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Esra H.: „Mein Mann hat mir die Kinder genommen“

Esra H. (Name geändert, 38) lebt im Frauenhaus. Sie hofft, ihre Kinder hier hin nachholen zu können.
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Esra H. (Name geändert, 38) lebt im Frauenhaus. Sie hofft, ihre Kinder hier hin nachholen zu können.
  • Melissa Wienzek
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Die 38-Jährige, die im Frauenhaus lebt, kämpft nun vor deutschen und marokkanischen Gerichten. Das Remscheider Team hilft ihr.

Von Melissa Wienzek

Remscheid. Wenn die anderen Frauen im Frauenhaus heute an Heiligabend mit ihren Kindern kuscheln und ein bisschen Weihnachten feiern, bleibt Esra H. (38) allein zurück. Nur allzu gern würde sie auch ihre beiden Kinder in die Arme schließen, ihren ganz persönlichen Duft einatmen. Doch die fünfjährige Yamina und der zweijährige Amar (alle Namen von der Redaktion geändert) sind 3000 Kilometer weit weg: in Marokko. „Es ist sehr schwer für mich“, gibt sie zu und kann gerade so eben noch die Tränen zurückhalten.

Seit Oktober lebt Esra H. im Remscheider Frauenhaus. Eine Freundin gab ihr den Tipp und rief auch selbst in der Gewaltschutzeinrichtung an. Zum Glück bekam die 38-Jährige schnell einen Platz. Denn nach Hause konnte sie nicht mehr. Diesen Ort gab es für sie nicht mehr. Wo man sich liebt, vertraut, ein Ort, an dem man gerne zusammen ist. Die ehemalige Wohnung in Stuttgart, in der Familie H. gemeinsam gelebt hatte, wo die Kinder geboren wurden, war für Esra plötzlich ein Ort des Grauens. Ein emotionales Gefängnis. Denn ihr Ehemann, der bereits seit 20 Jahren in Deutschland lebt, hatte nach dem letzten gemeinsamen Urlaub in Marokko die Kinder einfach dort gelassen, ihre Pässe genommen – und nur Flugtickets für sich und seine Frau zurück nach Deutschland gekauft. „Er hat mir meine Kinder weggenommen“, sagt die 38-Jährige, die daraufhin ohne Kleidung, Fotos oder persönliche Dinge nach Remscheid floh.

Hier erhielt sie nicht nur die nötigsten Dinge zum Leben, sondern vor allem Schutz vor ihrem Mann Rabah (Name geändert). Jetzt versucht sie, von Remscheid aus ihre Kinder zurückzubekommen, nach Remscheid nachzuholen – und kämpft dafür vor deutschen und marokkanischen Gerichten. „Ich wollte schon aufgeben, aber ich muss das tun – für meine Kinder.“

Das Frauenhaus-Team hilft ihr dabei, begleitet sie zur Rechtsanwältin, zum Gericht. Es ist der erste Fall dieser Art für Frauenhaus-Leiterin Karin Heier und ihre Kolleginnen. „Und es ist äußerst kompliziert, weil hier internationales und nationales Recht aufeinandertreffen“, erklärt Sozialpädagogin Katrin Buchholz.

Ohnehin ist das Team – bestehend aus zwei Sozialpädagoginnen, einer Erzieherin und einer Hilfskraft – voll ausgelastet, stößt an seine Grenzen und kommt mit der originären Arbeit, der Beratung, kaum noch nach. Dennoch lassen Katrin Buchholz und ihre Kolleginnen Esra nicht im Stich - und haben ihr bereits ein Familienzimmer zur Verfügung gestellt. Alle hoffen, dass Yamina und Amar, die beide eine doppelte Staatsbürgerschaft besitzen, in den nächsten Wochen im Frauenhaus einziehen können – sofern die Gerichte der 38-Jährigen das Sorgerecht zuteilen. „In Marokko ist das Recht aber eher auf Seite des Mannes“, erklärt Esra, die in ihrer Heimat im Katasteramt gearbeitet hat, ehe sie vor fünf Jahren Rabah heiratete und mit ihm nach Deutschland kam.

„Ich muss das tun - für meine Kinder.“

Esra H. über die Verhandlung

Hier durfte sie dann nichts mehr. Nicht arbeiten gehen, keinen Deutschkurs besuchen, nicht ohne ihn das Haus verlassen. Sie hat kein Einkommen und kein eigenes Konto, ist also auch finanziell abhängig von Rabah H. „Er hat immer gesagt: ,Arbeit ist nicht gut für die Frau’“, erzählt Esra. In Marokko hätten Männer das Sagen. „Er will am liebsten, dass die Kinder und ich in Marokko bleiben und er lebt in Deutschland.“ Aber die Kinder sind in Stuttgart geboren, hier aufgewachsen, haben hier ihre Freunde und gehen hier in den Kindergarten. Auch Esra schätzt ihre zweite Heimat.

Vor drei Wochen hat sie ihre Kinder das letzte Mal gesehen – einen Teil zu den Flugkosten gab eine Opferschutzorganisation hinzu –, davor anderthalb Monate nicht. Kein Telefonat, kein Video, nichts. Denn bis dahin wusste Esra noch nicht mal, wo ihre Kinder sind. Er hatte sie irgendwo untergebracht, ihre Pässe genommen, flog selbst immer hin und her. Mit viel Einsatz von Esras Vater, Diskussionen und Recherche vor Ort konnten die Kinder schließlich zu Esras Eltern gebracht werden, wo sie nun leben. Esras Vater geht oft zur deutschen Botschaft, setzt sich dafür ein, dass Mutter und Kinder wieder zusammengeführt werden können, bezahlt Medikamente, Essen. In Marokko seien die Lebenshaltungskosten jedoch um ein Vielfaches höher, berichtet Esra. „Und die Botschaft ist fünf Stunden entfernt.“ In Marokko hat sie zudem einen Deutschkurs begonnen, ist aber nicht fertig geworden. „Er will auch nicht dafür bezahlen“, sagt sie.

„Helft uns helfen“ Remscheid

Hier lebt sie von ALG II. Und dem guten Zureden im Frauenhaus. „Sie haben mir alle sehr geholfen. Und in Remscheid sind auch die Behörden viel schneller. Ich bin allen sehr dankbar“, sagt die zweifache Mutter, die die Natur rund um das Frauenhaus liebt. Über das Smartphone hat Rabah hin und wieder Kontakt zu ihr aufgenommen, als Esra noch nicht wusste, wo ihre Kinder sind, hat ihr befohlen, nach Marokko zu kommen. Aus taktischen Gründen habe sie auf die Nachrichten reagiert, sagt Esra – um herauszubekommen, wo Yamina und Amar sind. Als sie in Sicherheit waren, habe sie den Kontakt abgebrochen.

Vor Gericht hat sie ihn nun wiedergesehen, die erste Verhandlung hat bereits stattgefunden. „Das war nicht schön“, sagt Esra H. „Aber ich muss weitermachen – für meine Kinder.“ Außerdem möchte sie sich scheiden lassen. „Je länger es dauert, desto schlimmer wird es auch für die Kinder“, sagt Katrin Buchholz. Sie vermissten ihre Mama schließlich genauso.

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