Der Klingenpfad: Einmal rum in 14 Stunden

Am Wipperkotten, bei Kilometer 48, bleibe ich stehen, mache ein Foto und halte kurz inne. Ist das schön hier.
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Am Wipperkotten, bei Kilometer 48, bleibe ich stehen, mache ein Foto und halte kurz inne. Ist das schön hier.

Der RGA stellt Wanderrouten vor – Heute: Eine Extremtour rund um Solingen

Von Daniel Juhr (Text und Foto)

Kilometer 68, irgendwo im Ittertal, auf einem schmalen, leicht geschwungenen Pfad. Und ich denke: Das schaffe ich. Ja, wirklich. In nicht mal einer Stunde werden wir in Gräfrath ankommen, vorm Klingenmuseum, dort, wo wir an diesem kühlen Frühlingstag um kurz vor sechs Uhr morgens gestartet sind. Der komplette Klingenpfad, das ist zu viel für einen Tag – so steht es im Internet über Solingens bekanntesten Wanderweg. Ich aber will es an diesem Freitag wissen.

Es sind die weiten Strecken, die es mir in Pandemiezeiten angetan haben. Kurz vor dem ersten Lockdown im März 2020 habe ich zuerst die morgendlichen Hunderunden verdoppelt, dann die Wanderdistanzen vervielfacht. 20, 30, 50 Kilometer. Jedes Mal fasziniert davon, wie weit man an einem einzigen Tag laufen kann – und dass man am nächsten einfach weiterläuft. Trotzdem denke ich an diesem Klingenpfad-Tag beim Frühstück um kurz nach vier: Was tue ich mir da eigentlich an? Zum Glück bin ich nicht alleine. Der Läufer und Weitwanderer Carsten Heiermann begleitet mich. Er hat bereits zwei 100-Kilometer-Touren bei Megamärschen hinter sich und ist im vergangenen Herbst 85 Kilometer auf dem Bergischen Weg gelaufen. Er weiß, wie es einem geht jenseits dessen, was sich die meisten Menschen für eine Tagesdistanz vorstellen können.

So verrückt das klingen mag: Die erste Hälfte unseres Marsches scheint an mir vorbeizufliegen. Carsten und ich unterhalten uns vom ersten Schritt an bestens. Über die optimale Wanderausrüstung und die besten Apps, über kurze und längere Distanzen, später über unsere Jobs, übers Renovieren, schließlich über E-Mobilität, denn wir sind beide Elektroautofans. Das Wetter hält, im Laufe des Tages wird es aufklaren, und wir erreichen zuerst das Café Hubraum in der Kohlfurth, später den Brückenpark und das obere Sengbachtal. Oft geht es über schmale Pfade und immer wieder steile Anstiege rauf. Knapp 1400 Höhenmeter wollen bewältigt werden. Einzig der Weg um die Sengbachtalsperre ist ein wenig eintönig, umso schöner wird es in Balkhausen.

Bei Kilometer 41 ziehe ich meine leichte Wanderjacke aus und laufe im Shirt weiter, so warm wird mir nach dem Anstieg aus dem Tal in Richtung Börsenstraße. Direkt dahinter verläuft der Klingenpfad traumhaft schön am steilen Hang entlang. Die Solinger Unternehmerin Felicia Ullrich, Geschäftsführerin der u-form Gruppe und selbst begeisterte Freizeit-Wanderin, begrüßt uns dort an einem der offiziellen Klingenpfad-Wegsteine mit Rhabarberschorle und frischen Erdbeeren. Die perfekte Stärkung. Felicia wandert ein Stück mit, wir quatschen über unsere Kinder, und ich stelle erst jetzt fest, dass ich meine Beine und Füße doch ganz gut spüre. Ich habe in den letzten anderthalb Jahren mit regelmäßigen langen Wanderungen gleichwohl gelernt: Dieser Zustand des Sich-komplett-Spürens, ohne dass einem wirklich etwas weh tut, hält lange an. So auch heute. Zumal die Schönheit der Natur oft von der Anstrengung ablenkt. Der Blick auf Wupper, Wälder und Weiten begeistert Carsten und mich immer wieder. Am Wipperkotten, bei Kilometer 48, mache ein Foto und halte kurz inne. Ist das schön hier.

Zehn Minuten Pause müssen reichen

Keine halbe Stunde später setzen wir uns das erste Mal kurz hin. Den letzten Schluck Kaffee habe ich mir heute Morgen im Stehen gegönnt, jetzt ruft eine Bank am Wegesrand in der Nähe von Ohligs. Aber wir machen es kurz: Zehn Minuten Pause müssen reichen, schnell stärken und weiter. Auch das habe ich auf den langen Wanderungen gelernt - ab Kilometer 50 aufwärts läuft man am besten einfach weiter oder hält nur kurz an, um nicht aus dem Flow zu kommen. Möglich macht das die passende Ausrüstung. Wir haben beide leichte Wanderrucksäcke mit Trinkblasen und -schlauch, können also ständig trinken. Sobald ich Hunger habe, esse ich beim Laufen meine Energieregel oder etwas Obst.

Die ersten Schritte nach unserer Sitzpause strengen in der Tat ordentlich an. Wir laufen lange parallel zu Bahngleisen, dann durch die Ohligser Heide, schließlich über Nebenstraßen am Rande von Ohligs, und ich denke: Puh, wann sind wir da? Zwischen zwei Zehen deutet sich eine kleine Blase an, es zwickt ein wenig an den Fersen und der harte Asphalt ist gerade nicht mein Freund. Zum Glück verlassen wir ihn schon bald, es geht bei Kilometer 66 ins Ittertal und auf einen schmalen Waldpfad. Der Anstieg hoch nach Gräfrath macht mir nichts aus, im Gegenteil: Jetzt, nach knapp 14 Stunden, ist es für meine Beine und Knie sogar angenehmer, ständig leicht bergauf zu laufen. Okay, die steile Kirchtreppe vom Gräfrather Markt zum Klosterhof bräuchte ich zum Abschluss nicht unbedingt, was soll’s? Als wir oben sind, kann ich mir ein kurzes „Yes!“ nicht verkneifen. Geschafft!

Solange die Füße weiterlaufen, geht der Weg immer weiter

Wenn ich jetzt müsste, könnte ich noch weiter laufen? Ja, das ginge. Den Punkt, an dem ich keinen Fuß mehr vor den anderen setzen mag, habe ich auch an diesem Tag noch nicht erreicht. Wieder fällt mir eine Erkenntnis ein, die ich mal in einem Wanderpodcast gehört habe: Auch, wenn der Kopf sagt, es geht nicht mehr - solange die Füße weiterlaufen, geht es eben doch.

Wieder im Auto zieht der Tag an mir vorbei. Was kommt als Nächstes, nach diesen 72 Kilometern? Ganz klar: die 100. . .

Die Wanderung

Dauer: Die Rund um Solingen dauert 14 Stunden.

Schwierigkeitsgrad: Diese Strecke ist nur für geübte Wanderer zu empfehlen.

PDF-Download: Die ersten 20 Folgen unserer Serie „Wanderrouten im Bergischen Land“ - unter anderem mit den gpx-Daten zum Wandern mit Smartphone oder GPS-Gerät – sind als PDF-Download für 7,90 Euro erhältlich auf:

www.bergisch-bestes.de

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