Ab August wird‘s teuer

Erdgaspreise schocken Verbraucher in Remscheid

Klaus Zehrtner (EWR) und Verbraucherschützerin Lydia Schwertner verweisen auf Informationsangebote.
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Klaus Zehrtner (EWR) und Verbraucherschützerin Lydia Schwertner verweisen auf Informationsangebote.

EWR erhöhen zum August die Gastarife für Privatkunden. Die Verbraucherzentrale macht wenig Hoffnung.

Von Sven Schlickowey

Klaus Zehrtner (EWR)

Remscheid. 85 Euro mehr im Monat, 98 Euro Aufschlag oder sogar 273 Euro - seit einigen Tagen flattern Gas-Kunden der Remscheider Stadtwerke unerfreuliche Schreiben ins Haus. Der Energieversorger EWR hat in zwei seiner drei Gas-Tarifen für Privatkunden den Arbeitspreis deutlich erhöht und die Vorauszahlungen entsprechend angepasst.

In einer Erklärung verweist EWR auf stark gestiegene Einkaufspreise - und darauf, dass die neuen Preise noch vergleichsweise günstig seien. Viele Verbraucher zeigen sich geschockt. „Ich bin sprachlos”, ist nur eine Reaktion in den sozialen Medien, andere User schreiben „sehr unverschämt und dreist” oder auch „Ich muss ehrlich gestehen, ich hab noch keine Ahnung, wie das gehen soll” und „Da waren die 3,1 Prozent Lohnerhöhung dieses Jahr für die Katz”.

Lydia Schwertner

Konkret haben die EWR in der Grundversorgung, die keiner Vertragslaufzeit und damit auch keiner Preisbindung unterliegt, den Arbeitspreis, also den Preis je Kilowattstunde, von je nach Verbrauch 8,6 bis 9,25 auf 16,33 bis 16,99 erhöht. Im Tarif „Gas Fix”, der eine zwölfmonatige Preisbindung bis Ende Juli hat, von 5,59 bis 6,6 Cent auf 13,14 bis 14,16 Cent. Beide Preiserhöhungen greifen ab 1. August, zudem wurde bereits eine weitere, leichte Erhöhung zum Jahreswechsel angekündigt. Der dritte Gas-Tarif für Privatkunden „Gas Fix Plus” ist vorerst nicht betroffen, er bietet eine Preisbindung bis zum 31. Juli 2023.

„Die Preise werden überall steigen.”

Lydia Schwertner, Verbraucherschützerin

„Um die Kunden vor hohen Nachzahlungen bei der nächsten Jahresverbrauchsabrechnung zu schützen, haben wir uns dazu entschieden, den monatlichen Abschlag gemäß der neuen Preise ab August 2022 entsprechend anzupassen”, erklärt die EWR. Man sei sich bewusst, dass „sich durch die Preisanpassung eine spürbare, für einige Kunden sogar kritische Mehrbelastung” ergebe, die gestiegenen Einkaufspreise würden aber keine andere Möglichkeit lassen: „So haben sich die Preise für Erdgas am Energiemarkt seit Oktober 2021 verdreifacht.”

Nach der Preiserhöhung liege der Tarif „Gas Fix” weiterhin „gut positioniert im wettbewerblichen Umfeld in den bekannten Vergleichsportalen”, betonen die EWR. Tatsächlich sind Arbeitspreise unter 15 Cent pro Kilowattstunde für Erdgas bei Check24 und Co. kaum zu finden. Eine auf den 1. Juni datierte Untersuchung der Verbraucherzentrale NRW wirft Preise zwischen 6,57 und 42,99 Cent aus. Allerdings sind einige der besonders günstigen Tarife dem jeweiligen Versorgungsgebiet vorbehalten, in Remscheid also nicht verfügbar. Andere Anbieter haben ebenfalls erhöht. Die Stadtwerke Bad Salzuflen zum Beispiel, auf der Liste der Verbraucherzentrale mit knapp über 6 Cent noch ganz vorne, verlangen ab 1. Juli bis zu 12,4 Cent je Kilowattstunde.

Interview: Kommt Remscheid ohne Gas aus Russland aus?

„Die Preise werden überall steigen”, sagt auch Lydia Schwertner, Leiterin der Remscheider Beratungsstelle der Verbraucherzentrale NRW. Bisher hätten sich bei ihr noch keine EWR-Kunden gemeldet, berichtet sie: „Aber das wird sicher noch passieren, so etwas kommt immer mit etwas Verzögerung.” Die „neuen” EWR-Preise seien weiterhin „ganz passabel”, lautet ihre Einschätzung. Empfehlenswert sei aber für alle Kunden, die sich derzeit noch in der Grundversorgung befinden, in einen Laufzeitvertrag zu wechseln. „Bei einem Jahresverbrauch von 20 000 Kilowattstunden spart das etwas über 600 Euro.”

Aktuell befinde sich noch rund ein Viertel aller EWR-Gaskunden in der Grundversorgung, berichtet Stadtwerke-Pressesprecher Klaus Zehrtner. Für die meisten sei ein Wechsel in den Tarif „Gas Fix” möglich: „Das haben wir in den vergangenen Jahren ja in jedem Schreiben geradezu gebetsmühlenartig wiederholt, dass wir das empfehlen.”

Seit man vor einigen Tagen begonnen habe, die Schreiben zur Preiserhöhung zu versenden, gebe es eine „rege Beratungstätigkeit”, so Zehrtner. Kontakt biete man online, per E-Mail und Telefon und persönlich im Servicecenter im Allee-Center. Zwar könne man die „globalen Weltmarktpreise nicht beeinflussen”, schreiben die EWR, dafür habe man aber Energiespartipps, Fördermittel für energieeffiziente Geräte und Finanzierungsmöglichkeiten für Heizungen im Angebot.

Beratungsangebote

Das EWR-Servicecenter im Allee-Center ist montags bis donnerstags 9 bis 17 Uhr, freitags bis 16 Uhr geöffnet. Die kostenlose Hotline ist montags bis freitags von 8 bis 18 Uhr unter Tel. 0800 0 164 164 erreichbar. Die Verbraucherzentrale NRW hat Informationen zu Tarifvergleichen, Anbieterwechsel, Energie sparen und Förderprogrammen ins Internet gestellt:

https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/energie

Passend zum Thema: Gasumstellung in Remscheid: Erfassung startet bald

Standpunkt von Sven Schlickowey: Klares Bekenntnis

sven.schlickowey@rga.de

Dass die Stadtwerke die explosionsartig gestiegenen Einkaufspreise nicht einfach ignorieren können, ist klar. Dass Erhöhungen von teils mehr als 100 Prozent viele Gas-Kunden an den Rande ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und oft auch darüber hinaus bringen werden, allerdings auch. Eine wirkliche Lösung kann wohl nur in Berlin gestrickt werden, gerne finanziert durch eine Zufalls- oder Übergewinnsteuer.

Darüber hinaus braucht es aber jetzt auch ein klares Bekenntnis der Stadt als Mehrheitseigner der EWR, dass im Winter niemand wegen nicht gezahlter Gas-Rechnungen frieren wird. Wer sich die hohen Preise nicht leisten kann, muss sich auf die Unterstützung aller verlassen können, eine warme Wohnung ist ein Menschenrecht. Selbst wenn die Stadt dafür auf die EWR-Gewinne, die im Haushalt dringend benötigt werden und uns allen zugutekommen, verzichten muss.

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