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Stimmung im Einzelhandel: Entscheidend ist jetzt

Boecker-Filialleiterin Cornelia Wüllenweber
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Boecker-Filialleiterin Cornelia Wüllenweber

Die gestiegenen Lebenshaltungskosten sorgen für Zurückhaltung bei den Kunden in Remscheid.

Von Sven Schlickowey

Remscheid. „Pandemiebedingte Unsicherheiten“, „Allzeit-Tiefststand“, „pessimistischer Blick“ – die Ergebnisse des aktuellen Konsumbarometers des Handelsverbands bieten wenig Erfreuliches. „Die erneute Eintrübung der Verbraucherstimmung ist insbesondere darauf zurückzuführen, dass die deutlich steigenden Lebenshaltungskosten im Alltag der Verbraucherinnen und Verbraucher angekommen sind“, schreibt der Verband – und rechnet nicht vor Frühjahr mit einer Besserung. Im Vergleich dazu zeigt sich der Remscheider Einzelhandel teilweise noch verhalten optimistisch. Macht aber auch deutlich: Wie schlimm es wirklich wird für die Geschäfte hier vor Ort, entscheidet sich in den kommenden Wochen.

„Noch kann man keine verlässlichen Voraussagen treffen“, sagt zum Beispiel Cornelia Wüllenweber, Filialleiterin bei Boecker auf der Alleestraße. Aktuell sei bei dem Modehändler vormittags gut zu tun, nachmittags werde es deutlich ruhiger, berichtet sie. Vermutet aber, dass dies vor allem an den gerade zu Ende gegangenen Ferien und dem bis vor kurzem guten Wetter liege. „Die Leute hatten ja nach Corona erst mal nur noch Urlaub im Kopf.“

Annika Beckmann (Tee Geschwendner)

Vor den Ferien sei die Stimmung gut gewesen, so Wüllenweber: „Man hat wirklich gemerkt, dass viele Bedarf hatten, vor Ort zu kaufen, die Sachen anzufassen und anzuprobieren.“ Ob sich das im Herbst fortsetze, müssen man abwarten: „Das werden wir in den nächsten Wochen sehen.“

„Ich glaube, dass die Leute ihr Geld zusammenhalten werden.“

Einzelhändlerin Annika Beckmann

Ähnlich die Stimmung bei Annika Beckmann, Inhaberin der Tee-Gschwendner-Filiale im Allee-Center: „Man kann es noch nicht abschätzen“, sagt sie. „Unsere Saison beginnt ja eigentlich jetzt erst.“ Denn obwohl es „wunderbare Eis-Tees“ gebe, würden die meisten Menschen Tee vor allem in der kälteren Jahreszeit trinken. Nun müsse man abwarten, ob diese statt zum losen Tee zur Beutel-Ware greifen, um Geld zu sparen.

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„Ich glaube schon, dass die Leute ihr Geld zusammenhalten werden“, sagt Beckmann. Die Frage sei aber, wo gespart werde. „Vielleicht lässt manch einer ja auch seinen Fernseher ein Jahr länger laufen und gönnt sich dafür lieber im Kleinen etwas.“ Das passe zu den aktuellen Trends wie Nachhaltigkeit und Qualität.

Juwelier Thomas Hertel.

Dass lange nicht jede Branche von den Sparbemühungen betroffen ist, zeigt der Lüttringhauser Juwelier Thomas Hertel. „Geheiratet wird immer“, sagt er mit Blick auf einen Teil des aktuellen Geschäfts. Nach der Corona-Zwangspause würden viele Paare ihre Hochzeitsfeiern nachholen – und dabei werde oftmals auch nicht gespart. „Eher lässt man mal einen Wochenendurlaub ausfallen.“ Ändern könne sich diese Situation allerdings im neuen Jahr, wenn die Nebenkostenabrechnungen ins Haus flattern: „Ich glaube, das geht im Januar oder Februar erst richtig los.“

Verlassen können sich viele Remscheider Händler auf ihre Stammkunden, berichten sie übereinstimmend. Für die richtige Uhr und das richtige Schmuckstück fahren die auch weitere Strecken, sagt Juwelier Hertel. Und auch Annika Beckmann muss nicht befürchten, ihre Stammkundschaft an Beutel-Tees zu verlieren: „Das machen die nicht. Weil sie den Unterschied schmecken.“

Hintergrund

1600 Verbraucherinnen und Verbraucher befragt der Handelsverband Deutschland jeden Monat für sein Barometer, erfasst werden dabei insbesondere die Erwartungen für die nächsten drei Monate in Bereichen wie Anschaffungs- und Sparneigung oder auch Einkommen. Bezogen auf den Wert aus Januar 2017 fiel der Gesamtindex auf 86,28 Prozent, die Anschaffungsneigung sogar auf 75,51 Prozent.

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Standpunkt von Sven Schlickowey: Verantwortung bleibt

sven.schlickowey@rga.de

Wie der Remscheider Einzelhandel über den bevorstehenden Winter kommt, entscheidet sich in den kommenden Wochen, sagen viele Geschäftsinhaber. Wohl wissend, dass das Geld in der derzeitigen Situation gar nicht mehr so locker sitzen kann. Doch nicht obwohl, sondern gerade weil immer weniger vom eigenen Einkommen für den persönlichen Konsum übrig bleibt, sollte man sich gerade jetzt ein paar Gedanken mehr machen, wohin man dieses Geld trägt.

Wichtige Themen wie Nachhaltigkeit, eine lebendige Innenstadt oder auch Vielfalt im Handel verlieren ja nicht plötzlich an Bedeutung, weil Gas-, Sprit- und Lebensmittelpreise exorbitant steigen. Dass viele Menschen sparen müssen, ist klar. Umso mehr sollte man sich Gedanken machen, wo man spart.

Die aktuelle Krise entbindet den Verbraucher nicht von seiner Verantwortung. Eher im Gegenteil.

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