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Den Stadtwerken in Remscheid fehlen die Busfahrer

Viele seiner Busse bleiben derzeit im Depot: Armin Freund, Leiter des Geschäftsbereichs Mobilität, sucht Fahrer, die er einstellen kann. Doch damit tun sich sowohl die Stadtwerke als auch das Tochterunternehmen Elba-Omnibusreisen schwer.
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Viele seiner Busse bleiben derzeit im Depot: Armin Freund, Leiter des Geschäftsbereichs Mobilität, sucht Fahrer, die er einstellen kann. Doch damit tun sich sowohl die Stadtwerke als auch das Tochterunternehmen Elba-Omnibusreisen schwer. Foto: Roland Keusch
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Die Nachfrage nach dem 9-Euro-Ticket ist groß – Doch an den Haltestellen bleiben die Fahrgäste stehen.

Remscheid. Das 9-Euro-Ticket soll mehr Remscheider auf Bus und Bahn umsteigen lassen. Doch derzeit sind die Stadtwerke nicht einmal in der Lage, die Fahrgäste, die sie haben, zuverlässig zu befördern. Es fehlen ihnen die Fahrer. Die sind krank. Oder es gibt sie ganz einfach nicht.

Schülerinnen und Schüler, Berufspendler und wer sonst in den Morgenstunden auf den Bus angewiesen ist, werden deshalb auch am Dienstag in großer Zahl vergebens an den Haltestellen warten. Die Reaktionen sind entsprechend. Vor allem in den sogenannten sozialen Netzwerken: „Heute Morgen kamen zwei Busse nicht“, berichtet eine verärgerte Mutter: „Mein Sohn kam dadurch fast zu spät zu seiner Zentralen Abschlussprüfung.“

Lesen Sie dazu auch: Diese Busse fallen am Dienstag aus

Davon berichten auch die Schulen. Sowieso stören die Nachzügler den Unterricht, doch machen die Lehrer ihnen daraus keinen Vorwurf: „Die Jugendlichen können ja nichts dafür“, sagt Elke Simon, Leiterin der Hauptschule Hackenberg. Die einzig verbliebene Hauptschule ist besonders betroffen: „Unsere Schülerinnen und Schüler kommen aus allen Vierteln.“

Die Sophie-Scholl-Gesamtschule zählt mehr als 1000 Buskinder. Deren Eltern melden sich bei Schulleiter Michael Pötters, der sich hilfesuchend an die Stadtwerke wendet. Geändert hat sich deswegen nichts. „Wir machen den Stadtwerken daraus keinen Vorwurf“, sagt Pötters: „Was sollen die auch machen?“

89 Busse können die Stadtwerke auf die Straße bringen. Wenn sie für jeden einen Fahrer oder eine Fahrerin hat. Und genau das ist seit Wochen nicht der Fall. Corona hat viele aus dem Verkehr gezogen. Oder andere Krankheiten. Schließlich begegnen den Männern und Frauen am Steuer vielen Menschen und Ansteckungsgefahren.

Die Fahrerinnen und Fahrer der Elba-Omnibusreisen GmbH bekommen das derzeit besonders zu spüren. Elba ist ein Tochterunternehmen der Stadtwerke Remscheid und Solingen sowie der Düsseldorfer Rheinbahn AG. In Remscheid erbringt sie für die Stadtwerke pro Jahr rund 630 000 Kilometer im Linienverkehr.

„Es gelingt uns vor allem in Remscheid nicht, neues Personal zu finden.“

Dirk Bögershausen, Firma Elba

„Allein heute hat uns die Elba zwölf Dienste zurückgegeben“, berichtet Armin Freund, bei den Stadtwerken Leiter des Geschäftsbereichs Mobilität. Die Ausfälle versuchen die Stadtwerke auf ihre eigenen Mitarbeiter zu verteilen. Dazu sitzen Verwaltungskräfte mit Busführerschein heute nicht am Schreibtisch, sondern wieder am Steuer.

Ihr Einsatz reicht aber nicht, um den Verkehr auf allen Linien sicherzustellen. „Ich stelle deshalb ein, ich führe jedes Vorstellungsgespräch“, sagt Armin Freund. Wenn sich denn wer als Busfahrer bei ihm bewirbt. Das jedoch ist aktuell immer seltener der Fall.

Auch die Elba sucht vergebens. „Wir finden keinen Nachwuchs“, erklärt Geschäftsführer Dirk Bögershausen. Das gelte für Remscheid in besonderer Weise. „Es gelingt uns vor allem in Remscheid und Umgebung nicht, neues Fahrerpersonal zu gewinnen“, sagt der Elba-Chef.

Erklären kann er sich das nicht. „Ein Busfahrergehalt bewegt sich nicht gerade im Hochlohnbereich“, sagt er. Auf der anderen Seite: „Busfahrer haben einen geregelten Arbeitstag.“ Wie auch immer: Arbeitnehmer mit einem Führerschein D sind gesucht. Bei den Stadtwerken erhalten sie noch eine Schulung in Strecken und Tarifkunde. Wer nur über einen Pkw-Führerschein verfügt, muss auf den Bussen ausgebildet werden. 140 Fahrstunden sind dafür erforderlich. Die Ausbildung dauert deshalb bis zu fünf Monate.

Frühestens im Juli werden die neuen Fahrer im Team der Stadtwerke deshalb für Entspannung sorgen. Neun sind es insgesamt. Weitere nimmt Armin Freund gern. „Wir schauen auch schon, ob sich unter den Ukraine-Flüchtlingen geeignete Fahrer befinden.“

Unterdessen beschäftigt die Beförderungsmisere auch die Politik. Im nächsten Ratsausschuss für Wirtschaftsförderung und Mobilität sollen die Ausfälle Thema sein. Doch, sagt dessen Vorsitzender David Schichel (Grüne): „Kurzfristige Abhilfe ist nicht in Sicht.“ Schließlich könnten sich die Stadtwerke auch keine Fahrer aus anderen Städten ausleihen, „denn die haben die gleichen Probleme“, sagt Schichel.

Wie das 9-Euro-Ticket unter solchen Vorzeichen zu einem Erfolg werden soll, bleibt offen. Zwar ist es für die Stadtwerke ein tolles Marketing-instrument, um die Menschen für den Bus zu gewinnen. Doch, befürchtet Elba-Chef Dirk Bögershausen: „Wenn wir eine Nachfrage wecken, die wir am Ende nicht befriedigen können, geht der Schuss nach hinten los.“

Lange Schlange im Mobilcenter

Die Nachfrage nach dem 9-Euro-Ticket ist in Remscheid erwartungsgemäß groß. Zum ersten offiziellen Verkaufstag standen die Menschen im Mobilcenter der Stadtwerke Schlange. Zu haben ist das Ticket allerdings schon seit einigen Tagen auch in den Vorverkaufsstellen der Stadtwerke. Bis zu 4000 Mal wurde es dort bislang nachgefragt. In den Bussen wollte es dagegen am Montag noch niemand haben. Das Ticket ist außerdem online über die SR-App, den Onlineshop und Handy-Ticket-Deutschland erhältlich.

Standpunkt von Axel Richter: Erfolg oder Desaster

axel.richter@rga.de

Die Nachfrage ist riesig, die Erwartungshaltung groß. Das 9-Euro-Ticket wird den Öffentlichen Personennahverkehr deshalb entweder beschleunigen. Oder ihn ausbremsen.

Die seit Wochen wiederkehrenden Ausfälle auf den Linien der Stadtwerke Remscheid lassen diesbezüglich nicht viel Gutes erwarten. Denn was soll Anfang Juni anders sein als heute? Ausfallen werden am Dienstagmorgen übrigens die Einsatzwagen sowie die Linien 240, 652, 654, 655, 657, 558, 660, 664, 669, 670, 672, 675, 680 und CE 63.

Vielleicht sollten die Stadtwerke der Einfachheit halber nicht mehr die Fahrten nennen, die nicht stattfinden, sondern die wenigen Busse, die noch fahren. Das ist keine Schuldzuweisung, denn natürlich wollen die Stadtwerke ihre Fahrgäste befördern. Unter den aktuellen Umständen aber dürfte die Einführung des 9-Euro-Tickets in Remscheid leicht das Gegenteil dessen bewirken, was alle wollen: mehr Menschen auf Bus und Bahn umsteigen lassen.

Zum Thema: Verkaufsstart des 9-Euro-Tickets in NRW - Das gilt es zu beachten

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