Umstrittene Fußballweltmeisterschaft in Katar

WM-Pleite: Gaststätten bleiben beim ersten Deutschlandspiel leer

Bei Tino am Markt schauen Rolf Heidebrecht (r.) und Lisa Brüssermann (2. v. r.) mit Bekannten die Partie.
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Bei Tino am Markt schauen Rolf Heidebrecht (r.) und Lisa Brüssermann (2. v. r.) mit Bekannten die Partie.

Spiele der DFB-Elf schauen oder nicht? Das ist hier die Frage. In der Remscheider Innenstadt hält sich die WM-Stimmung in Grenzen.

Von Sven Schlickowey

Remscheid. Als um kurz vor Zwei deutscher Zeit die Hymne im Khalifa International Stadium ertönt, hält sich 6000 Kilometer weiter nordwestlich auf der Remscheider Alleestraße die WM-Stimmung noch sehr in Grenzen. Dass der erste Auftritt der Fußballnationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft kurz bevorsteht, ist kaum zu merken. Weiter unten am Markt, sieht das zumindest ein bisschen anders aus. Ein knappes Dutzend Gäste, einige sogar im weißen Trikot, sind in der Gaststätte Bei Toni zusammen gekommen, um gemeinsam die Auftaktpartie der DFB-Elf zu sehen.
Gucken Sie eigentlich die WM?

„Das ist so einfach viel geselliger“, sagt Lisa Brüssermann, die im DFB-Leibchen an der Theke Platz genommen hat. Direkt neben Rolf Heidebrecht, der ihr zustimmt: „Ich gucke das auch lieber in netter Gesellschaft.“ Die ganz große Euphorie lasse allerdings noch auf ich warten, räumen beide ein. Was wohl auch an der Uhrzeit liege, wie Rolf Heidebrecht meint: „Die meisten Menschen arbeiten ja noch.“ Schließlich ist nicht jeder wie er Rentner. Oder in Elternzeit wie seine Sitznachbarin.

Für Lisa Brüssermann sei immer klar gewesen, dass sie die Spiele der deutschen Elf schaue, sagt sie. „Wir alle wünschten uns, dass die WM woanders stattfinden würde.“ Doch die Mannschaft könne ja nichts für den Austragungsort. „Dann können wir die Jungs auch unterstützen. Und die Remscheider Kneipen.“

Erstes WM-Spiel der deutschen Mannschaft: Der Funke springt noch nicht über

Auch in der Erlebbar in der Hindenburgstraße ist der WM-Funken kurz nach Anpfiff noch nicht so wirklich übergesprungen. Die große Leinwand hinten an der Wand bleibt fast unbeachtet. Die fünf Gäste am Tresen gucken in den Fernseher über der Theke. Als Antonio Rüdiger nach einer Viertelstunde das japanische Tor nur knapp per Kopfball verfehlt, ist zumindest ein leises Raunen zu vernehmen.

Die wenigen Besucher der Gaststätte in der Hindenburgstraße gucken an der Theke – unterm Weihnachtsschmuck.

Die Stimmung sei bisher noch „relativ zurückhaltend“, meint Geschäftsführer Simon Riesebeck. Das liege wohl auch an der Jahreszeit. Und natürlich an der Uhrzeit, die für Berufstätige eher ungünstig sei. „Der hat Gleitzeit, der heute frei und der ist krankgeschrieben“, zählt Riesebeck die Gäste an seiner Theke ab. Anders könne man das Spiel ja kaum live sehen.
Lesen Sie auch: Public Viewing zur Fußball-WM in Katar: So sehen es Remscheider

Weltmeisterschaft in Katar: Gastronomen brauchen Gäste, sonst wird es ein Minusgeschäft

Nicht nur deswegen haben andere Gastronomen auf eine WM-Übertragung verzichtet. Große Fußballevents sind eigentlich ein Umsatzbringer, verursachen aber auch Kosten. Die Gema möchte bei Großbildfernsehern ab 42 Zoll mindestens 115,30 Euro pro Kneipe haben. Gab es dort vorher keinen Fernseher, fällt zudem GEZ an. Kommen dann nicht genug Gäste, wird das schnell zum Minusgeschäft für die ohnehin schon gebeutelten Gaststätten.

Die große Leinwand in der Erlebbar findet während des Auftaktspiels der DFB-Elf kaum Beachtung

Hinzu kommt die Diskussion um die Rahmenbedingungen in dem autokratisch regierten Emirat. „Bei mindestens 15 000 toten Arbeitern und den generellen Menschenrechtsverletzungen kann es keine fröhliche WM geben“, hatte Lothar Clemm, Wirt der Grünen Gans, seinen Verzicht zum Beispiel begründet. Die Fifa-Anweisungen zu Kapitänsbinden hat das Ansehen der WM sicherlich kaum verbessert. Ebenso wie ein Verbot koscheren Essens für jüdische Besucher durch die katarische Regierung.

Trotzdem werde er weiter alle Spiele während der Öffnungszeiten zeigen, sagt Simon Riesebeck von der Erlebbar, auch für die Sportler, die „sich ihr Leben lang auf eine WM freuen und nichts dafür können, dass die nach Katar vergeben wurde“. Und vielleicht komme im weiteren Verlauf des Turniers sogar noch echte WM-Stimmung auf, hofft er – vor allem wenn die Nationalmannschaft künftig nicht mehr unter der Woche nachmittags spielt. Und wenn sie die Vorrunde übersteht.

Termine

Mindestens noch zwei Partien stehen bei dieser WM für die deutschen Fußballer an. Am kommenden Sonntag geht es um 20 Uhr gegen Spanien, am Donnerstag, 1. Dezember, trifft das Team dann um 20 Uhr auf Costa Rica.

Standpunkt von Sven Schlickowey: Zwischen den Stühlen

sven.schlickowey@rga.de

Die WM in Katar ist wieder einer dieser Fälle, bei denen man sich nicht wirklich richtig verhalten kann. Natürlich verdient die größenwahnsinnige Unterjochung des Sports unter wirtschaftliche, persönliche und politische Ziele der Fifa-Fußball-Mafia und eines kleinen Flecks Wüste im Petrodollar-Höhenflug keinerlei Aufmerksamkeit. Die Leistung und die Leidenschaft der teilnehmenden Sportler aber schon.

Und so sitzt man als Fan wieder einmal zwischen den Stühlen, weil anderen, denen der Sport offenbar ziemlich egal ist, den Hals nicht vollbekommen. Den richtigen Weg, damit umzugehen, muss wohl jeder für sich selbst finden. Sicher ist allerdings, dass man Fußball gucken kann, ohne gutzuheißen, was am Spielort sonst noch alles passiert. Und dass man die Remscheider Gastronomie auch so unterstützen kann. Die meisten Gaststätten verkaufen auch ganz ohne Fußballspiel im Fernsehen Speisen und Getränke.

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