Onlinevortrag

„Entartete Kunst“ sorgte für Devisen

Jürgen Kaumkötter referierte online über Kunstraub in der Zeit des Nationalsozialismus.
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Jürgen Kaumkötter referierte online über Kunstraub in der Zeit des Nationalsozialismus.

Ein Onlinevortrag des Historikers Jürgen Kaumkötter beleuchtete Kunstraub damals und heute.

Von Jutta Schreiber-Lenz

Der Nazi-Beschlagnahmungsapparat in der Aktion „Entartete Kunst“ war durch und durch perfide und geradezu irre, wie Jürgen Kaumkötter es in seinem Vortrag ausdrückte. Der Kunsthistoriker und Leiter des Zentrums für Verfolgte Künste in Solingen zeigte in einem Onlinevortrag am Montagabend geradezu abstruse Zusammenhänge zum Thema Kunstraub im Nationalsozialismus. Simon Oelgemöller vom Katholischen Bildungswerk moderierte den Vortrag und auch Professor Jörg Becker vom Deutschen Gewerkschaftsbund und die VHS Solingen waren an Organisation und Durchführung der Veranstaltung beteiligt.

Kaumkötter fesselte mit einem beeindruckenden Referat knapp 40 Teilnehmer über gute 45 Minuten. Mit Hilfe eines Glossars blätterte der Experte für Holocaust- und Exilkunst durch digitale Original-Telegramme, Fotos, Listen und Briefe aus der deutschen Vergangenheit. Sie zeigten die systematische Enteignung von Museen, Privatsammlern oder Künstlern, die der rassistischen Ideologie der braunen Regierung nicht passten.

Kunstraub brachte Geld in die Kassen der NS-Regierung

Der Begriff „entartete Kunst“, stempelte Bilder und deren Maler mit jüdischer Religion oder „falscher“ Gesinnung als falsch und nichts wert ab. Das geschah im Kontext der Verfolgung der Juden in Deutschland. Hab und Gut fielen an den Staat. Schließlich brauchte das NS-Regime Geld, um den geplanten Krieg finanziell stemmen zu können. Von geschaffenen Gesetzen und Verordnungen wie etwa der Judenvermögensabgabe nach der Pogromnacht am 9. November 1938 oder einer Änderung der Reichsfluchtsteuer nach 1933, abgesegnet, zwang man jüdische Bürger in die Emigration – und beschlagnahmte das, was sie auf ihrer Flucht nicht mitnehmen konnten. Unter dem Stichwort „Arisierung“ mussten jüdische Unternehmer ihren Besitz für Schleuderpreise an „Reichsdeutsche“ verkaufen. Auch blieb den Juden nur die Emigration oder Verfolgung und Tod.

Auch die von den Nazis als „entartet“ deklarierten Kunstwerke brachten Geld in die klamme Staatskasse des Dritten Reichs. Kein NS-Mann hatte Skrupel, die enteigneten oder maximal für einen Apfel und ein Ei erstandenen Werke hochpreisig über Kunsthändler zu verkaufen. Geradezu generalstabsmäßig sei man vorgegangen: Die beschlagnahmten Werke wurden in einem zentralen Verzeichnis erfasst und, soweit möglich, gegen Devisen ins Ausland verkauft. Auf Grundlage dieses Verzeichnisses entstanden Listen, wie die der „international verwertbaren“ oder der „unverwertbaren“ Werke.

Koloniale Raubkunst wird heute noch in Museen ausgestellt

Die dargelegte Doppelmoral mache sprachlos, war im Nachgang zu dem Vortrag aus dem virtuellen Plenum zu lesen, als das Gehörte abgesackt war.

„Doppelmoral“ sei aber durchaus auch ein Stichwort für unsere heutige Zeit. Schließlich stelle auch Deutschland nach wie vor Kunst aus, die durch vergangene Kriegszüge oder durch Übergriffe im Zeitalter der Kolonialisierung ins Land gekommen sei. Die Büste der Nofretete, eine der bekanntesten Kunstschätze des alten Ägypten, sei etwa ganz und gar kein deutsches Kulturgut, sagte Kaumkötter mit Blick auf das derzeit entstehenden Berliner Humboldt-Forum, wo diese dauerhaft ausgestellt ist.

Zur Person

Jürgen Kaumkötter ist Historiker und Kunsthistoriker mit Schwerpunkt Exil- und Holocaust-Kunst. Seit 2019 ist er Direktor und Geschäftsführer des Zentrums für verfolgte Künste an der Wuppertaler Straße und Mitglied des Aufsichtsrates des MOCAK – Museum für Gegenwartskunst Krakau. Er arbeitet auch als Lehrbeauftragter am Kunsthistorischen Institut der Universität Osnabrück. 2015 erschien von ihm das Buch „Der Tod hat nicht das letzte Wort“.

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