Große Bauprojekte

Baupreise steigen rasant - Was bedeutet das für Stadt und Bauuternehmer?

Die Baustelle für das neue Berufskolleg am Bahnhof: Es wird deutlich teurer als bei der ersten Kostenschätzung vor etwa sieben Jahren gedacht, doch der nun vereinbarte Preis ist ein Festpreis, so dass weitere Kostenrisiken weitgehend ausgeschlossen sind. Foto: Roland Keusch
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Die Baustelle für das neue Berufskolleg am Bahnhof: Es wird deutlich teurer als bei der ersten Kostenschätzung vor etwa sieben Jahren gedacht, doch der nun vereinbarte Preis ist ein Festpreis, so dass weitere Kostenrisiken weitgehend ausgeschlossen sind.

RSV muss bereits Projekt beerdigen. Bei der Stadt stehen Investitionen von 136 Millionen Euro in den nächsten Jahren an. Und Bauunternehmen wie Dohrmann stehen vor neuen Herausforderungen.

Von Sven Schlickowey

Remscheid. Billiges Geld durch niedrige Zinsen, Fachkräfte- und Materialmangel, weltweiter Immobilienboom – die Preise in der Baubranche kennen derzeit nur einen Weg: nach oben. Die Baupreise für Wohngebäude sind zuletzt in einem Jahr um über 14 Prozent gestiegen, hat das Statistische Bundesamt festgestellt. Der stärkste Anstieg seit mehr als 40 Jahren.

Das hat längst auch Auswirkungen auf öffentliche Bauvorhaben. So musste der Remscheider Sportverein seinen Plan für einen Multifunktionsraum auf dem Gelände am Fürberg beerdigen, weil die erst vor einigen Monaten bewilligten 1,355 Millionen Euro Landesförderung dafür inzwischen nicht mehr ausreichen.

Und im benachbarten Wuppertal werden derzeit alle städtischen Bauprojekte auf den Prüfstand gestellt. Nachdem die Sanierung der Realschule Leimbach abgeblasen werden musste – weil die Kosten von ursprünglich 11,8 Millionen Euro auf rund 33 Millionen gestiegen waren.

„Es ist sehr schwer, mit der aktuellen Situation umzugehen.“

Wolf-Dieter Spelsberg, Firma Dohrmann

Solche Fälle seien auch bei der Stadt Remscheid nicht generell auszuschließen, sagt Thomas Judt, Leiter des städtischen Gebäudemanagements. Man habe aber verschiedene Möglichkeiten, das Risiko zu minimieren. So würden große Vorhaben bevorzugt an Totalunternehmer vergeben, so wie zum Beispiel beim neuen Berufskolleg Wirtschaft und Verwaltung am Bahnhof. „Wir kaufen quasi ein Stück Schule zum Festpreis“, erklärt Judt. Dabei liege das Kostenrisiko dann beim Unternehmen.

Damit der vereinbarte Festpreis zumindest ungefähr dem entspricht, was zuvor im Haushalt angesetzt wurde, sei eine seriöse, vor allem aber regelmäßig aktualisierte Planung notwendig, sagt Thomas Judt, der von pauschalen Aufschlägen wenig hält. Einfach alle Kostenschätzungen um zum Beispiel 20 Prozent zu erhöhen, sei wenig sinnvoll. „Damit machen wir uns ja unglaubwürdig.“ Stattdessen ermittle man die Preise so genau wie möglich – und passe diese dann mit dem Planungsfortschritt jeweils an.

So lag auch die erste Kostenschätzung für das Berufskolleg bei 22 Millionen Euro, kosten wird es nun mehr als 30 Millionen. „Wir nennen das den Fluch der ersten Zahlen“, sagt Judt. Dass der Preis während der oft jahrelang dauernden Planungsphase stetig steige, sorge schon mal für Unverständnis. Und auch für Gespräche mit der Bezirksregierung als Aufsichtsbehörde für den städtischen Haushalt. Doch alles andere sei unseriös. Auch weil die enormen Preissteigerungen den vergangenen zwei, drei Jahre niemand hätte voraussehen können.

Anstehende Bauprojekte in Remscheid

Laut Investitionsplan stehen von 2020 bis 2025 unter anderem diese Großprojekte an:

Sanierung Haus Cleff (7,7 Millionen Euro)

Erweiterung GHS Hackenberg (3,84)

G9-Erweiterungen Gymnasien (28,7)

Neubau Berufskolleg (31,6)

Sanierung Freibad Eschbachtal (10,4)

Neugestaltung Friedrich-Ebert-Platz (8,1)

dazu Straßen und andere Verkehrsflächen für 45,8 Millionen Euro.

Die Totalunternehmer wiederum würden ihr Risiko minimieren, indem sie sich über entsprechende Verträge mit ihren Lieferanten die notwendigen Kontingente an Baumaterial sichern, erklärt Judt.

Bauunternehmer Spelsberg: Plötzlich bleibt man auf 80.000 Euro Mehrkosten sitzen

Das mache auch das Remscheider Bauunternehmen Dohrmann so, sagt dessen Geschäftsführer Wolf-Dietrich Spelsberg, der aber auch betont, dass trotzdem ein Restrisiko bleibe. Vor allem weil das nicht bei allen Materialien möglich sei.

So bleibe die Firma, die regelmäßig für die Stadt Remscheid Tief- und Straßenbauarbeiten übernimmt, aktuell bei einer Baustelle in Solingen wegen gestiegener Stahlpreise auf rund 80.000 Euro sitzen. Und den Schwankungen beim Benzinpreis, das Unternehmen verbraucht rund eine Millionen Liter Diesel im Jahr, sei man ohnehin ausgeliefert.

„Es ist sehr schwer, mit der aktuellen Situation umzugehen“, gibt Spelsberg zu. Viel mehr Möglichkeiten, als eventuelle Kostensteigerungen zu schätzen und dann mit einzurechnen, habe man nicht.

Insolvenz des Unternehmers kann der Stadt besonders teuer zu stehen kommen

Und im Zweifel muss der Auftraggeber ran. „Wenn Material extrem im Preis steigt, müssten wir überlegen, ob wir uns an den Mehrkosten beteiligen“, sagt Thomas Judt.

Dafür gebe es aber, gerade bei einer klammen Kommune wie Remscheid, Grenzen. Doch eine Insolvenz des Bauunternehmens wolle man, wenn möglich, verhindern. Auch weil das Vorhaben danach vermutlich noch teurer wird.

Standpunkt von Sven Schlickowey: Markt trifft Notwendigkeit

sven.schlickowey@rga.de

Spätestens seit BER und Elphi ist für viele Menschen klar: Die öffentliche Hand kann nicht bauen.

Was angesichts der medial breitgetretenen Negativbeispiele aber oft vergessen wird, ist, dass viele Baustellen sehr wohl funktionieren – da spricht dann nur niemand drüber. Die Sanierung des Lüttringhauser Rathaus zum Beispiel hat wegen der einen oder anderen Überraschung und wegen des Wetters länger gedauert als geplant, blieb aber trotz allem im Kostenrahmen.

So etwas hinzubekommen, wird angesichts der derzeitigen Baupreisentwicklung immer schwieriger. Auch weil der überhitzte Markt auf eine öffentliche Hand trifft, die nun bauen muss – nachdem öffentliche Infrastruktur zuletzt jahrzehntelang kaputt gespart wurde.

Vielleicht bekommen wir es ja diesmal hin, dass die neu gebauten und frisch sanierten Bauwerke nun auch in Schuss gehalten werden (können). Das würde ähnliche Probleme, wie wir sie derzeit schon haben und in absehbarer Zeit noch viel mehr bekommen werden, in Zukunft zumindest minimieren.

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