Interview der Woche

Palliativmedizinerin: „Durch ein Lächeln können wir nicht mehr aufmuntern“

Seit 2005 leitende Oberärztin der Schmerztherapie und Palliativmedizin im Sana-Klinikum Remscheid: Dr. Hanna Ludwig. Foto: Anke Doerschlen
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Seit 2005 leitende Oberärztin der Schmerztherapie und Palliativmedizin im Sana-Klinikum Remscheid: Dr. Hanna Ludwig.

Seit 2005 ist Dr. Hanna Ludwig leitende Oberärztin der Schmerztherapie und Palliativmedizin im Sana-Klinikum Remscheid.

Von Andreas Weber 

Frau Ludwig, mit wie viel Patienten ist die Palliativstation im Sana zurzeit belegt?

Hanna Ludwig: Wir versorgen durchschnittlich fünf bis sechs Patienten auf unserer Palliativstation.

Sorgt Corona dafür, dass die Bettenzahl bei Ihnen nicht mehr ausreicht?

Ludwig: Nein. Die positiv auf Covid-19 getesteten Patienten werden nicht auf der Palliativstation behandelt. Dafür wurden im Sana-Klinikum Remscheid eigene Bereiche eingerichtet.

Welche Patienten genau werden auf die Palliativstation verlegt?

Ludwig: Ganz grundsätzlich versorgen wir hier alle Patienten, die eine schwere, lebensbedrohliche Erkrankung haben mit Problemen wie starker Luftnot oder Übelkeit, die aber nicht mehr mit Chemotherapie behandelt werden können oder wollen oder eine Intensivtherapie von sich aus ablehnen.

Inwieweit verändert Covid-19 die Betreuung während des letzten Lebensabschnitts? Gelten restriktive Kontakt- und Besuchsverbote?

Ludwig: Das Besuchsverbot gilt zunächst mal grundsätzlich für das gesamte Sana-Klinikum Remscheid. Auf der Palliativstation ermöglichen wir allerdings einen Besucher pro Tag. Ist die Situation eines Patienten kritisch oder befindet er sich im Sterbeprozess, gehen wir auch über diese eine Besuchsperson hinaus, allerdings nur für die nächsten Angehörigen und nur nach vorheriger Absprache beziehungsweise auf Empfehlung des behandelnden Arztes. Das ist ein Vorgehen, das auch Palliativstationen anderer Häuser durchführen. Ich möchte an dieser Stelle aber auch noch mal darauf hinweisen, dass Palliativmedizin nicht zwingend bedeutet, dass die Menschen bei uns im Haus versterben. Es geht hier vielmehr darum, einen Menschen auf seinem letzten Lebensweg medikamentös und ärztlich so zu versorgen, dass er diesen zumindest schmerzfrei und so lebenswert wie möglich gehen kann. Viele Menschen mit Schmerzen oder Atemnot werden von uns medikamentös eingestellt und verbringen dann noch eine lange Zeit zuhause im Kreis Ihrer Familie.

Wie reagieren die Patienten darauf, dass ihnen in der letzten Phase ihres Lebens die Anwesenheit der Liebsten verwehrt wird?

Ludwig: Wie bereits erwähnt, gibt es auf der Palliativstation durchaus Besuchsmöglichkeiten, wenn auch stark eingeschränkt. Natürlich sind unsere Patienten traurig darüber, dass sie nicht alle ihre Angehörigen sehen können oder Besuche kürzer ausfallen. Aber viele zeigen Verständnis für die Schutzmaßnahmen, ohne die letztendlich auch sie selbst zusätzlich gefährdet wären. Wir bemühen uns aber, durch Gespräche mit unseren Psychologen sowie mit Musik- und Kunsttherapie für Ablenkung und Beruhigung zu sorgen. Auch die Physiotherapeuten besuchen unsere Patienten auf der Palliativstation regelmäßig und sorgen mit Hilfe von Massagen für ein wenig Entspannung und das Gefühl von Nähe.

Die Zimmer der Palliativstation sind „wohnlich und individuell eingerichtet“, wie es auf der Sana-Homepage heißt. Aber wenn nahestehende Menschen diese nicht mit Leben füllen, werden die Patienten in einen unbegleiteten Tod geschickt. Lässt sich das verantworten?

Ludwig: Das ist nicht nur für die Patienten und deren Angehörige schwer und eigentlich nur zu ertragen, wenn man sich die von Covid-19 ausgehende Gefahr immer wieder vor Augen hält und bewusstmacht, dass die Schutzmaßnahmen dagegen absolut notwendig sind. Aber wie bereits erwähnt, sind wir auf der Palliativstation sehr bemüht, die letzte Phase des Lebens nicht vollständig unbegleitet zu lassen. Abgesehen von den doch möglichen Besuchen sorgen wir dafür, dass in dieser Phase immer jemand von unserem ärztlichen oder pflegerischen Personal beim Patienten bleibt.

Bedeutet ein Abschied in Würde möglicherweise, dass Patienten freiwillig auf die Isolation in der Klinik verzichten, um die restlichen Tage im Kreise ihrer Familie daheim zu verbringen?

Ludwig: Es ist tatsächlich so, dass vonseiten der Beteiligten - also der Familien, der Patienten, der Hausärzte und der Pflegedienste - alle Anstrengungen unternommen werden, um eine Versorgung außerhalb des Krankenhauses zu gewährleisten. Das hat unsere Arbeit dahingehend ein wenig verändert, dass wir vermehrt telefonisch beraten.

Sollten Menschen in Zeiten der Pandemie nicht dringend eine Patientenverfügung machen, um zu regeln, welche Therapien sie zulassen wollen?

Ludwig: Unbedingt, aber das nicht nur in dieser Zeit. Ein „Patiententestament“ und eine Benennung eines Vertreters, eben die Vorsorgevollmacht, helfen sehr. Wir versuchen, bei jedem Patienten, der ins Krankenhaus kommt, dessen Wünsche bezüglich Therapien abzufragen und dokumentieren das auch. Das haben wir vor der Pandemie gemacht, aber es hat jetzt, wo Angehörige möglicherweise etwas schwerer erreichbar, weil nicht vor Ort im Krankenhaus sind, noch mehr Bedeutung.

Über Lockerungen des Kontaktverbotes in Alten- und Pflegeheimen wird nachgedacht. Muss dies auch für Palliativstationen gelten?

Ludwig: Wir haben ja für die Palliativstation bereits Ausnahmeregelungen.

Welche Rolle fällt Ihrem Personal in dieser ungeheuer belastenden Zeit zu?

Ludwig: Wir achten noch intensiver als sonst auf die Kontaktbedürfnisse der Patienten, um diese wenigstens in Form von guten Gesprächen zu erfüllen. Mit den Angehörigen können wir telefonisch Kontakt halten und sie über Veränderungen informieren. Wir haben das Gefühl, noch mehr Verantwortung für die Patienten zu tragen. Durch das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes und dem damit verbundenen Gesichtsverlust fällt leider eines weg: Wir können Patienten nicht mehr durch ein Lächeln aufmuntern.

Ist der Kontakt mit Angehörigen über Bildschirm eine Möglichkeit, die Distanz zu umgehen?

Ludwig: Der Förderverein „Palliative Versorgung Remscheid“ hat ein Tablet angeschafft, über das per Sprach- oder Videotelefonie kommuniziert werden kann. Das können wir an jedem Bett nutzen, hygienisch einwandfrei durch die Verwendung von Einmal-Schutzhüllen.

Sterben gehört für einen Palliativmediziner zum Alltag. Sorgen diese einmaligen und bedrückenden Umstände momentan dafür, dass Sie Ihre Arbeit noch einmal aus einem anderen Blickwinkel betrachten?

Ludwig: Hier in Remscheid erscheint die Situation sehr gut überschaubar. Die Rolle der Palliativmedizin besteht im Moment mehr im Beraten und Begleiten der Kollegen. Deutschlandweit betrachtet haben sich die Experten der großen medizinischen Gesellschaften zusammengetan und gute, alltagstaugliche Empfehlungen veröffentlicht. Sollte wider Erwarten auch hier eine Situation wie in Italien mit großen Kapazitätsengpässen auftreten, würde die Behandlungsentscheidung auf mehrere Schultern verteilt. Im ruhigen Alltag wäre das eine Beratung in unserer Ethikkommission. Momentan existiert eine Gruppe von leitenden Ärzten, die sich untereinander schnell telefonisch verständigen können und zur Entscheidung ans Krankenbett kämen. Eigentlich schauen nach meinem Gefühl alle Mitarbeiter im Medizinbereich anders auf ihren Beruf. Ich habe den Eindruck, dass die vielen Maßnahmen, die zu Mehrarbeit führen, oder die Umstrukturierung der Stationen nicht zu Unmut führen, weil alle den Sinn darin sehen: die Verhinderung einer schweren Pandemie. Gleich in den ersten Tagen haben Nachbarn gegenüber des Krankenhauses ein ganz freundliches Dankeschön-Transparent aufgehängt. Das hat uns allen gut getan.

Zur Person

Hanna Ludwig, 59 Jahre, gebürtige Oberhauserin, lebt in Wuppertal. Ludwig ist Fachärztin für Anästhesiologie, ihre Facharztausbildung hat sie 1990 am Städtischen Klinikum Remscheid absolviert. Danach war sie in Kliniken in Bonn und Wuppertal; 2003 arbeitete sie ein Jahr in einem Hospiz in London, ihr Einstieg in die Palliativmedizin. Seit 2005 ist Dr. Hanna Ludwig leitende Oberärztin der Schmerztherapie und Palliativmedizin im hiesigen Sana. Ihre Expertise bringt sie unter anderem als Fachprüferin für Palliativmedizin in die Ärztekammer Nordrhein ein. Außerdem ist sie Vorsitzende des Fördervereins „Palliative Versorgung Remscheid e.V.“

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