Eigene Kinderarztpraxis wirft Fragen auf

Die Stadt Remscheid soll selbst ins unternehmerische Risiko gehen: Ärztinnen wollen nur als Angestellte arbeiten

Von Axel Richter

Dr. Bettina Stiel-Reifenrath freut sich. Dass die Stadt Remscheid den Betrieb einer eigenen Kinderarztpraxis prüft und damit in Erwägung zieht, sei „ein großartiges und ganz wichtiges Zeichen in Richtung der besorgten Eltern von annähernd 2000 Kindern in Remscheid“, sagt die Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung.

Wie der RGA berichtete, stimmten am Donnerstagabend die Politiker aller Ratsfraktionen und -gruppen im Hauptausschuss für einen von der SPD eingebrachten Antrag. Danach wird die Verwaltung bis zur nächsten Ratssitzung am 24. September prüfen, ob die Stadt als Träger eines Medizinischen Versorgungszentrums infrage kommt.

Wenn ja, könnte die Stadt die Praxis betreiben, in der Kinderärztinnen und -ärzte als ihre Angestellten arbeiten. Sie kämen aus den Kinderarztpraxen in Alt-Remscheid und Lüttringhausen, die zum Jahreswechsel schließen. Die heute dort beschäftigten Medizinerinnen sind wohl bereit, weiter als Angestellte zu arbeiten. Nicht aber dazu, selbstständig eine eigene Praxis zu führen.

„Darüber mag man denken, wie man will. Fakt ist: Für die inhabergeführte Praxis gibt es keinen Nachwuchs mehr. Also muss man andere Modelle finden. Modelle die an anderen Orten ja bereits gut funktionieren“, sagt Dr. Thomas Schliermann, ehemaliger Leiter des Sozialpädiatrischen Zentrums am Sana-Klinikum.

Schliermann meint die Stadt Neuenrade im Märkischen Kreis. Dort wusste sich der CDU-Bürgermeister Anfang 2020 nicht mehr anders zu helfen, als eine kommunale Hausarztpraxis zu eröffnen, um die medizinische Versorgung seiner Bürger zu sichern. Für den städtischen Haushalt war das keine gute Idee: Statt eines kleinen Ertrags rechnet Neuenrade aktuell mit einem Defizit von 80 000 Euro.

„Die Ärzteversorgung und der Betrieb einer Arztpraxis ist keine kommunale Aufgabe“, hielt Thomas Neuhaus (Grüne), Sozialdezernent von Remscheid, im Hauptausschuss fest und pflichtete damit der CDU-Fraktion bei. Zwar stimmte auch die für den Antrag der SPD, wonach die Verwaltung den Betrieb einer kommunalen Praxis prüft. Doch Fraktionschef Jens Nettekoven warnte: „Bei den Hausärzten sieht es doch nicht anders aus.“

„Natürlich nagen wir gewiss nicht am Hungertuch.“

Dr. Bettina Stiel-Reifenrath

Gerät auch dort absehbar wegen Praxisschließungen aus Altersgründen die Versorgung in Gefahr? „Diese Befürchtung muss man durchaus haben“, gab der Sozialdezernent zur Antwort. Und weiter gefragt: Steht die Stadt deshalb möglicherweise auch dort irgendwann vor der Situation, dass sie selbst Praxen in kommunaler Trägerschaft eröffnen und organisieren soll, weil die jungen Ärzte von heute das unternehmerische Risiko nicht mehr tragen wollen?

Dr. Bettina Stiel-Reifenrath, die selbst in Lennep eine Hausarztpraxis betreibt, hält die Sorge für unbegründet. „Unser Hausarztsystem ist zwar auch überaltert, aber nicht so dramatisch wie bei den Kinderärzten.“ Das Durchschnittsalter bei den Hausärzten liege bei 56 Jahren. „Zwar werden einige in den nächsten Jahren aussteigen, es kommen aber immer auch welche nach“, sagt Stiel-Reifenrath. Gleiches gelte für die Facharztstellen in Remscheid. In der Corona-Krise sei es gleichwohl schwer, einen Neurologen oder Psychiater zu bekommen. Beide sind gerade besonders gefragt.

Für die Zurückhaltung der Nachwuchsmediziner, für die die eigene Praxis längst keinen Ärztetraum mehr darstellt, zeigt die Lenneperin übrigens Verständnis. „Natürlich nagen wir gewiss nicht am Hungertuch“, sagt sie. Insgesamt aber sei die Selbstständigkeit unattraktiver geworden. Aufgrund bürokratischer Hürden, immer neuer Dokumentationspflichten, immer mehr Patienten, Notdiensten und Arbeitszeiten von 60 bis 70 Stunden in der Woche. | Standpunkt

Ärzteschwund

Zum Jahreswechsel verliert Remscheid zwei Kinderarztpraxen. Das Krankenhaus Bethanien schließt seine Praxis in Lüttringhausen. Außerdem schließt die Praxis Albrecht / Arnold in Alt-Remscheid. Die Zahl der Kinderärzte schrumpft damit von zehn auf sechs. Sie zeigen sich nicht in der Lage, die kleinen Patienten zu übernehmen. Zudem: Vier sind über 60, sie scheiden in den nächsten Jahren aus.

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