuchtes Buch. Zum Beginn gibt es „Alle, außer mir“ von Francesca Melandri am Montag, 31. August, ab 16 Uhr.

In der Serie "RGA vor Ort" werden die Remscheider Stadtteile beleuchtet - in dieser Woche Lüttrunghausen. 

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