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Julia (19) zog einen Monat nach ihrem 16. Geburtstag in der Wohngruppe Intzestraße ein. Das fiel ihr erst gar nicht leicht, gibt sie zu. Foto: Michael Schütz
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Julia (19) zog einen Monat nach ihrem 16. Geburtstag in der Wohngruppe Intzestraße ein. Das fiel ihr erst gar nicht leicht, gibt sie zu.

Julia (19) lebte bei der Evangelischen Jugendhilfe. Heute macht sie eine Ausbildung und wird ambulant betreut

Von Melissa Wienzek

Remscheid. Als sich ihre Eltern trennten, gab es zu Hause einen ziemlichen Tumult, sagt Julia (19, Name von der Redaktion geändert). Ihre Mutter zog fort, die jüngeren Geschwister kamen in einer Einrichtung unter. Nur Julia blieb zunächst bei ihrem Vater, weil sie „immer schon ein Papakind“ war. „Aber dann gab es immer mehr Reibereien zwischen uns, mein Vater hat viel getrunken, und ich bin nicht mehr zur Schule gegangen“, erzählt sie. Nachdem sie eine Zeit lang bei ihrer älteren Schwester gewohnt hatte, gingen beide zum Jugendamt und ließen sich beraten, wo Julia ein neues Zuhause finden könnte. Mehrere Einrichtungen schaute sich die junge Remscheiderin an. Sie entschied sich schließlich für die Wohngruppe Intzestraße der Evangelischen Jugendhilfe Bergisch Land (EJBL). Rückblickend eine sehr gute Entscheidung, wie sie heute sagt.

Doch damals fühlte sich das für Julia noch nicht so an. Einen Monat nach ihrem 16. Geburtstag zog sie in dem Haus mit acht Zimmern und einem Verselbstständigungsappartement mit nur einem Köfferchen ein. „Ich bin kein Menschenfreund. Und war abgeneigt von der Wohnform“, gibt sie zu. „Du wirst erst mal fremden Leuten vorgesetzt. Acht komplett anderen Jugendlichen mit ihren Problemen und Geschichten, die schon eine feste Gruppe sind. Und dann kommst du dazu. Wie in der Schule.“ Das sei für sie eine große Umstellung gewesen. „Ich hatte auch noch das kleinste Zimmer. Aber geholfen hat mir, dass ich später meine eigenen Möbel bekam. Du kommst dir sonst vor, als wenn dir gar nichts gehört.“

Der Alltag lief strukturiert ab. Die Betreuer, die rund um die Uhr dort waren, weckten die Jugendlichen morgens. Dann hieß es Schule, Mittagessen, etwas Freizeit, verpflichtendes gemeinsames Abendessen um 19 Uhr, um 22 Uhr mussten alle in der Gruppe sein. „Das verpflichtende Abendessen hat schon genervt“, erzählt Julia.

Ein ganzes halbes Jahr habe sie gebraucht, um dort auch innerlich anzukommen und zu akzeptieren: Das ist jetzt mein neues Zuhause. Und um mit den anderen warm zu werden. Von dem Zeitpunkt hatte sie eine Familie. Als einer der Betreuer plötzlich starb, der für die Jugendlichen „der Papa“ war, sei das ein großer Schock gewesen, erzählt Julia. Zu ihrem eigenen Vater hat sie keinen Kontakt mehr. Zu ihrer Mutter nur ab und zu.

„Viele denken, wir können nichts aus unserem Leben machen, weil wir aus der Jugendhilfe kommen.“

Julia (19)

Zunächst besuchte sie die Hauptschule, wollte dann den Realschulabschluss auf dem Berufskolleg machen, was nicht klappte. Sie versuchte einen neuen Anlauf bei der VHS, was ebenfalls misslang. Nach einem Praktikum in einer Kinderspielgruppe hatte sie neue Energie und holte schließlich doch noch ihren Realschulabschluss bei der VHS nach – der Wegbereiter für ihren weiteren Weg. Denn im Oktober 2020 begann Julia ihre Ausbildung zur Medizinischen Fachangestellten in einer Allgemeinmedizinischen Praxis in Wermelskirchen, in der sie heute immer noch arbeitet. Künftig möchte sie in den OP-Bereich. „Viele denken, wir können nichts aus unserem Leben machen, weil wir aus der Jugendhilfe kommen“, sagt sie.

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Der 18. Geburtstag bedeutete für die Remscheiderin aber auch: Du musst bald ausziehen. Denn wenn der junge Erwachsene 18 wird, sollte er langsam in ein eigenständiges Leben überführt werden. „Das war für mich extrem viel Druck. Es fühlte sich an, als würde ich rausgeschmissen.“

So sei es jedoch nicht, erklärt EJBL-Geschäftsführerin Silke Gaube. Die Unterbringung in einer stationären Jugendhilfe sei zwar sehr teuer, aber eine Pflichtaufgabe der Kommune. Dennoch müsse dann mit dem Jugendamt individuell geklärt werden, wie es weitergeht. Es kann also im Einzelfall sein, dass ein junger Mensch noch bis zum Beispiel 20. Lebensjahr in der Gruppe lebt und danach ambulante Hilfe bekommt. Eine Pflichtaufgabe ist die stationäre Jugendhilfe nur bis zur Beendigung des 18. Lebensjahres. Der junge Erwachsene muss dann einen Antrag auf Hilfe für junge Volljährige stellen. „Die Jugendlichen, die mit 18 bei uns ausziehen, sind noch nicht so weit“, sagt Moritz Alexander, Kindheitspädagoge und Sozialarbeiter. Er ist einer von zwei Betreuern der zwölf „SBWlern“. SBW steht für Sozialpädagogisch betreutes Wohnen. Das Team übernimmt an der Schnittstelle von Auszug in eigenes Leben und hilft bei bürokratischen Dingen, hat aber auch immer ein offenes Ohr.

So auch für Julia. Sie zog im Dezember 2020 in ihre eigene kleine Wohnung in der Lenneper Altstadt ein, die sie von einer Vorgängerin übernehmen konnte. Ihre Gruppe half ihr beim Umzug. Und dann musste sie plötzlich alles allein machen: waschen, kochen, Dinge regeln. „Das war dann so bums! Von 0 auf 100 allein. Daher ist es gut zu wissen, dass da noch jemand im Hintergrund ist. Es gibt immer noch Dinge, die mich überfordern. Briefe zum Beispiel.“ Anfangs fuhr Julia immer noch in ihre Gruppe. Sie gab ihr Halt. „Hier habe ich auch meine beste Freundin kennengelernt.“

Jedes halbe Jahr gibt es nun ein Hilfeplangespräch mit den Bezugspädagogen, dem Jugendamt. Dann wird geklärt: Was passt dem Jugendlichen und was nicht? Und was sind seine Ziele? Notfalls wird ein Verlängerungsantrag gestellt. Moritz Alexander und Heidrun Neitzel ziehen sich dann langsam mit ihrer Arbeit zurück, halten aber auch später noch Kontakt. Weihnachten wird auf jeden Fall gemeinsam gefeiert: bei leckerem Essen.

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