Minijob in Remscheid oder Wermelskirchen

Mindestlohn steigt - Nebenjobs werden attraktiver

Wenn Iris Knauer unterwegs ist, hat der Hahn meist noch nicht gekräht. Dafür sei es um diese Zeit aber auch „weniger stressig“ und ruhiger, sagt die erfahrene Zustellerin. Und im Sommer auch nicht so warm.
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Wenn Iris Knauer unterwegs ist, hat der Hahn meist noch nicht gekräht. Dafür sei es um diese Zeit aber auch „weniger stressig“ und ruhiger, sagt die erfahrene Zustellerin. Und im Sommer auch nicht so warm.

Iris Knauer gehört zu den Zustellern, die sechs Tage pro Woche dafür sorgen, dass der RGA pünktlich zu seinen Lesern kommt. Sie hat einen Minijob. Ab Oktober gibt es dafür mindestens 12 statt 10,45 Euro pro Stunde, maximal 520 statt 450 Euro im Monat. Was ab Oktober gilt, wo sich Interessierte bewerben können und wie man die Energiepauschale bekommt.

Von Sven Schlickowey

Remscheid. Hin und wieder, da kommt Iris Knauer etwas später. Wenn der Lieferwagen eine Panne hatte oder die Druckmaschinen nicht so richtig wollten, dann beginnt sie ihre Tour auch schon mal erst um 2 oder um 3 Uhr, statt wie sonst um 1 Uhr. „Dann stehen einige schon am Fenster und warten auf ihre Zeitung“, berichtet sie. Denn ohne den RGA will der Start in den Tag nicht so richtig gelingen.
Alle Hintergrundinfos für Bewerber, Chefs und wie die Energiepauschale für Minijobber gehandhabt wird, stehen am Ende des Textes.

Seit vielen Jahren schon trägt Iris Knauer den Tüpitter aus, bringt die gedruckte Zeitung an sechs Tagen pro Woche morgens zu ihren Lesern. Erst neben-, inzwischen hauptberuflich. Und, wenn die Technik mitspielt, in den allermeisten Fällen auch pünktlich.
Hintergrund: Erhöhung des Mindestlohns macht Nebenjobs attraktiver

„Ich mache den Job gerne“, sagt sie. Die Rahmenbedingungen stimmten. Früher habe sie als Briefzustellerin gearbeitet, bei einem privaten Post-Dienstleister, erzählt Iris Knauer. „Aber bei der Zeitung ist es schöner. Es ist weniger stressig und man hat seine Ruhe.“ Und im Hochsommer sei es auch nicht so warm.
Dazu auch: Häufige Fragen: Das gilt für Minijobber und ihre Chefs

Denn während sie als Briefträgerin am Morgen begann und dann bis in die Mittagssonne unterwegs war, endet ihr Arbeitstag heute meist schon gegen 6 Uhr. Beginnt allerdings eben auch gegen 1 Uhr. „Daran gewöhnt man sich aber“, versichert sie. Und der frühe Feierabend, der eher ein Feiermorgen ist, habe auch so seine Vorteile.

Dutzende Zustellerinnen und Zusteller sind montags bis samstags in den frühen Morgenstunden unterwegs, um den RGA zu verteilen. Die meisten nebenberuflich und, anders als Iris Knauer, erst ab etwa 4 Uhr morgens. Viele gehen täglich ein oder zwei Bezirke ab. Sei man geübt, brauche man pro Bezirk maximal eine Stunde, sagt Iris Knauer. Das sei nicht zuletzt auch eine Frage der Konzentration.

„Man muss jetzt nicht meinen, dass das jeder Depp kann“, sagt sie. Zeitungen in Briefkästen stecken, sei zwar keine Kunst, den Überblick über die Tour zu behalten, aber schon. „Da ändern sich ja auch schon mal Dinge.“ Zum Beispiel wenn Leser umziehen oder den RGA während ihres Urlaubs zu Freunden oder Bekannten umleiten.

„Man hat pro Bezirk eine Ersatzzeitung“, erklärt Iris Knauer. „Wenn man die am Ende noch hat, hat man alles richtig gemacht.“ Andernfalls beginne die Fehlersuche. „Wobei es natürlich besser ist, keine Zeitung mehr übrig zu haben, als zwei.“ Die 52-Jährige weiß, wovon sie spricht. Neben ihren Stammbezirken übernimmt sie als Springerin nahezu täglich weitere, in denen der eigentliche Zusteller ausgefallen ist.

„Auf Wunsch bekommt man eine Gangfolge dazu“, sagt Iris Knauer. Ein optimierter Plan, welche Straßen in welcher Reihenfolge abgegangen werden sollten. Mit den Jahren entwickle man aber ein Gespür dafür. „Ich bekomme eine Liste mit den Straßen und Hausnummern und lege los.“

Zusteller: Bewerbung immer möglich - Voraussetzung: Wetterfest und Frühaufsteher

Bleibt aber noch das bergische Wetter, nicht umsonst sagt man Remscheider Kindern nach, mit einem Regenschirm in der Hand auf die Welt zu kommen. „Kleine Schauer sind nicht schlimm“, sagt Iris Knauer. „Aber Dauerregen ist die Hölle, erst recht, wenn es kalt ist.“ Doch das komme, entgegen gängiger Vorurteile, nur selten vor.

„Ich mache den Job gerne.“

Zustellerin Iris Knauer

Trotzdem sagt die erfahrene Zustellerin: „Man braucht für diese Aufgabe viel Disziplin.“ Denn gerade am Anfang falle der Start nicht jeden Morgen leicht. Darüber hinaus würden Ortskenntnisse helfen, ist Iris Knauer überzeugt. Und natürlich Spaß an der Sache. Um herauszufinden, ob man den hat, gebe es eigentlich nur eine Möglichkeit: „Einfach mal mitgehen.“ Für Bewerber jederzeit möglich.

Welche Strecke sie auf ihrer Tour jeden Morgen zurücklegt, wisse sie gar nicht, sagt Iris Knauer. „Das wollte ich immer mal messen.“ Wenn man allerdings wie sie vier, fünf und manchmal noch mehr Bezirke jeden Tag macht, kommen da sicherlich schon ein paar Kilometer jeden Morgen zusammen. „Das kann anstrengend sein, keine Frage.“

Iris Knauer sieht das nicht nur als eine Art Fitnessprogramm, sie will es auch anderen beweisen. Nach ihrer Zeit bei dem Post-Dienstleister habe sie „Bewerbungen ohne Ende“ geschrieben, berichtet sie. Allerdings in den meisten Fällen ohne Erfolg. „Viele haben wohl gedacht, dass ich in meinem Alter nicht mehr belastbar bin.“ Bei der Zeitungszustellung habe man sie gerne genommen – und sie fühle sich ausgesprochen wohl. „Das mache ich ganz sicher bis zur Rente.“

Infos über freie Stellen in der Zeitungszustellung gibt es hier.

Erhöhung des Mindestlohns macht Nebenjobs attraktiver

Zum 1. Oktober steigt der Mindestlohn auf 12 Euro pro Stunde – und damit die Entgeltgrenze für sogenannte Minijobs auf durchschnittlich 520 Euro im Monat. Auch für geringfügig Beschäftigte gilt die gesetzliche Lohnuntergrenze. Und damit die nach der Erhöhung noch ungefähr zehn Stunden pro Woche arbeiten können, genauer 43,33 Stunden pro Monat, wird die Grenze angepasst.

Diese doppelte Erhöhung macht, gerade in einer Zeit, da sich immer mehr Menschen wegen gestiegener Lebenshaltungskosten eine Nebentätigkeit suchen, solche Jobs deutlich interessanter. Auch wenn die Bundesregierung daran vermutlich nicht gedacht hat, als sie sich in der ersten Jahreshälfte mit dem Thema beschäftigte.

Bedeutung und Vorteile der geringfügigen Beschäftigungen sind unbestritten: Arbeitnehmer, aber auch Schüler, Studenten und Rentner, können sich ohne große Abzüge was hinzuverdienen, zudem sind solche Arbeitsverhältnisse meist unkompliziert. Arbeitgeber erhalten die Möglichkeit, flexibler auf sich verändernde Auftragslagen zu reagieren. Oder die vorhandene Arbeit besser auf mehrere Schultern zu verteilen.

So wie bei der Zeitungszustellung. Um das knappe Zeitfenster am frühen Morgen zu nutzen, um möglichst vielen Lesern den RGA schon vor dem Frühstück in den Briefkasten zu stecken, agiert man dort überwiegend mit nebenberuflichen Zustellern, die vor ihrem Hauptjob ein bis zwei Stunden unterwegs sind. Ähnliches gibt es teilweise in der Gebäudereinigung. Oder bei Servicekräften, die sich am frühen Morgen um das Brotregal im Supermarkt kümmern.

In der Gastronomie, im Einzelhandel, aber auch in anderen Dienstleistungsbereichen, im Handwerk und in der Industrie können die Unternehmen mit Minijobbern Spitzen abfangen. Im Weihnachtsgeschäft zum Beispiel, wenn ein großes Catering ansteht oder auch am Wochenende im Hallenbad. Minijobber finden sich in nahezu allen Bereichen der Wirtschaft. Und viele Unternehmen sind auf sie angewiesen. wey

Häufige Fragen: Das gilt für Minijobber und ihre Chefs

Was ist ein Minijob?
Ein Minijob ist eine geringfügige Beschäftigung, bei der der Arbeitnehmer entweder regelmäßig nicht mehr als 450 Euro (ab 1. Oktober: 520 Euro) im Monat erhält oder nur kurzfristig, in der Regel maximal 70 Arbeitstage pro Jahr, arbeitet.

Welche Abzüge werden bei Minijobs fällig?
Für den Arbeitnehmer ist ein Minijob in der Regel steuerfrei, er zahlt auch nicht in die Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung ein. Allerdings sind Minijobs rentenversicherungspflichtig, dafür werden 3,6 Prozent abgeführt und man erwirbt einen geringen Rentenanspruch. Davon kann sich der Arbeitnehmer aber auf Antrag befreien lassen. Arbeitgeber führen hingegen eine pauschale Lohnsteuer und Sozialabgaben ab.

Für welche Personen kommen Minijobs in Frage?
Grundsätzlich kann jeder eine geringfügige Beschäftigung aufnehmen, für einige Gruppen gelten aber zusätzliche Regeln. Bei Rentnern und Beamten im Ruhestand gibt es zum Beispiel Zuverdienstgrenzen, Ähnliches gilt bei Arbeitslosen. Bei Schülerinnen und Schülern greift das Jugendarbeitsschutzgesetz. Asylsuchende mit Aufenthaltsgestattung und geduldete Personen brauchen eine Arbeitserlaubnis, die die Ausländerbehörde nach Ablauf der Wartezeit von drei Monaten erteilen kann. Anerkannte Flüchtlinge dürfen jeder Beschäftigung, also auch Minijobs, nachgehen.

Wer kümmert sich um die Anmeldung von Minijobs?
Das ist Aufgabe des Arbeitgebers, der das geringfügige Beschäftigungsverhältnis bei der Minijob-Zentrale bei der Knappschaft-Bahn-See in Bochum melden muss. Diese unterscheidet zwischen gewerblichen Minijobs und solchen in Privathaushalten, das macht für den Minijobber aber keinen großen Unterschied.

Was gilt arbeitsrechtlich?
Minijobber haben wie andere Angestellte auch Anspruch auf Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, bezahlten Urlaub und ein Arbeitszeugnis. Auch andere Regelungen wie der Kündigungsschutz oder der gesetzliche Mindestlohn greifen wie bei anderen Arbeitnehmern.

Was passiert, wenn man mehr als 520 Euro verdient?
Wer ab dem 1. Oktober zwischen 520,01 und 1600 Euro verdient, gilt dann als Midijobber. Änderung: Der Arbeitnehmeranteil an den Sozialversicherungsbeiträgen sinkt.

Energiepauschale: 300 Euro auch für Minijobber

Auch Minijobbern steht in der Regel die 300 Euro Energiepauschale zu, die die Bundesregierung als Reaktion beschlossen hat.

Wer den Minijob als Nebentätigkeit ausübt, bekommt die Pauschale über seinen Hauptarbeitgeber. Ist der Minijob am 1. September das einzige Arbeitsverhältnis, kommt das Geld über diesen Arbeitgeber, Voraussetzung ist eine schriftliche Erklärung des Arbeitnehmers, dass es sich um das „erste Dienstverhältnis“ handelt.

Besteht am 1. September kein Arbeitsverhältnis, aber irgendwann davor oder danach im Jahr 2022, kann die Pauschale über die Steuererklärung geltend gemacht werden.

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