Lüttringhausen

Denkmal für Sinti und Roma in Remscheid enthüllt

Einweihung des Denkmals für Sinti und Roma in Lüttringhausen am Morgen: (links) Bluma Meinhardt.
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Einweihung des Denkmals für Sinti und Roma in Lüttringhausen am Sonntagmorgen: (links) Bluma Meinhardt.

In einem Waldstück nahe der Klausener Straße erhalten die Opfer des Nationalsozialismus ein Gesicht.

Von Peter Klohs

Remscheid. Mehr als 150 Menschen aus Vereinen, Politik und Zivilgesellschaft, viele unter ihnen Sinti und Roma, fanden sich am Sonntagvormittag im Wald nahe der Klausener Straße 123 ein, unweit der Stelle, an der am 2./3. März 1943 Sinti- und Romafamilien ins KZ Auschwitz deportiert wurden. In Gedenken wurde an dieser Stelle ein Denkmal errichtet. Nick Schmeißer, stellvertretender Vorsitzender der Gedenk- und Bildungsstätte Pferdestall, die maßgeblich an der Realisation beteiligt war, sprach von einem Mahnmal als ewiges Gedenken und erinnerte daran, dass unter den 1943 deportierten Menschen beinahe 50 Kinder waren.

„Starke Kinder brauchen keine Führer.“

Sylvia Löhrmann

Sylvia Löhrmann, ehemalige stellvertretende Ministerpräsidentin des Landes Nordrhein-Westfalen sprach vom Leid der Sinti und Roma. „Begreifbarer wird das Leid der in Auschwitz umgebrachten 500 000 Sinti und Roma dann, wenn uns die Nachkommen näher kommen. Wir wollen nicht vergessen, was die Nazi-Diktatur ihnen angetan hat. Viele Jugendliche, die diesem Denkmal mitgearbeitet haben, haben Verantwortung übernommen, für die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Starke Kinder brauchen keinen Führer“, sagte sie und schloss ihre Rede mit der Hoffnung, in Deutschland ohne Angst leben zu können, auch wenn man nicht einer vermeintlichen Mehrheit angehört.

Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz zitierte die berühmte Rede des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker vom 8. Mai 1985, in der er das Erinnern als inneren Teil eines jeden Menschen bezeichnete. „Dieses Denkmal spricht zu uns. Bei der Deportation der Sinti und Roma nach Auschwitz hat das Volk der Dichter und Denker zugesehen. Auch dieses Kainsmals gedenken wir heute. Das Denkmal gibt den Opfern nachträglich ein Gesicht und soll unmissverständlich zeigen, dass wir aus unserer Geschichte gelernt haben. Wir müssen“, zitierte der OB Elie Wiesel, „immer eine Meinung vertreten, denn Neutralität hilft den Unterdrückern, nicht den Opfern.“

Neben dem Denkmal steht eine Info-Tafel mit einem Gemälde von Ayla Constanje-Uncu, dessen Original auch gezeigt wurde.

Die Redebeiträge wurden durch gefühlvolle Musik der Gruppe Romeny Jag, die Weisen der Sinti und Roma spielte, begleitet. Der Vorsitzende der Gedenk- und Bildungsstätte Pferdestall, Hans Heinz Schumacher, erinnerte an die Vielzahl an helfenden Händen, die nötig waren. Einige der beteiligten Firmen verzichteten auf Teile der Rechnung, andere komplett. Große Spenden seien zur Finanzierung des Denkmals eingegangen, von denen Schumacher den Rotary-Club, die Sparkasse sowie die Stadt Remscheid erwähnte.

„Ohne die Technischen Betriebe in Remscheid gäbe es das Denkmal nicht“, betonte er. „Dann gäbe es hier kein Fundament für das Mahnmal.“ Insoweit freue er sich, dass Michael Zirngiebl, TBR-Betriebsleiter, das Fundament enthülle.

Professor Gerhard Kahlhöfer, der das Denkmal gestaltet hatte, enthüllte die neben dem Denkmal stehende Info-Tafel. „Bis vor Kurzem habe ich nichts von den Gräueln gewusst, die an diesem Ort geschehen sind“, gab er zu. Bluma Meinhardt, Tochter von Friedel Meinhardt, der die Deportation, das KZ Auschwitz und die Todesmärsche überlebte, berichtete, dass Ausgrenzung und Rassismus bis heute die Realität seien, unter der ihr Volk leide. „Dieses Mahnmal“, sagte sie, „ist unser eigenes Grabmal.“ Die Künstlerin Ayla Constanje-Uncu, Sintezza aus den Niederlanden, bezeichnete es als große Ehre, dieses Denkmal mitgestaltet zu haben. Mit Schumacher enthüllte sie das Denkmal. „Ausgegrenzt, Ausgeliefert, Ausgelöscht – Man nannte uns „Zigeuner“ ist darauf zu lesen. Abschließend sagte Schumacher: „Es gibt Menschen, die die unselige Zeit vergessen wollen. Das lassen wir nicht zu.“ Schüler des Leibniz-Gymnasiums werden das Denkmal in Zukunft pflegen.

400 Kilo schweres Stahl-Denkmal

Das 400 Kilo schwere Denkmal im Gedenken an die deportierten Sinti- und Romafamilien an einem Wanderweg im Wald nahe Blaffertsberg, ist 2,50 Meter hoch und 1,50 Meter breit. Die Konstruktion aus unverwüstlichem Cortenstahl wurde in einem sechs Tonnen schweren Fertigbetonfundament verschraubt, das mit einem Kran angeliefert worden war. Das Fundament ist auf einem ein Meter tiefen, vierfach mit Schotter verfüllten Loch platziert. Die Info-Tafel ist aus Edelstahl gefertigt und zeigt ein Gemälde der niederländischen Künstlerin Ayla Constanje-Uncu, die eine gute Freundin von Bluma Meinhardt ist.

andreas.weber@rga.de

Die erste Ausstellung über die jüdischen Opfer Remscheids fand 2017 im Pferdestall statt, der Trägerverein wurde im Juli 2018 unter Federführung von Hans Heinz Schumacher gegründet. Was die kleine, aber hochengagierte Gemeinschaft in weniger als fünf Jahren erreicht hat, hätte niemand für möglich gehalten.

Der Pferdestall hat jetzt nach mehreren Ausstellungen ein imposantes Denkmal initiiert. Längst sorgt der Verein überregional für Anerkennung. Mit der Einweihung in Lüttringhausen werden Vergleiche zum Sinti- und Roma-Denkmal in Berlin angestellt, das im Großen Tiergarten unweit des Brandenburger Tores seit 2012 mit Glastafeln auf den Völkermord hinweist.

Berlin und Remscheid unterscheidet, dass die hiesige Stätte in enger Einbindung der betroffenen Sinti zustande kam, sich mithin bei den Beteiligten größerer Wertschätzung erfreuen wird als die Geste in der Hauptstadt.

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