Wandel in den Einrichtungen

Die Generation Rock steht vor der Tür

Auch die musikalischen Klänge ändern sich.
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Auch die musikalischen Klänge ändern sich.
  • Axel Richter
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Die Alten- und Pflegeheime in Remscheid bereiten sich auf neue Bewohnerinnen und Bewohner vor.

Von Axel Richter

Sie haben noch die Zeit der Entbehrungen erlebt: Im Haus Clarenbach feiern Seniorinnen und Senioren den 84. Geburtstag einer Mitbewohnerin. Die nächste Generation stellt andere, neue Anforderungen an das Leben im Alter.

Remscheid. Am 31. März wird Angus Young 68 Jahre alt. Damit unterschreitet der Leadgitarrist und Mitbegründer von AC/DC das Alter der meisten Bewohner vom Landhaus im Laspert deutlich. Was nicht heißt, dass der Sound der australischen Hardrock-Band dort nicht gern gehört würde. Mit „Hoch auf dem gelben Wagen“ konnte das Seniorenpflegeheim allen seinen Bewohnerinnen und Bewohnern schon 2017 nicht mehr kommen. Stattdessen gab es dort den ersten Rock‘n’Roll-Nachmittag. Heute steht die Generation Rock längst überall vor der Tür.

Und die stellt ganz andere Ansprüche an das Leben im Alter als vorangegangene Generationen. „Wir spüren das deutlich“, sagt Gabriele Heyer-Stojsavljevic. Seit 25 Jahren arbeitet die Leiterin des Altenpflegezentrums Der Wiedenhof in der Pflege. Viel hat sich seither verändert, auch die Bewohner natürlich. Viele Bewohner sind weit in die 90. Andere haben gerade die 70 überschritten.

Gabriele Heyer-Stojsavljevic (Wiedenhof): „Es hat sich in 25 Jahren viel verändert.“

Vegetarischer Kost aus der Seniorheimküche hängt deshalb längst nichts Exotisches mehr an. Bei den regelmäßigen Tanznachmittagen heißt es: „Nicht schon wieder Zarah Leander.“ Und W-Lan ist in den meisten der Remscheider Alten- und Pflegeheime längst Standard.

„Das ist mittlerweile ein Must-have“, sagt Carsten Thies, Leiter des Fachdienstes Soziales und Wohnen bei der Stadt Remscheid: „Ohne geht es nicht mehr.“ Dazu gehören die eigenen Möbel, natürlich. Die Privatsphäre, weswegen Doppelzimmer – vor Jahren noch Standard – schon lange keine Bewohner mehr finden. Aber auch die Plattensammlung, die Musikanlage gehören dazu.

„Und dann ist da noch das Stichwort kultursensible Pflege“, sagt Carsten Thies. Einfacher ausgedrückt: „Sie können nicht jedem mit dem Kotelett kommen. Zudem hat ein alter Mensch mit türkischem Hintergrund andere Vorstellungen von Pflege als jemand, der ausschließlich in Deutschland sozialisiert wurde“, sagt Thies. Dem ist es im Zweifel nicht egal, ob ein Mann oder eine Frau zur Körperwäsche kommt.

Wer im Alter die eigenen vier Wände verlassen muss, weil es aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr anders geht, möchte so viel Individualität und Eigenständigkeit wie möglich erhalten. Das heißt im Umkehrschluss: Solange eben möglich, wollen die Menschen zu Hause alt werden.

„Sie können nicht jedem mit dem Kotelett kommen.“

Carsten Thies, Sozialamt, zur kultursensiblen Pflege

In Remscheid bieten dazu 34 ambulante Pflegedienste ihre Hilfe an. „Damit nehmen wir eine Spitzenstellung in ganz Nordrhein-Westfalen ein“, sagt Thomas Köppchen, Altenhilfeplaner der Stadt Remscheid, nicht ohne Stolz. Andere Senioren tauschen das Zuhause gegen eine betreute Haus- oder Wohngemeinschaft. Allen ist es wichtig, ein Gefühl von Heimat zu bewahren.

Andreas Wigger (Haus Clarenbach) sagt: „Es kommen die frühen Alt-68er.“

Andreas Wigger, Heimleiter des Hauses Clarenbach, weiß deshalb viele Lüttringhauser in seinem Alten- und Pflegeheim an der Remscheider Straße. „Die kennen sich zum Teil aus dem Sandkasten“, sagt der studierte Diplom-Sozialpädagoge, der seit 1991 in Diensten der Evangelischen Alten- und Krankenhilfe Remscheid ist.

Auch Wigger sieht seine Einrichtung vor einem Bruch stehen. Noch lebt darin überwiegend die Generation, die noch die Entbehrungen des Krieges und der Nachkriegsjahre erlebt haben. Sie sind genügsam, äußern ihre Zufriedenheit darüber, ein Dach über dem Kopf zu haben und dass das Essen schmeckt. Ihnen folgt eine Generation, die Wigger „die frühen Alt-68er“ nennt. „Die haben ganz andere Grundbedürfnisse und äußern sie auch.“ Das sorgt für Veränderungen. „Plötzlich gab es bei uns einen italienischen Abend oder Tapas“, berichtet Wigger. „Die Jüngeren ziehen die Älteren geradezu mit.“

Das funktioniert oft. Aber nicht immer. Als auf der Feier von 175 Jahren Altenhilfeverein Lüttringhausen als Keimzelle von Haus Clarenbach im Sommer vergangenen Jahres eine Band mit schwarzer Sängerin Band Rhythm & Blues auf der Bühne spielte, „hat das schon polarisiert“, sagt Wigger. Die einen fanden es super, die anderen fanden, man solle besser Deutsch singen.

Auch im Landhaus im Laspert haben die Rock‘n’Roll-Nachmittage nicht überlebt. Vorerst, sagt Tanja Breidenbach, Leiterin der Beschäftigungstherapie. Stattdessen ist einmal im Monat Tanzstunde mit Profis, Kochen mit Kindern oder Minigolf. Doch die Fans von Beatles, Rolling Stones, AC/DC und Co. werden zahlreicher werden. Da ist sich Tanja Breidenbach sicher. „Wir müssen mit der Zeit gehen“, sagt sie: „Die Zeiten, in denen ausschließlich das Bergische Land besungen wurde, sind vorbei.“

Wohnen im Alter

Wohnberatung: Wohnen mit Service, ambulante Wohngemeinschaften, vollstationäre Pflegeeinrichtungen: Die Stadt Remscheid zählt eine Vielzahl verschiedener Wohnformen im Alter. Weitere Einrichtungen sind geplant oder im Bau. Eine trägerunabhängige Beratung zu allen Fragen rund um das Thema Pflege bietet die Pflegeberatung der Stadt Remscheid. Kontakt unter Tel. 16 27 40/-27 44, E-Mail: pflegeberatung@remscheid.de.

Die Wohnberatung hilft in allen Fragen rund um das Thema Wohnraumanpassung zur Sicherstellung der häuslichen Wohnsituation. Kontakt unter Tel. 16 26 39; E-Mail: wohnberatung@remscheid.de

Beide Beratungsstellen befinden sich in der Alleestraße 66.

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