Interview der Woche

Kommt Remscheid ohne Gas aus Russland aus?

Klaus Günther-Blombach wechselte 2000 aus der petrochemischen Industrie in Rotterdam nach Remscheid. Der 54-Jährige arbeitet bei der EWR GmbH als Prokurist und Vertriebsleiter. Er weiß: Erdgas ist für die Wärmeversorgung in Remscheid von überragender Bedeutung. Foto: Mike König
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Klaus Günther-Blombach ist Prokurist und Vertriebsleiter der EWR. Er sagt: Erdgas ist für die Wärmeversorgung in Remscheid von überragender Bedeutung.

Interview mit Klaus Günther-Blombach vom Remscheider Energieversorger EWR über die aktuelle Lage auf dem Energiemarkt, Notfallpläne und die Folgen für jeden Remscheider.

Das Gespräch führte Axel Richter

Der Großhandelspreis für Erdgas ist so hoch wie noch nie, und an der Tankstelle kostet Diesel mehr als Benzin. Kann Remscheid ohne Energie aus Russland auskommen? Der RGA sprach mit Klaus Günther-Blombach, Prokurist und Vertriebsleiter der Energie und Wasser für Remscheid (EWR) GmbH.

Herr Günther-Blombach, müssen die Remscheider im nächsten Winter frieren?

Klaus Günther-Blombach: Unsere Speicher sind aktuell zu 30 Prozent gefüllt. Damit kommen wir gut über den Sommer. Danach setzen Deutschland und Europäische Union verstärkt auf Flüssiggas. Dazu erhalten wir Gas aus Holland und Norwegen. Das wird den Ausfall russischen Gases nicht kompensieren, wenn es denn zu einer Verknappung oder einem Lieferstopp kommt. Wir sollten bei aller berechtigten Sorge nicht vergessen: Bei dem Gasgeschäft mit Russland handelt es sich um eine wechselseitige Beziehung. Russland hat ein großes Interesse daran, auch weiterhin Gas nach Deutschland zu liefern.

Aber die EU diskutiert über einen Importstopp. Und der russische Präsident droht damit, selbst den Gashahn zuzudrehen. Was, wenn es so käme?

Günther-Blombach: Ich halte das für eine Drohgebärde. Aber Sie haben recht: Wir haben bis vor ein paar Wochen auch nicht daran geglaubt, dass Putin die Ukraine mit Krieg überzieht. Wir sind also gut beraten, uns auf alles vorzubereiten.

Welche Bedeutung hat Erdgas in der Remscheider Wärmeversorgung?

Günther-Blombach: Eine überragende Bedeutung. Das gilt insbesondere für den Altbaubestand. Wir haben hier zwar auch Öl im Einsatz, aber Erdgas ist mit Abstand die wichtigste Wärmequelle in Remscheid.

Interview der vergangenen Woche: Lietzmann: „Krieg läuft für Russland aus dem Ruder“

Woher bezieht die EWR ihr Erdgas?

Günther-Blombach: Aus vielen verschiedenen Quellen. Wir haben einen Vertrag mit Uniper, dem mit Abstand größten Gasimporteur in Deutschland, aber auch mit anderen Händlern. Was bei uns ankommt, ist ein Gemisch aus russischem, holländischem und norwegischem Gas. Der russische Anteil ist mit 55 Prozent allerdings der größte. Der Anteil aus Norwegen liegt bei 30 Prozent, der aus Holland bei 13 Prozent. Hinzu kommt Flüssiggas aus den USA, aus Qatar, aber auch aus Russland.

Kann Flüssiggas das russische Erdgas ersetzen?

Günther-Blombach: Deutschland hat bislang keine eigenen Entladestationen. Sie sollen in Wilhelmshaven, Brunsbüttel und Stade gebaut werden. Die Pläne dafür gibt es schon lange. Doch auch wenn sie jetzt umgesetzt werden, wird es zwei bis drei Jahre dauern, bis diese Anlagen in Betrieb gehen können. Bis dahin können wir Flüssiggas über holländische und belgische Häfen beziehen. Allerdings: Der Energiehunger der Welt ist groß. Um alle Länder mit Flüssiggas zu beliefern, gibt es gar nicht genug Schiffe. Die müssen erst einmal gebaut werden.

Gibt es eigentlich eine Art Notfallplan?

Günther-Blombach: Ja. Dieser Notfallplan sieht vor, dass im Fall einer Verknappung die Unternehmen, die eine Möglichkeit dazu haben, auf Öl umgestellt werden. Die Möglichkeiten sind den Netzbetreibern bekannt. Wenn das nicht reicht, würde es im Extremfall zur Produktionseinstellung kommen. Davon ausgenommen sind Krankenhäuser und andere Einrichtungen, die zur kritischen Infrastruktur gehören. Das gilt allerdings auch für Privathaushalte. Sie würden als letzte vom Netz gehen.

Im Gasbereich werden die Preise in einem Maß steigen, wie wir es aus den letzten Jahren nicht kannten. 

Klaus Günther-Blombach

Die Preise für Gas, Öl und Benzin kennen nur eine Richtung: nach oben. Wie geht es weiter?

Günther-Blombach: Wir gehen davon aus, dass im Fall von Friedensverhandlungen oder gar eines Friedensschlusses die aktuellen Preisspitzen ausbleiben. Allerdings werden wir nicht mehr zu den Preisen zurückkehren, wie wir sie einmal hatten. Russland wird als Folge des Krieges an Bedeutung als Energielieferant verlieren. Wenn aber ein so großer Lieferant ausfällt, dann hat das globale und dauerhafte Folgen.

Ich muss es leider so sagen.

Klaus Günther-Blombach zu massiven Preissteigerungen

Worauf müssen sich Ihre Kunden in Remscheid einstellen?

Günther-Blombach: Wir erleben auf den Weltmärkten aktuell eine Verdopplung bis Versechsfachung der Energiepreise. Das geht nicht an den Endverbrauchern vorbei. Der Wegfall der EEG-Umlage wird den Preisanstieg für Strom in diesem Jahr abfedern. Im Gasbereich werden die Preise dagegen in einem Maß steigen, wie wir es aus den letzten Jahren nicht kannten. Ich muss es leider so sagen.

Wer baut, setzt auf Alternativen. Können Sie helfen?

Günther-Blombach: Ja. Für Neubauten ist sicher die Wärmepumpe die erste Wahl. Dazu eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach. Alte Gebäude umzurüsten ist dagegen sehr kostenintensiv. Ich gehe deshalb davon aus, dass Erdgas noch für mindestens zehn Jahre eine wichtige Rolle spielen wird. Danach wird Wasserstoff immer wichtiger werden.

Oder muss der Ausstieg aus Kohle und Atomkraft überdacht werden?

Günther-Blombach: Hier sind wir im Spannungsfeld zwischen Risikotechnologie, Klimaschutz und Versorgungssicherheit. Natürlich könnten deutsche Atomkraftwerke einen Beitrag leisten.

Allerdings scheint ein Ausstieg aus dem Atomausstieg nicht wahrscheinlich. Und das nicht nur, weil die Bundesregierung ihn bereits ausgeschlossen hat. Die Kraftwerke steuern auf ihr Ende zu. Die Experten, die sie bedienen, haben zum Teil bereits andere Arbeitsverträge oder gehen auf die Rente zu.

Ich gehe davon aus, dass die Braunkohle länger genutzt wird und die Laufzeit der Kraftwerke verlängert wird. Und wir werden weiterhin Atomstrom beziehen – aus Kraftwerken in Frankreich und Belgien. Weil wir gar nicht anders können, weil wir darauf angewiesen sind. Dazu wird die Ampel-Koalition den Ausbau der Erneuerbaren Energien beschleunigen, Anreize schaffen und versuchen, Hürden zu beseitigen.

Zur Person: Klaus Günther-Blombach

Klaus Günther-Blombach (54) ist Prokurist und Vertriebsleiter der Stadtwerke-Tochter Energie und Wasser für Remscheid (EWR) GmbH. Der gebürtige Gelsenkirchener ging in Leverkusen zur Schule und begann seine berufliche Laufbahn bei Bayer. Günther-Blombach arbeitete in der Petrochemie unter anderem in Rotterdam. Von dort kam er 2000 nach Remscheid zur EWR. Klaus Günther-Blombach ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Dabringhausen.

Deshalb sollten Kunden jetzt den Zählerstand ablesen

Die EWR GmbH rät ihren Kunden, den Strom- beziehungsweise Gasverbrauch zwischenzeitlich am Zähler abzulesen. Danach überprüft der Versorger mit einem Rechnungssimulator, ob die Abschlagshöhe ausreichend ist oder ob sie angepasst werden muss. Die EWR haben zudem mit der Caritas, dem Sozialamt und der Arbeitsagentur eine Clearingstelle eingerichtet. Sie soll die Energieversorgung der Menschen sichern, unerwartete Nachzahlungen vermeiden helfen und Versorgungssperren rechtzeitig verhindern.

Hier finden Sie alle „Interviews der Woche“.

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