Interview der Woche

Elisabeth Schnocks: „Kirche muss ein Stück ihrer Macht teilen“

Sie verspürt Scham und Wut darüber, dass vielen Kritischdenkenden in der Katholischen Kirche keine Heimat mehr geboten wird. „Mit ihrer Haltung sind sie nicht erwünscht“, bedauert Elisabeth Schocks, unter anderem Vorsitzende des Katholikenrates Remscheid. Foto: Roland Keusch
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Sie verspürt Scham und Wut darüber, dass vielen Kritischdenkenden in der Katholischen Kirche keine Heimat mehr geboten wird. „Mit ihrer Haltung sind sie nicht erwünscht“, bedauert Elisabeth Schocks, unter anderem Vorsitzende des Katholikenrates Remscheid.
  • Axel Richter
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Vorsitzende des Pfarrgemeinderates, Elisabeth Schnocks, kann kritisch denkende Katholiken verstehen, die an Austritt denken.

Das Interview führte Axel Richter 

Frau Schnocks, hadern Sie gegenwärtig mehr mit Gott oder mit Ihrer Kirche?

Elisabeth Schnocks: Eindeutig mit der Kirche.

Ich ahne warum: Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki hält eine Studie zum Missbrauchskandal zurück. Das Bistum setzt kritische Pfarrer unter Druck. Kürzlich platzte sogar ein Gespräch mit Journalisten. Der Remscheider Stadtdechant Thomas Kaster sprach gegenüber dem RGA bereits von einem PR-Desaster.

Schnocks: Ja. Und damit hat er recht. Ein katastrophaleres Bild kann man nicht vermitteln.

Was hat das für Folgen?

Schnocks: Früher habe ich beobachtet, dass angesichts größerer oder auch kleinerer Skandale innerhalb der Kirche vorwiegend solche Christinnen und Christen ausgetreten sind, die sich schon länger schwer mit der Katholischen Kirche getan haben. Heute komme ich mit Menschen ins Gespräch, die fest in ihrem christlichen Glauben stehen und auch Gemeindeleben mitgestaltet haben. Die wollen jetzt auch austreten - sie wollen mit diesem „Verein“ nichts mehr zu tun haben. Das tut mir sehr leid, weil die Kirche genau diese Menschen braucht. Menschen, die sich auch kritisch in der Kirche einbringen, die aber immer mehr erleben, dass sie nichts bewegen können und mit ihrer Haltung nicht erwünscht sind. Als Vertreterin der katholischen Kirche spüre ich auch Scham und Wut darüber, dass wir diesen tollen Menschen keine Heimat geben können.

Warum bleiben Sie?

Schnocks: Ich habe auch schon mal über einen Kirchenaustritt beziehungsweise einem Wechsel der Konfession nachgedacht. Aber der Katholizismus ist eben auch ein Stück Heimat. Ich bin in der Katholischen Kirche groß geworden. Ich mag die Liturgie sehr, sie ist mir vertraut und verbindet mich nicht nur mit Gott, sondern auch mit vielen Menschen, die mit mir beten. Das ist wie eine große Familie. Wie sie wird auch Kirche von Menschen gemacht. Im Moment scheinen diese Menschen nur schlecht beraten zu sein.

Sie sind Lehrerin am Gertrud-Bäumer-Gymnasium. Sie unterrichten Biologie und Katholische Religion. Wie vereinbaren Sie Darwin und Gott miteinander?

Schnocks: Das geht ganz wunderbar. Die biblischen Schöpfungsberichte sind ja keine historischen Erzählungen. So stehen am Anfang direkt zwei Schöpfungsberichte nebeneinander, die sich auch teilweise widersprechen. Die Schöpfungsberichte sind Beziehungstexte. Es geht um die Beziehung des Menschen zu Gott, zur Natur und zu seinen Mitmenschen, aber sicher nicht darum, wie genau die Welt entstanden ist. Darwin hat entdeckt, dass die Natur im Wandel ist. Der Entdecker des Urknalls war der Jesuit Lemaitre. Er gehörte also einem katholischen Orden an, war Priester, Mathematiker und Physiker. Wir Menschen sind nur ganzheitlich erfasst, wenn wir Raum für Rationalität und Spiritualität geben. Ich kann Liebe neurobiologisch erklären, zu einer besseren Beziehung führt dies aber wahrscheinlich nicht.

Manchmal kollidieren Wissenschaft und Glaube aber auch miteinander. In Radevormwald hat ein katholischer Geistlicher seinen Gemeindegliedern empfohlen, in der Corona-Pandemie den Gottesdienst in Hückeswagen zu besuchen, solange die eigene Kirche geschlossen bleibt. Was sagen Sie dazu?

Schnocks: Es hinterlässt mich sprachlos. Wir müssen den Menschen in den Mittelpunkt unserer Arbeit stellen und das tut er nicht, wenn er die Menschen nach Hückeswagen schickt. Bevor er ihnen einen solchen Tipp gibt, hätte er sich vielleicht überlegen sollen, wie er Seelsorge betreiben kann, die sicher ist und doch nah bei den Menschen. Beispiele dafür gibt es genug.

Wie wird Kirche wieder zu einer Heimat für die Menschen, die sie nicht verlassen wollen?

Schnocks: Mir ist gerade jetzt in der Pandemie aufgefallen, wie wichtig den Menschen kleinere, überschaubare Strukturen sind. Ich verstehe deshalb nicht, dass die Kirche immer mehr Gemeinden zu Mammutpfarreien zusammenschließt, ohne die gewachsenen Strukturen vor Ort zu beachten. Der Theologe Thomas Söding blickt auf die Anfänge der Kirche und nennt die geringe Größe der Gemeinden als größte Chance urchristlichen Gemeindelebens. Man wusste voneinander. Nicht nur, weil man sich zum Gottesdienst traf, sondern auch, weil man sich auf der Straße begegnete. Wenn dieses Wissen voneinander dann mit solidarischem Handeln einhergeht, glaube ich, dass dies immer noch eine positive Ausstrahlung haben kann.

Sie beschreiben ein ideales Bild, das es heute so nicht mehr gibt.

Schnocks: Ja, und das wirkt sich unmittelbar aus. Damals fühlten sich die Menschen für den gelebten Glauben mitverantwortlich, das heißt die Menschen sahen sich dazu berufen, die Kirche aktiv mitzugestalten. Heute haben viele diese Aufgaben für sich abgegeben. Solidarität macht die Caritas, Glaubensverkündigung der Priester. Die Menschen rutschen in eine Art Konsumhaltung: Ich zahle Kirchensteuer, also kann ich dafür auch etwas erwarten.

Aber das Bistum fordert doch Mitwirkung. Ich denke an den Pastoralen Zukunftsweg, auf den sich Laien und Geistliche begeben sollen.

Schnocks: Ja, allerdings sollte das Ergebnis nicht von vornherein feststehen. Das ist das Paradoxe, das wir erleben: Laien sollen sich engagieren und Fantasie entwickeln, wie es mit der Kirche weitergeht. Das funktioniert aber nicht, solange bestimmte Dinge nicht gedacht werden dürfen. Und es funktioniert nicht, solange die Kirche nicht bereit ist, ein Stück ihrer Macht zu teilen.

Zur Person

Elisabeth Schnocks steht seit zweieinhalb Jahren an der Spitze des Katholikenrates Remscheid und ist zudem Vorsitzende des Pfarrgemeinderates der Katholischen Kirche in Remscheid. Die 50-Jährige studierte katholische Theologie und Biologie an der Uni Bonn. Heute unterrichtet die Lehrerin Religion und Biologie am Gertrud-Bäumer-Gymnasium und sie ist zudem stellvertretende Vorsitzende des Bezirkspersonalrates für Gymnasien und Weiterbildungskollegs bei der Bezirksregierung Düsseldorf.

Der Katholikenrat ist die Laienorganisation der Katholischen Kirche. Er vertritt die Anliegen der Gläubigen in der Öffentlichkeit und gibt Anregungen für deren Wirken in Kirche und Gesellschaft. Obwohl in seiner Tätigkeit autonom, ist der Katholikenrat auf die Anerkennung des Bischofs als Leiter der Diözese angewiesen.

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