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Neue Selbsthilfegruppe bietet Schutz für verlassene Eltern

Kathrin M. und Markus W. geben die Hoffnung nicht auf, ihre Familienmitglieder irgendwann doch wiederzusehen.
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Kathrin M. und Markus W. geben die Hoffnung nicht auf, ihre Familienmitglieder irgendwann doch wiederzusehen.

Kontaktabbrüche zwischen Kinder und Eltern sind kein Einzelfall. Der Umgang damit ist für die Betroffenen nicht leicht. Eine Selbsthilfegruppe soll bei der Verarbeitung helfen.

Von Elisabeth Erbe

Remscheid. Kathrin M. (Der Name wurde von der Redaktion geändert) ist 53 Jahre alt und hat seit vier Jahren keinen Kontakt mehr zu ihrer ältesten Tochter. Auch ihre drei weiteren Kinder haben keinen Kontakt zur Schwester. Niemand weiß warum. Die Eltern zermartern sich den Kopf, was passiert ist. Und manchmal wünscht sich die Familie lieber den Tod als die quälende Frage, wie es dem Kind geht. „Mit dem Tod käme ich besser zurecht als dieser Kontaktabbruch. Wir haben jahrelang mit der Tochter zusammengelebt. Sie war eine gute Schülerin, sie machte erfolgreich ihre Berufsausbildung, alles war gut. Und plötzlich war alles anders“.

Kontaktabbruch zwischen Kinder und Eltern ist ein tiefer Einschnitt im Leben beider. Der Schmerz der Eltern sitzt tief, wenn Kinder ihre Mütter und Väter meiden, nicht zurückrufen und ignorieren. Sie reagieren nicht auf Briefe, blockieren Anrufe und sind im schlimmsten Fall sogar „unbekannt verzogen“. Kein Einzelfall. Die neue Selbsthilfegruppe „Verlassene Eltern Remscheid“ möchte nun genau hierfür einen Raum bieten. Die Inhalte der Gespräche werden vertraulich behandelt. Die Gruppe bietet einen Schutzraum für alle Betroffenen.

Und darin dreht es sich in vielen Fällen um das „Warum?“. Warum der Kontakt abgebrochen wurde, wie es so weit kommen konnte, dass sie für ihre Kinder buchstäblich „gestorben“ sind und was der Auslöser war.

Das Schlimmste an einer solchen Situation: Die kontinuierlich zehrende Ungewissheit, das ständige Grübeln und Hinterfragen, was in der Vergangenheit schief gelaufen ist, die Leere der Gegenwart und die Aussichtslosigkeit auf einen familiären Kontakt in der Zukunft. „Ganz schlimm sind die Bemerkungen der Bekannten. Es gab aber nichts. Keine Gewalt, keine außergewöhnlichen Streitereien“, erklärt Kathrin M., „wenn ein Kind einfach weg ist, das reißt einem das Herz raus“.

Betroffene fühlen sich von Außenstehenden unverstanden

Außenstehende verstehen die Situation oft nicht und geben oft leichtfertige Ratschläge. „Ihr habt doch noch ein Kind, konzentriert euch auf das“ oder „Da muss doch was vorgefallen sein“. Solche Sätze treffen die betroffenen Eltern bis ins Mark. „Man fühlt sich unverstanden und meidet das Thema in der Gesellschaft. Aber innerlich bin ich tief traurig und mache mir ständig Gedanken. Es herrscht eine ständige Verzweiflung“, sagt die vierfache Mutter.

Auch erwachsene Kinder leiden unter dem Kontaktabbruch, berichtet Markus W. (Der Name wurde von der Redaktion geändert). „Ich habe es nie verarbeiten können, dass mein Vater uns verlassen hat. Er ist ins Ausland gegangen und seit 20 Jahren weiß ich weder, wie es ihm geht, noch wo er wohnt. Ich fühle Wut, Verachtung und gleichzeitig Sehnsucht“, sagt er. Der zweifache Vater kann seinen Kindern keinen Opa vorstellen. „Sie fragen mich immer wieder, wann sie Opa sehen können, aber ich muss sie jedes Mal enttäuschen“, fügte er hinzu. Seine Eltern hatten sich vor 20 Jahren getrennt, seitdem gab es kein Lebenszeichen vom Vater.

Die Schuldfrage wird auch noch nach Jahren diskutiert. Ohne Ergebnis. Doch auch, wenn verlassene Eltern und Kinder ihr Leben wieder selbst in den Griff bekommen, bleibt der Austausch wichtig. Manchmal sind jedoch gerade Familie oder Freunde nicht die richtigen Gesprächspartner, einfach, weil sie nicht nachvollziehen können, wie es ist, als Eltern von den eigenen Kindern verlassen und ausgegrenzt zu werden.

„Mein größter Wunsch wäre, wenn sie vor der Tür stände und ich könnte sie einfach drücken. Aber bis dahin ist da immer diese Wunde. Und auch die Zeit heilt diese Wunde nicht. Ich würde diesen Schmerz nicht meinem ärgsten Feind wünschen“, erklärte Kathrin M. „Wenn ich an Weihnachten denke, dreht sich bei mir der Magen um. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt und ich hoffe, sie steht irgendwann vor der Tür“, sagt sie.

Hintergrund

Die Selbsthilfegruppe wurde zunächst in Wuppertal gegründet, wurde aber nun nach Remscheid verlegt. Gerne können Betroffene per E-Mail einen ersten Kontakt aufnehmen. Jeden 3. Dienstag im Monat um 18.30 Uhr finden die Treffen in den Räumen der evangelischen Kirche Lennep, Berliner Straße 3, statt. Jeder ist willkommen. – auch Kinder, die den Kontakt abgebrochen haben. Alles was bei diesen Treffen besprochen oder erzählt wird, bleibt in der Gruppe.
Kontakt: verlassene-eltern-remscheid@web.de

Dazu passend: Verein „Seele in Not“ bietet Auszeiten vom Alltag

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