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Enge Absprachen beugen Stromsperren vor

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Entwicklung auf dem Energiemarkt könnte die momentan gute Bilanz trüben

Von Andreas Weber

Remscheid. Ohne Strom und Heizung - der Gesetzgeber definiert dies als eine „der Obdachlosigkeit vergleichbare Notlage“. Seit vielen Jahren versuchen Sozialamt, Jobcenter und die Stadtwerke deshalb im Dreiklang zu verhindern, dass in Wohnungen die Lichter aus- und Herde und Fernseher nicht mehr angehen. Die Absprachen wirken: Die Zahl der Stromsperren in Remscheid sind seit 2005 konsequent zurückgegangen.

Von 2317 auf 653 im vergangenen Jahr. Im ersten Quartal 2022 wurden 148 Kunden abgeklemmt. Der Versorger darf dies, wenn der Zahlungsrückstand das Doppelte des monatliches Abschlages oder der Vorauszahlung erreicht. Wurden nichts vereinbart, muss der Rückstand ein Sechstel der Jahresrechnung erreichen.

Hauptsächlich trifft es Menschen, die Sozialhilfe beziehen, SGB II (Hartz IV) und SGB XII (Grundsicherung). Die Zahlen sind nicht alarmierend, sie werden aber in Zeiten enorm steigender Energiekosten nach oben schießen. Im Sozialausschuss befürchtete Dezernent Thomas Neuhaus: „Wir haben unseren Austausch in Remscheid untereinander über die Jahre verfeinert. Das hat Früchte getragen. Die Frage jetzt aber wird sein: Wie entwickeln sich die Preise? Die Energiekosten könnten zu einer Welle werden, die wir nicht mehr kontrollieren.“

Neuhaus prognostizierte: „Wenn wir bei den Energiekosten bei Transferleistungsempfänger nicht unterstützt werden, fliegt uns das Thema um die Ohren.“ Sozialamtsleiter Carsten Thies pflichtet dem bei: „Auf uns als Kommune werden erhebliche Lasten zukommen. Da werden Land und Bund gefragt sein, um uns zu entlasten.“ Im Regelsatz für Sozialhilfeempfänger von 449 Euro bei Single-Haushalten sind 38 Euro Strom enthalten.

Carsten Thies: Kunden sollten Mahnungen niemals ignorieren

Auch wenn die Zahl der Bedarfsgemeinschaften in Remscheid in den vergangenen fünf Jahren kontinuierlich auf 5211 gesunken ist und die leistungsbeziehenden Personen im März bei knapp über 10 000 lag, ist der Regelsatz für manche zu wenig. Wenn sich dies abzeichnet, ist wichtig: „Wir beobachten öfters, dass Menschen den Kopf in den Sand stecken, mehrere Mahnungen einfach ignorieren. Das ist aber nie ein guter Ratgeber“, meint Thies. Auch die Stadtwerke hätten prinzipiell kein Interesse, den letzten Hebel zu ziehen, sagt Thies. Denn Stromsperren verursachen Kosten beim Anbieter, die am Ende nicht im Verhältnis zu der geschuldeten Summe steht.

Entscheidend sei, dass die in Schräglage geratenen Kunden rechtzeitig ihren Energieversorger kontaktieren. Die Möglichkeit einer Ratenzahlung gibt es immer. „Auch Aufschübe sind unter Umständen möglich.“ Solche Vereinbarungen sind nicht nur mit den Stadtwerken zu treffen, denkbar ist, dass der Sozialhilfeträger einspringt.

Standpunkt von Andreas Weber: Ignorieren hilft nicht

andreas.weber@rga.de

Treffen kann es fast jeden. Arbeitsplatzverlust, längere Krankheit oder in die Mühlen der Bürokratie zu geraten, dies alles kann dazu führen, dass Menschen unverschuldet abrutschen, abhängig von Sozialleistungen werden, sich nicht mehr das Nötigste leisten können. Dazu zählen auch Strom und Heizung. In einer auch noch so knappen Finanzkalkulation eines jeden sollten sie Vorrang haben. Zugang zur Energie ist freilich kein Luxusgut, sondern ein grundsätzliches Recht, um zu überleben. Ist die Versorgung jedoch erst einmal gekappt, dauert es, bis der Kunde wieder am Netz ist. Wer in diese missliche Lage gerät, dem hilft kein Verdrängen und Ignorieren der Mahnungen. Im Zweifelsfall fällt es leichter, eine Sperre zu verhindern, als einen abgeklemmten Anschluss freizuschalten. Das Gespräch mit dem Energieversorger oder dem Sozialamt zu suchen, löst das Problem noch nicht, aber es ist ein erster Schritt, dieses nicht zu einer persönlichen Katastrophe werden zu lassen.

Rubriklistenbild: © Roland Keusch

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