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Drogen: Mädchen schnüffeln Deosprays

Besonders Mädchen schnüffeln Deo-Spray. Das Gas geht durch die Lunge direkt ins Gehirn und wirkt betäubend. Deo-Schnüffeln steht bei den Drogen auf Platz eins der Todesursachen, noch vor Heroin. 

Sie schnüffeln Deo oder nehmen Speed. Ein Einblick in die Drogenszene in Remscheid.

Von Joachim Dangelmeyer

Sie sind halbe Kinder und riskieren ihr Leben für einen kurzen Rausch, für eine Flucht in die Betäubung. Sie wollen für eine Weile ihre Leere vergessen und die Welt, in der sie sich abgehängt fühlen. Dafür schnüffeln sie Deospray. Ein hochriskanter Trip ins Vergessen, der tödlich enden kann.

Deo-Schnüffeln erregte bundesweit Aufsehen, als vor zwei Jahren eine 13-Jährige das in eine Plastiktüte gesprühte Gas inhalierte und starb: In ihrem Gehirn war ein Gefäß geplatzt.

Standpunkt von Jörn Tüffers

Es sind keine Einzelfälle. Das weiß auch Alfred Lindenbaum, Suchtberater beim Diakonischen Werk in Remscheid. Vor allem junge Mädchen würden den Kick auf diese gefährliche Weise suchen – oder haben ihn gesucht. Er ist aber froh, dass Deo-Schnüffeln hier glücklicherweise nicht massiv aufgetreten sei, mittlerweile sei es sogar verhältnismäßig ruhig geworden. „Es ist nur eine recht kleine Gruppe junger Konsumenten – und es ist eher eine Mädchendroge.“

Die toxische Wirkung ist ungefiltert, Nervenzellen werden sofort zerstört.“
Alfred Lindenbaum, Suchtberater

Jugendrichter Peter Lässig ist mit dem Phänomen bisher beruflich nicht in Kontakt gekommen. „Vermutlich haben Familienrichter vereinzelt damit zu tun.“ Beim „Arbeitskreis Justiz“ sei das Thema nicht auf der Agenda, das werde sich sicher ändern, wenn es einen aktuellen Fall gebe.

In Jugendkreisen hat das Schnüffeln ein schlechtes Image, viele bezeichnen es sogar als „asozial“. Vielleicht deswegen, weil Deo-Schnüffeln vornehmlich von Jugendlichen aus wenig behüteten Familienverhältnissen praktiziert wird. Und weil der „Stoff“ überall und billig zu haben ist. „Das ist etwa vergleichbar mit dem Schnüffeln von Klebstoffen oder Lösungsmitteln, was vor einigen Jahren noch stärker verbreitet war – vor allem bei Jungen“, sagt Lindenbaum. Da sind es die schnell flüchtigen Alkohole, die inhaliert werden, beim Deo-Schnüffeln ist es das Gas, das durch die Lunge direkt ins Gehirn geht. Lindenbaum: „Das macht es so gefährlich, weil es betäubend auf das Atemzentrum wirkt und Herzkreislaufversagen verursachen kann. Die toxische Wirkung ist ungefiltert, Nervenzellen werden unmittelbar zerstört.“

Immer mehr Jugendliche greifen zu Amphetaminen

Hochgerechnet auf akute Todesfälle stehe Schnüffeln auf Platz eins – noch vor Heroin, sagt Lindenbaum und nennt dafür drei Gründe: unmittelbar einsetzende Wirkung, schwer einschätzbar und schwer dosierbar. Wer finanziell besser dran sei, würde eher Cannabis konsumieren – oder Amphetamine („Speed“, „Pep“). Beides sei fast überall verfügbar und für etwa zehn Euro zu haben.

Suchtberater Alfred Lindenbaum. 

Was Lindenbaum jedoch besonders Sorgen bereitet, ist die „krasse Zunahme“ des Amphetaminkonsums. „Die Einstellungen haben sich total verändert. Für viele war es eine klare Sache: kiffen ja, aber niemals Chemie. Da wurde eine klare Grenze gezogen. Die meisten haben sich daran gehalten.“ Diese Grenze sei gefallen. Über die Gründe kann Lindenbaum nur spekulieren: „Vielleicht weil die Wirkung attraktiver oder der Rausch härter ist.“

Nach seiner Erfahrung würden zehn bis 20 Prozent der Schüler in Remscheid „mehr oder weniger regelmäßig“ Cannabis konsumieren. Der Anteil jener, die Amphetamine einwerfen, läge deutlich darunter, aber steige sehr stark an. Das spiegele sich in der zunehmenden Zahl der Fälle, die wegen Psychosen in der Psychiatrie landeten. Verbreitet seien Paranoia, Angstzustände, Halluzinationen. „Der Trend ist eindeutig da“, bestätigte Dr. Jörg Hilger, leitender Arzt der Stiftung Tannenhof, Fachkrankenhaus für Psychiatrie. Die Fälle, die zu ihm kämen, seien nur die Spitze des Eisbergs, jene, „die den Bogen überspannt haben.“ Warum Speed und Co. plötzlich so en vogue sind, vermochte er nicht zu sagen. „So etwas tritt immer wellenartig auf. Dagegen ebbt Cannabis zurzeit etwas ab.“

SUCHTBERATUNG

SYMPTOME Intensiver Cannabis-Konsum kann veränderte Verhaltensweise auslösen. Die Kinder werden „anders“, verhalten sich „komisch“, sind reizbar und streitlustig, vermeiden den Umgang mit den Eltern und sind abends oft lange unterwegs. Typisch sind rote Augen. Amphetamin-Konsumenten haben meist große Pupillen, sind lange wach, werden nicht müde, sind appetitlos. Viele geben ihre Hobbys auf und sind mit neuen Cliquen unterwegs. 

BERATUNG Die Suchthilfe der Diakonie bietet an der Kirchhoffstraße 2 montags von 15 bis 18 Uhr eine Sprechstunde (ohne Termin) an. Termine gibt es innerhalb einer Woche. Tel: (0 21 91) 59 16 00.

Woran können Eltern einen möglichen Drogenkonsum ihrer Kinder erkennen? „Sie sollten bei einem Verdacht das Gespräch suchen und ihre Wahrnehmung schildern. Die Reaktion kann schon aufschlussreich sein“, sagt Alfred Lindenbaum. Der nächste Schritt wäre dann zur Drogenberatung zu gehen – als Eltern.

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