Versorgung

Erste Kinderarztpraxis Remscheid öffnet

Hinter der Coronaschutz-Maske verbergen sich bekannte Gesichter (v.l.): Monika Skodda, Margarita Arnold, Angela Fischer, Danijela Golub und Liane Seiler prüfen den Notfallkoffer der Kinderarztpraxis in der Peterstraße. Mit den Ärztinnen Dr. Margarita Arnold und Martina Lüdebach übernehmen sie die medizinische Versorgung von rund 2000 kleinen Patienten. Foto: Roland Keusch
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Hinter der Coronaschutz-Maske verbergen sich bekannte Gesichter (v.l.): Monika Skodda, Margarita Arnold, Angela Fischer, Danijela Golub und Liane Seiler prüfen den Notfallkoffer der Kinderarztpraxis in der Peterstraße. Mit den Ärztinnen Dr. Margarita Arnold und Martina Lüdebach übernehmen sie die medizinische Versorgung von rund 2000 kleinen Patienten.
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Sana-Klinikum und Rathaus kooperieren: Auch Praxis in Lüttringhausen wird Teil eines neuen Versorgungszentrums.

Von Axel Richter

Remscheid. Wer am Montag die wiedereröffnete Kinderarztpraxis in der Peterstraße 20 betritt, der trifft auf alte Bekannte. Das Team um Dr. Margarita Arnold ist vollständig vorhanden und freut sich auf ein Wiedersehen mit den kleinen Patienten. Nur der Inhaber der Praxis in Alt-Remscheid ist nicht mehr derselbe. Für das nächste halbe Jahr steht das Praxisteam deshalb auf der Personalliste des Sana-Klinikums. Und ab dem Sommer arbeitet es für die Stadt Remscheid. Beziehungsweise für die Kinder- und Jugendpraxis Remscheid - das erste Medinische Versorgungszentrum (MVZ), das die Stadt in ihrer Geschichte betreibt.

Am Freitag unterzeichneten Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz (SPD) und Sana-Geschäftsführerin Svenja Ehlers den Vertrag über die vorübergehende Kooperation. „Wir haben zwar keinen ambulanten Versorgungsauftrag“, hielt die Klinikchefin fest. „Aber wir können übergangsweise Hilfestellung leisten, bis es der Stadt gelingt, die Praxis in ein eigenes MVZ zu überführen.“

„Wenn sonst keiner da ist, müssen wir die Lücke schließen.“
OB Burkhard Mast-Weisz

Wie berichtet, übernimmt die Stadt damit das unternehmerische Risiko, das insbesondere viele ausgebildete Ärztinnen nicht tragen wollen. Die Arbeitszeiten sind lang, die Entbehrungen für die eigene Familie groß. Insbesondere Frauen ziehen das Anstellungsverhältnis einer eigenen Praxis vor, denn die stellt für sie schon lange kein Traum mehr dar.

Die Folge: Sowohl die Praxis Albrecht/Arnold also auch die von der Solinger Lungenklinik Bethanien geführte Kinderarztpraxis in Lüttringhausen standen Ende 2020 vor der Schließung. In Alt-Remscheid hätten danach rund 2000, in Lüttringhausen 1000 Kinder ohne Kinderarzt dagestanden.

Dabei war der Ärztemangel schon vorher spürbar. „Wir stehen unter großem Druck“, sagt Dr. Diana Pfitzner, die unter anderem für die Schuleingangsuntersuchungen verantwortlich ist. Sie berichtet von hilflosen Eltern, die in ihrer Not im Gesundheitsamt vorstellig werden. „Dabei geht es manchmal nur um so etwas einfaches wie eine Masernimpfung. Die Eltern wissen nicht, wo sie hinsollen.“

Die verbliebenen sechs Kinderarztpraxen machten deshalb bald deutlich, dass sie sich nicht in der Lage sehen, die 3000 kleinen Patienten untereinander aufzuteilen. Die verzweifelten Eltern wandten sich an die Politiker und den RGA. Ihre Sorge ist nun vorerst abgewendet, denn sowohl die Praxis in der Peterstraße als auch die bislang in der Richthofenstraße ansässige Bethanien-Praxis sollen Teil des neuen Versorgungszentrums werden. Vorbild ist die Stadt Neuenrade im Märkischen Kreis, wo der Bürgermeister Anfang 2020 ein kommunales MVZ ins Leben gerufen hatte. Problem: Bereits im ersten Jahr machte die Stadt damit ein Minus von 80 000 Euro.

Remscheids Stadtkämmerer Sven Wiertz und Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz (beide SPD) stehen dennoch hinter der Idee. Zwar zähle der Betrieb von Arztpraxen nicht zu den originären Aufgaben einer Kommune, aber: „Wenn sonst keiner da ist, dann müssen wir die Lücke schließen“, sagt der Oberbürgermeister. Dabei könnte er bald vor dem nächsten Problem stehen: Auch die verbliebenen Kinderärzte und nicht wenige Hausärzte nähern sich der Altersgrenze. Eröffnet die Stadt dann die nächste Praxis mit finanziell ungewissem Ausgang?

„Die Ärzteversorgung wird ein Zukunftsthema für uns bleiben“, sagt Burkhard Mast-Weisz. Vorerst laute das Ziel, das erste MVZ in Remscheid kostendeckend zu betreiben. In einem halben Jahr will er mit dem Sana-Klinikum Bilanz ziehen. 

Weitere Schritte

Die Praxis in der Peterstraße öffnet am Montag wieder. Die Praxis in Lüttringhausen muss zunächst umziehen. Im März soll sie in der Gertenbachstraße 35 eröffnen.

Übergangsweise leistet das Sana-Klinikum der Stadt Hilfestellung in der Peterstraße. Die Praxis in Lüttringhausen wird von März bis zum Sommer von Bethanien fortgeführt.

Voraussichtlich ab August sollen beide Praxen allein von der Stadt betrieben werden.

Standpunkt

michael.albrecht@rga-online.de

Ein Kommentar on Michael Albrecht

Eltern können sich freuen. Die drohende Versorgungslücke bei den Kinderarztpraxen ist geschlossen. Am Montag nimmt das erste Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) mit den Kinderärztinnen Dr. Margarita Arnold und Martina Lüdenbach und ihrem Team den Betrieb an der Peterstraße in Alt-Remscheid auf. Auch das MVZ in Lüttringhausen an der Gertenbachstraße wird in einigen Wochen folgen. Für rund 3000 Kinder und ihre Eltern ist das eine außerordentlich gute Nachricht. Möglich ist das, weil die Stadt Remscheid die Initiative ergriffen und der Stadtrat sein Okay gegeben hat, um den drohenden Notstand abzuwenden. Möglich wurde das nur, weil Sana-Klinikum und die Solinger Lungenklinik Bethanien für eine Übergangszeit mit in die drohende Bresche eingesprungen sind, bis die beiden MVZ in alleiniger Regie der Stadt Remscheid in einigen Monaten fortgeführt werden. Das Projekt MVZ könnte aber künftig weit größere Bedeutung erhalten als heute. Denn die Neigung vieler Mediziner anderer Disziplinen, sich mit einer eigenen Praxis niederzulassen, sinkt. 

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