Interview der Woche

Frieder Kottsieper: „Da klingeln bei mir die Alarmglocken“

Frieder Kottsieper steht seit dieser Ratsperiode dem Naturschutzbeirat vor, er löste damit Gabriele Lipka ab, deren Stellvertreter er lange war. Foto: Robin Kottsieper
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Frieder Kottsieper steht seit dieser Ratsperiode dem Naturschutzbeirat vor, er löste damit Gabriele Lipka ab, deren Stellvertreter er lange war.

Frieder Kottsieper, Vorsitzender des Naturschutzbeirates, über Flächenversiegelung und Ausgleichspflanzungen

Das Gespräch führte Sven Schlickowey

Herr Kottsieper, im Moment dominiert Corona die öffentliche Diskussion. Haben Sie Sorge, dass dabei der Umweltschutz unter die Räder gerät?

Frieder Kottsieper: Zunächst einmal muss ich natürlich sagen, dass ich tiefes Mitgefühl habe mit den Menschen, die durch Corona einen Angehörigen verloren haben. Und mir tun auch die Menschen leid, die erkrankt sind. Damit nicht der Eindruck entsteht, wir reden hier über Bäumchen und Blümchen und ignorieren, was das wahre Problem ist. Ich glaube nicht, dass der Umweltschutz durch Corona zu kurz kommt, sondern er wird gerade neu definiert und neu gelebt. Durch den Lockdown haben wir die Situation, dass viel weniger gereist wird. Ich denke also mal, dass wir derzeit eine deutlich verbesserte CO2-Bilanz haben. Und was mich persönlich freut, ist, dass wir so viele Menschen haben, die jetzt wieder ihre eigene Heimat und deren Vorzüge entdecken. Das finde ich ganz großartig, denn Regionalität fängt ja im Herzen an.

Was ist aus der Sicht des Beirates das drängendste Problem in Remscheid?

Kottsieper: Wir haben nun mal die Klimaveränderung, die ist nicht wegzudiskutieren. Deswegen müssen wir sehen, dass wir mehr Grün dahin bekommen, wo auch die Menschen sind. Das ist in der Stadt. Es ist etwas schwieriger, Grün in die Stadt zu bekommen, weil der Baum da vielleicht keine hundert Jahre alt wird. Wir müssen da mal weg von dem Denken, dass wir überall die alte Eiche sehen wollen, sondern auch mal Bäume pflanzen, die nur 30 Jahre alt werden oder 50. Denn auch im jugendlichen Alter erfüllt so ein Baum seinen Zweck.

„Man kann ja nicht an Konzepten für die Zukunft arbeiten und in der Gegenwart das Gegenteil tun.“

Frieder Kottsieper, Vorsitzender des Naturschutzbeirates

Gibt es noch einen anderen Bereich, den Sie kritisch sehen?

Kottsieper: Ja, wir erleben derzeit, dass verstärkt landwirtschaftliche Flächen für zukünftige Ausgleichspflanzungen aufgekauft werden, zum Beispiel im Vorgriff auf das DOC. Da werden Preise gezahlt, die für den Käufer vergleichsweise günstig, für den Landwirt aber zu hoch sind. Und damit sind diese Flächen dann für die Lebensmittelproduktion verloren.

Damit sind wir beim Thema Flächenverbrauch. Sie haben sich als Beirat gegen die Versiegelung weiterer Flächen ausgesprochen, zum Beispiel für das geplante Gewerbegebiet Gleisdreieck. Die Stadt sagt aber, sie braucht das dringend, um Unternehmen in der Stadt zu halten oder sogar neue anzulocken.

Kottsieper: Da sind wir uns als Gremium ausgesprochen einig, dass wir gegen eine weitere Versiegelung von Flächen sind. Natürlich will man die Gewerbetreibenden unterstützen, und da macht unser Oberbürgermeister sicherlich auch einen guten Job, aber es ist eben auch ein Widerspruch, gleichzeitig am Nachhaltigkeitskonzept zu arbeiten. Man kann ja nicht an Konzepten für die Zukunft arbeiten und gleichzeitig in der Gegenwart das Gegenteil tun. Ich persönlich bin der Meinung, dass man es sich da vielleicht ein bisschen zu leicht gemacht hat. Dieser Weg, auf der grünen Wiese ein Gewerbegebiet zu generieren, ist sicherlich der einfachste Weg. Und da klingeln bei mir immer die Alarmglocken.

„Regionalität fängt im Herzen an.“

Frieder Kottsieper, Vorsitzender des Naturschutzbeirates

Es gibt immer mal wieder Stimmen, die sagen, statt des Gleisdreiecks lieber wieder die alten Pläne für das Industriegebiet Blume aus der Schublade zu holen. Da würde man zwar auch Flächen versiegeln, wäre aber zumindest näher an der Autobahn und würde so innerstädtischen Verkehr sparen.

Kottsieper: Der Ansatz, eine Fläche zu generieren, die nah an einer Autobahn liegt, hört sich im ersten Moment gut an. Aber sollten wir nicht grundsätzlich ein wenig regionaler denken? Natürlich funktioniert Wirtschaft nicht, wenn jede Kommune eine Glocke drüber macht. Aber wenn wir ernsthaft über Nachhaltigkeit nachdenken, werden wir an Regionalität nicht vorbeikommen. Und das nicht nur in der landwirtschaftlichen Lebensmittelproduktion. Ich denke, wir werden nach Corona eine Entwicklung bekommen, die wieder etwas dezentraler wird. Und das ist auch gut so.

Sie waren bisher stellvertretender Vorsitzender des Naturschutzbeirates. Was hat Sie bewogen, den Vorsitz zu übernehmen? Langeweile kann es ja angesichts Ihrer zahlreichen Ehrenämter nicht gewesen sein.

Kottsieper: Ich habe es sehr genossen, Stellvertreter von Gabriele Lipka zu sein. Sie war für mich die beste Vorsitzende, die wir haben konnten. Deswegen war ich schon überrascht, als ich gefragt wurde, ob ich das Amt übernehmen würde. Ich habe dann erst einmal andere Beteiligte im Beirat, aber auch in der Verwaltung gefragt, ob das die beste Lösung ist, wenn ich das mache. Als dann alle gesagt haben, dass das die beste Lösung sei, hat mich das schon motiviert.

Der Naturschutzbeirat hat ja „nur” eine beratende Funktion. Würden Sie sich manchmal mehr Kompetenzen für das Gremium wünschen, um zum Beispiel Projekte zu verhindern oder zumindest zur erneuten Prüfung zurückzugeben?

Kottsieper: Nein, auf keinen Fall. Diese Verantwortung ist schon im Stadtrat richtig aufgehoben. Da sitzen schließlich die gewählten Vertreter der Bürger.

Zur Person

Karl-Frieder Kottsieper sagt über sich selbst, er sei seit seiner Jugend „mit Leib und Seele Landwirt und Geflügelhalter“. 32 Jahre lang hat er einen Geflügelbetrieb in Lüttringhausen geführt und ausgebaut, den er inzwischen an seinen Sohn und dessen Ehefrau und damit an die sechste Generation übergeben hat. Der heute 58-Jährige, der weiterhin als Coach tätig ist und Vorträge hält, ist in zahlreichen Gremien ehrenamtlich aktiv. So war er an der Gründung des Bundesverbandes Deutsches Ei und einer nordrhein-westfälischen Werbegemeinschaft für Eier beteiligt, ist Vorsitzender der Geflügelwirtschaft NRW und Vizepräsident des Zentralverbands der deutschen Geflügelwirtschaft, Vorstandsmitglied der Initiative „NRW is(s)t gut“ und arbeitete im Landesagrarausschuss der CDU NRW mit.

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