Interview der Woche

Wissenschaftshistorikerin: „Eine Frage des politischen Willens“

Dr. Cécile Stephanie Stehrenberger ist Juniorprofessorin für historisch-komparative Wissenschafts- und Technikforschung an der Bergischen Universität. Foto: Friederike von Heyden
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Dr. Cécile Stephanie Stehrenberger ist Juniorprofessorin für historisch-komparative Wissenschafts- und Technikforschung an der Bergischen Universität.

Wissenschaftshistorikerin Dr. Cécile Stephanie Stehrenberger erforscht das Verhalten von Menschen in Katastrophen.

Von Kristin Dowe

Frau Dr. Stehrenberger, Sie forschen an der Bergischen Universität Wuppertal im Bereich der historisch-vergleichenden Wissenschafts- und Technikforschung. Was müssen wir uns darunter vorstellen?
Stehrenberger: Die Wissenschaftshistorikerin blickt darauf, wie in der Vergangenheit wissenschaftliches und technisches Wissen generiert und genutzt wurde. Ich persönlich beschäftige mich mit der Rolle, die Wissenschaft im 20. und 21. Jahrhundert im Umgang mit Katastrophen gespielt hat. So untersuche ich, wie Anthropologinnen und Soziologen während des Kalten Krieges erforscht haben, wie Menschen auf Natur- beziehungsweise technische Katastrophen oder auch Epidemien reagiert und wie sie sich darin verhalten haben. Diese Forschung entstand mit dem Ziel, herauszufinden, welche Aspekte menschlichen Verhaltens im Zusammenhang mit Katastrophen besonders problematisch sein könnten – wie beispielsweise eine Massenpanik – und wie man sie verhindern kann. Es ging also um ganz ähnliche Fragen wie heute in der Pandemiebekämpfung.
In Solingen und vielen anderen Städten in Deutschland machen Menschen bei vermeintlichen „Spaziergängen“ gegen die Corona-Schutzimpfung mobil. Erleben wir derzeit ein wissenschaftsfeindliches Klima?
Stehrenberger: Ich würde nicht von einer grundsätzlichen Wissenschaftsfeindlichkeit sprechen wollen. Denn viele dieser Personen, die an solchen Orten ihre Argumente vorbringen, sind nicht per se gegen Wissenschaft. Sie sprechen sich vielmehr gegen wissenschaftliche Erkenntnisse aus, die ihnen nicht passen oder ihren politischen und ökonomischen Interessen widersprechen. Sogar ein Donald Trump stützte sich in vielen Momenten, in denen er Desinformation betrieben hat, selbst auf Wissenschaft. Gleichzeitig erreichen die Anfeindungen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die nicht genehme Erkenntnisse verbreiten, eine hohe Intensität. Wir kennen dieses Phänomen zwar schon aus anderen historischen Kontexten. So wurde auch im Kalten Krieg schon versucht, Wissenschaftlern das persönliche und berufliche Leben schwerzumachen. Heute hat dieses Problem mit den weitreichenden technischen Möglichkeiten wie etwa den Sozialen Medien noch einmal eine andere Dimension.
Welche Parallelen können wir aus der Geschichte im Vergleich zur heutigen Situation ziehen?
Stehrenberger: Nicht nur im Bezug auf Impfpflicht – Stichwort Pocken oder Polio –, sondern auch sonst geht es im Katastrophenmanagement seit der zweiten Hälfte der 20. Jahrhunderts zentral um folgende Frage: Mit wie viel Zwang kann und soll man die Leute dazu bringen, sich so zu verhalten, wie es als nützlich erachtet wird? Seit den 60er-Jahren sagten Wissenschaftlerinnen, aber auch andere Akteure zunehmend: Weniger Zwang ist effizienter, Menschen sollen freiwillig zu der richtigen Entscheidung gelangen, am besten gibt man ihnen einfach ökonomische Anreize, sich richtig zu verhalten und sich selbst zu kontrollieren. Dahinter steckt die Annahme, dass die unsichtbare Hand des Marktes sie da schon in die richtige Richtung lenken wird. Die Menschen werden, so die These, irgendwann das Richtige tun, um ihren Eigennutz zu maximieren, und der Markt wird es schon richten.
Ist weniger Zwang also das erfolgreichere Konzept in puncto Impfpflicht?
Stehrenberger: Das würde ich so nicht sagen. Vielmehr kann man festhalten, dass man seit der Erstarkung liberaler und neoliberaler Denkweisen weniger Zwang auch in Katastrophen als erfolgreicher betrachtet hat. Diese Idee „Freiwilligkeit wird schon reichen, weil der Markt es schon richten wird“ ist aber in der Pandemie an die Wand gefahren. Da gelangen wir an die Grenzen dieser neoliberalen Denkweise und merken, dass Eigennutz und Gemeinwohl eben nicht dasselbe ist. Gleichzeitig stellen wir fest, dass diese Corona-Pandemie massiv von sozialen Ungleichheiten durchzogen ist. Wir können nicht so tun, als würden alle Menschen – gerade angesichts der vielen Desinformation – über die notwendigen Ressourcen verfügen, ohne Weiteres die richtige Impfentscheidung zu treffen. Vor allem aber werden sich diese Ungleichheiten noch verschärfen, wenn sich nicht genügend Menschen impfen lassen, wenn es mit dem Prinzip der Freiwilligkeit doch nicht funktioniert. Es ist ein zynisches Experiment, darauf zu hoffen, dass schon alles gut werden wird. Denn die Leidtragenden werden dann diejenigen sein, die ohnehin schon durch diese Corona-Pandemie proportional gesehen besonders stark belastet sind – die Schwächeren unserer Gesellschaft.
Wie begründen Sie Ihre Sorge?
Stehrenberger: Der Blick in die Geschichte zeigt: Wenn ein Staat bzw. eine Regierung sich in der Katastrophenbewältigung an den fundamentalsten Punkten aus der Verantwortung zieht, leidet das Gemeinwohl. Und es leiden diejenigen, die sowieso schon schlecht gestellt sind, am meisten. Dies passiert vor allem dann, wenn es in einer Gesellschaft eh schon große Ungleichheiten gibt. Dies ist heute in Deutschland der Fall. Unter anderem wegen Dekaden neoliberaler Politik. Sie ist auch hier eher Problem als Lösung.
Wie politisch motiviert sind Demos, die sich gegen die Corona-Maßnahmen wenden, mit Blick auf eine mögliche Unterwanderung von Rechts?
Stehrenberger: Bei diesen Spaziergängen tummeln sich nicht nur Nazis, einige dieser Zusammenkünfte werden von Nazis an vorderster Front mitorganisiert. Es stellt sich natürlich die Frage, ob Menschen mit rechtem Gedankengut sich im Schutzraum dieser Proteste in einer Weise im öffentlichen Raum bewegen und auftreten können, wie es ihnen sonst nicht möglich wäre. Ob sie davon langfristig profitieren, hängt auch von der zivilgesellschaftlichen und politischen Reaktion ab. Es wäre verfehlt zu sagen, die politische Dimension dieser Aufmärsche von Impfgegnern und Gegnern der Corona-Maßnahmen lässt sich auf bekannte faschistische Positionen reduzieren. Das ist nicht nur ein AfD-Problem. Auch Vertreter von anderen Parteien – zu benennen ist hier vor allem auch die FDP – haben in der Vergangenheit wissenschaftliche Erkenntnisse in Bezug auf die Pandemie in Zweifel gezogen.
Teilweise deklarieren die Beteiligten ihre Protestmärsche als Spaziergänge, um sie nicht als Demonstration anmelden zu müssen. Inwiefern sehen Sie darin eine Gefahr für den demokratischen Prozess?
Stehrenberger: Auch das hängt für mich von den Reaktionen ab, die diese Spaziergänge zeitigen. Auf der zivilgesellschaftlichen Ebene gibt es ja durchaus auch Gegendemonstrationen und sehr kreative Formen des Widerspruchs. Das macht Hoffnung. Das andere ist die politische Antwort. Wie viel Akzeptanz gibt es seitens der gewählten Repräsentanten der sich als demokratisch verstehenden Parteien für diese Spaziergänge? Hier bräuchte es eine klare Position, dass die Art und Weise, wie dort gesprochen wird, die Prinzipien einer demokratischen Gesellschaft unterhöhlt, und wo die Grenzen des Sagbaren verlaufen.
Befürworten Sie eine Impfpflicht?
Stehrenberger: Unter gewissen Bedingungen, ja. Wenn ich von Impfpflicht spreche, meine ich damit nicht, dass jemand an einen Stuhl gefesselt, ihm eine Spritze in den Arm gerammt und ein Chip implantiert wird, über den Bill Gates uns dann kontrolliert. Das habe ich bewusst überspitzt formuliert, da solche Geschichten ja tatsächlich unter den Impfgegnern kursieren. Nun stellt sich die Frage, welche Folgen denn für diejenigen im Raum stünden, die sich im Falle einer Impfpflicht, so wie ich sie verstehe, gegen eine Impfung entscheiden. Da sprechen wir momentan meines Wissens primär von ökonomischen Maßnahmen. Gleichzeitig ist ökonomischer Druck – zusammen mit der Androhung des Ausschlusses aus dem kulturellen und öffentlichen Leben – ja auch das Instrument, mit dem man die Menschen dazu bringen will, sich „freiwillig“ impfen zu lassen.
Die gesellschaftliche Spaltung ist derzeit groß. Bekommen wir das wieder hin?
Stehrenberger: Unter den richtigen Bedingungen, ja. Das ist eine Frage des politischen Willens. Die politische Willensfrage ist auch wieder eine ökonomische. Wo werden wir als Staat in den nächsten Jahren und Dekaden, in denen wir mit den Folgen der Pandemie zu tun haben werden, Schwerpunkte setzen? Welchen Bevölkerungsteilen wird geholfen? Und wie nachhaltig und gut organisiert ist diese Hilfe? Diese politischen Weichen müssen jetzt gestellt werden – und zwar mit Blick auf eine langfristige Perspektive. Es geht um die Zukunft unserer Kinder und unseres Landes und nicht nur um den nächsten Wahlkampf.
Proteste wie die des „Solinger Widerstand“ in Solingen beschäftigen auch die Wissenschaft.

Zur Person

Dr. Cécile Stephanie Stehrenberger ist Juniorprofessorin für historisch-komparative Wissenschafts- und Technikforschung an der Bergischen Universität Wuppertal. Neben Geschichte studierte sie Wirtschaftswissenschaft und Philosophie in Zürich und Barcelona. Sie hat unter anderem in Erfurt, Princeton, Madrid und Delhi geforscht und gelehrt.

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