Interview der Woche

Jeanne-Sophie Mortazawi: „Der Jugendrat war ein Geschenk für mich“

Jeanne-Sophie Mortazawi nimmt Abschied vom Jugendrat: Die 19-jährige Abiturientin bewirbt sich für einen Medizin-Studienplatz. Foto: Roland Keusch
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Jeanne-Sophie Mortazawi nimmt Abschied vom Jugendrat: Die 19-jährige Abiturientin bewirbt sich für einen Medizin-Studienplatz.

Jeanne-Sophie Mortazawi über ihre vier Jahre im Nachwuchsgremium und zwei unterschiedliche Amtsperioden.

Das Gespräch führte Andreas Weber

Am 25. Januar sollten Sie kurz vor Ende der Amtszeit des 9. Jugendrates als Nachfolgerin von Burcu Aksoyek zur Vorsitzenden gewählt werden. War dies sechs Wochen vor den neuen Wahlen noch nötig?

Jeanne-Sophie Mortazawi: Es ist bislang nicht dazu gekommen. Aufgrund der pandemischen Lage fand die Sitzung online statt und somit war eine Wahl nicht möglich. Vielleicht wird sie bei unserer letzten Sitzung am 15. März vor den Neuwahlen zum 10. Jugendparlament vom 14. bis 18. März nachgeholt. Es wäre natürlich nur eine symbolische Geste, eine Art der Anerkennung.

Sie haben in Ihren vier Jahren Jugendrat zwei grundverschiedene Amtsperioden erlebt: die erste ohne, die letzte mit Corona. Hätten Sie vorher gewusst, wie eingeschränkt vieles nur noch möglich ist, hätten Sie darauf verzichtet?

Mortazawi: Auf keinen Fall. Corona ging zwar für uns schon los, als die Wahlergebnisse im März 2020 nicht live in der Gelben Villa vor den Kandidaten, sondern nur online verkündet wurden. Und der Start war holprig, weil das Kennlernseminar in Münster ausfallen musste. Der Jugendrat, den ich kannte, basierte auf dem persönlichen Kontakt. Dass der nur eingeschränkt möglich war, hätte mich jedoch nicht abgehalten, mich erneut zu bewerben.

Die Arbeit war in den letzten beiden Jahren einfach nur anders. Wir haben das Beste daraus gemacht. Auch in meiner zweiten Amtsperiode sind Freundschaften entstanden und wir haben zudem viel bewegt. Meine ursprünglichen Bedenken, der Jugendrat wäre in der Pandemie zu eingeschränkt, um etwas erreichen zu können, wurden schnell ausgeräumt.

Ein Grund, warum Sie wieder angetreten sind, war ein von Ihnen angestoßenes, nicht zu Ende gebrachtes Projekt: die Ferienjobbörse. Was ist daraus geworden?

Mortazawi: Sie ist jetzt kurz vor der Fertigstellung. Wir haben mit dem 9. Jugendrat nicht da weitergemacht, wo wir mit der Jobbörse aufgehört hatten. Ursprünglich war diese als App geplant, der neue Rat hat sich entschlossen, sie quasi als Schwarzes Brett aufzuziehen mit einem Kooperationspartner, der bergischen Ausbildungsplattform „Geddin“. Unter www.geddin.de wird das Angebot zu finden sein.

Wir haben jetzt ein Formular ausgearbeitet für mögliche Arbeitgeber von Restaurants, Eiscafés bis zu großen Unternehmen wie Oerlikon Barmag, die demnächst von uns kontaktiert werden mit der Bitte, Angebote einzustellen. Wir haben darauf geachtet, dass wir alle Altersgruppen unter Jugendlichen berücksichtigen und legen Wert auf faire Jobs: faire Behandlung, faire Bezahlung, faire Arbeitszeiten.

Der 9. Jugendrat hatte sich fünf Themenschwerpunkte auferlegt. Bei welchen ist er am weitesten gekommen?

Mortazawi: In den Arbeitsgruppen haben wir einiges angepackt. Bei „Solidarität und Vielfalt“ haben wir uns zum Beispiel beim Idahot, dem Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie stark gemacht und haben in Zusammenarbeit mit der Kraftstation Videos gedreht unter dem Schlagwort „Lieb’ doch, wen du willst“. Mit der Aktion „Selbstliebe“, die noch läuft, wenden wir uns gegen Selbstzweifel, die viele Jugendliche haben, ermuntern zu mehr Selbstbewusstsein.

Bei „Klimaschutz und Nachhaltigkeit“ haben wir mit dem Bündnis Remscheid zusammengearbeitet und am Klimacamp im Sommer vor dem Rathaus teilgenommen. Zu diesem Themenkomplex haben auch einige von uns an einem Siebdruckprojekt teilgenommen.

„Pimp up the city“ haben wir etwas zurückgestellt, ein konkretes Ergebnis wird aber eine legale Graffiti-Wand an einer Unterführung in Höhe der Trecknase sein, für die sich Belinda Tillmanns besonders eingesetzt hat. Zurzeit läuft dort die Grundierung.

Wir haben uns zu mehr Öffentlichkeitsarbeit entschlossen, hauptsächlich über Instagram, weil das von den meisten Jugendlichen genutzt wird und man darüber am besten in Austausch kommen kann. Wir haben Storys über den Jugendrat produziert, Interviews zu Wahlen gemacht und Podcasts für „Geddin“. In Anbetracht der Umstände können wir stolz auf das Erreichte sein.

„Klimaschutz und Nachhaltigkeit sind die Themen der Zukunft.“

Jeanne-Sophie Mortazawi

Wo sollten Ihre Nachfolger am Ball bleiben?

Mortazawi: Mir wäre wichtig, dass dies vor allem bei „Klimaschutz und Nachhaltigkeit“ geschieht. Das sind die Themen der Zukunft. Natürlich wäre es schön, wenn alle Projekte eine Fortsetzung finden. Aber es ist legitim, wenn der neue Rat wie bei einer leeren Leinwand mit frischen Farben und Ideen völlig neue Akzente setzt.
Dazu auch ein Artikel einer Zeitungstreff-Reporterin: So wird der Jugendrat gewählt

„Ohne den Jugendrat wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin.“

Jeanne-Sophie Mortazawi

Vor zwei Jahren haben Sie im RGA-Interview erklärt: „Wer für den Jugendrat kandidiert, kann nur gewinnen.“

Mortazawi: Bei dieser Aussage ist es bis heute geblieben. Ich habe im Jugendrat viel mitgenommen. Ohne ihn wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin. Was ich dort gelernt habe, wie sich meine Persönlichkeit entwickelt hat, empfinde ich als Geschenk.

Was haben Sie denn gelernt?

Mortazawi: Sich nicht zu verstecken, seine Meinung zu artikulieren und in der Öffentlichkeit zu vertreten. Ich habe auch gemerkt, dass ich einen gesellschaftlichen Beitrag leisten und etwas verändern kann. Das alles hat meinem Selbstbewusstsein sehr gutgetan.

Leider ist es so, dass die Zahl der Bewerber für den 15-köpfigen Jugendrat sehr niedrig ist. Woran liegt das?

Mortazawi: Ein Grund ist die Pandemie, viele haben mit sich und der Schule genug zu tun. Das ist stressig genug. Vielleicht gibt es auch eine Scheu vor der Bildschirmarbeit, die ja unsere Amtsperiode geprägt hat. Ein weiterer Grund ist auch, dass sich Lehrer, die sonst für den Jugendrat einsetzen in ihren Schulen, andere Probleme hatten. Da wurden Plakate nicht aufgehängt, Flyer nicht verteilt. Aber auch die aktuellen Jugendratsmitglieder konnten in den Klassen nicht so werben wie gewohnt.

Was war Ihr persönliches Highlight in den vergangenen vier Jahren?

Mortazawi: Ganz toll fand ich in der ersten Amtsperiode den „Workshop unter Palmen“ in Herne, einen Austausch mit anderen Jugendräten in NRW. Aber ganz generell auch in den vergangenen zwei Jahren die persönlichen Treffen mit den anderen Mitgliedern, weil sie nicht so regelmäßig wie sonst stattfinden konnten.

„Bei der Öffentlichkeitsarbeit des Rates ist noch Luft nach oben.“

Jeanne-Sophie Mortazawi

Was würden Sie empfehlen, um den Jugendrat künftig attraktiver zu gestalten?

Mortazawi: Ganz wichtig ist eine weitere Verbesserung der Öffentlichkeitsarbeit. Wir haben einiges getan, es ist aber noch Luft nach oben. Und der Jugendrat sollte unbedingt die Zusammenarbeit mit der letztes Jahr gegründeten Stadtschülervertretung vertiefen, um eine noch bessere Verbindung mit der Remscheider Schülerschaft zu erlangen.

Wenn Sie ein Resümee der vier Jahre ziehen, wie würde es lauten?

Mortazawi: Ich bin sehr dankbar für die wunderbare und bereichernde Zeit. Die vier Jahre haben mich sehr geprägt und ich kann nur jedem von Herzen empfehlen, die Chance zu nutzen und sich im Jugendrat zu engagieren.

Viel ist in den letzten Monaten darüber gesprochen worden, dass die Verlierer der Pandemie die Kinder und Jugendlichen sind. Teilen Sie diese Ansicht?

Mortazawi: Diese Aussage unterstreiche ich. Die Gründe sind vielfältig, oft in den Medien besprochen worden. Wir fühlten uns als Jugendliche nicht ernst genommen, gerade auch mit unseren schulischen Sorgen. Dies hat der Jugendrat ja in einem Brandbrief an NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer zum Ausdruck gebracht. Ältere Menschen kommen mit Distanz und Isolation leichter klar, aber für uns Jüngere sind die zwei Jahre eine ungeheuer lange Zeit gewesen.

Wie haben Sie Ihre Abizeit und den Abschluss an der Sophie-Scholl 2021 erlebt?

Mortazawi: Wenn ich ehrlich bin, hätte ich mir beides ganz anders vorgestellt. Wir hatten im Festkomitee den Abi-Ball im Sommer in der Eventarena geplant, der dann nicht stattfinden konnte. Immerhin konnten wir die Zeugnisübergabe an der Konzertmuschel im Stadtpark durchführen ohne Einschränkung mit allen Angehörigen und es gab im Anschluss eine Aftershow-Party in der Tanzfabrik, jedoch nur für unsere Stufe ohne Gäste. Zuvor ist im Unterricht in der Abi-Vorbereitung coronabedingt vieles bei der Stoffvermittlung liegengeblieben.

Wie geht’s für Sie weiter?

Mortazawi: Meinen ursprünglichen Plan zu reisen habe ich zurückgestellt, will mich stattdessen aufs Studium konzentrieren. Mit einem Schnitt von 1,1 dachte ich, gut für Humanmedizin aufgestellt zu sein. Ich habe mich letztes Jahr an 17 Universitäten beworben, bin überall abgelehnt worden. Das war ein großer Dämpfer. Angesichts des akuten Ärztemangels ist es völlig unverständlich, dass bei mehr als 975.000 eingegangenen Bewerbungen nur weniger als 10.000 Erstsemester 2020/21 anfangen konnten.

So habe ich ein halbes Jahr in der dermatologischen Praxis meines Vaters gearbeitet, was mich in der Absicht bestärkt hat, Medizinerin zu werden. Jetzt kommt noch ein dreimonatiges Pflegepraktikum im Sana-Klinikum, das ich für mein späteres Studium benötige. Momentan bereite ich mich intensiv auf den TMS, einen eintägigen Test für medizinische Studiengänge vor. Wenn ich den mit einer entsprechend hohen Punktzahl abschließe, kann ich damit noch mal meinen NC pushen und die Chancen auf einen Studienplatz erhöhen. Wartezeit, die man sich früher anrechnen lassen konnte, gibt es leider nicht mehr.

Hintergrund: Wahl zum 10. Jugendrat im März

Die Amtsperiode des 15-köpfigen Jugendrates läuft in den nächsten Wochen aus. Der 10. Jugendrat wird vom 14. bis 18. März an allen weiterführenden und berufsbildenden Schulen gewählt. Bewerben konnte sich jede/r Remscheider, die/der am 14. März mindestens 14 und höchstens 17 Jahre alt ist. Die Frist dafür ist zum 31. Januar ausgelaufen. Zuständig ist die Geschäftsstelle des Jugendrates bei der Stadt, Haddenbacher Straße 38-42, Tel. 16 27 80 (Marie Münstermann); Internet: jugendrat-remscheid.de

Dazu auch: Jugendrat: Mehr als ein „politischer Sandkasten“

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