Pandemie

Kontakte von Infizierten: Falschangaben sind kein Kavaliersdelikt

Im Gesundheitsamt werden täglich die Kontaktpersonen von infizierten Menschen ermittelt.
+
Im Gesundheitsamt werden täglich die Kontaktpersonen von infizierten Menschen ermittelt.

Nur durch Kontaktnachverfolgung können Infektionsketten unterbrochen werden

Von Alexandra Dulinski

Remscheid. Im Gesundheitsamt werden täglich die Kontaktpersonen von infizierten Menschen ermittelt, angerufen und informiert. In letzter Zeit häufen sich aber die Fälle von Falschangaben bei der Nennung von Kontaktpersonen und deren Kontaktdaten, berichtet Arzt Jens Pfitzner, der den Einsatz der Ermittler im Gesundheitsamt leitet. Rund 40 Prozent aller positiv Getesteten oder deren Kontaktpersonen würden falsche Angaben machen über stattgefundene Treffen, die Anzahl der Personen oder die Bedingungen, unter denen ein Kontakt stattgefunden habe.

„Die Leute haben die Nase voll von der Pandemie.“

Jens Pfitzner, Kontaktnachverfolgung

„Die Leute haben die Nase voll von der Pandemie und sind nicht mehr kooperationsbereit“, sagt Pfitzner. So würden Infizierte oft Kontakte bei der Angabe für das Gesundheitsamt auslassen oder im Nachhinein Änderungen an ihren Aussagen vornehmen – beispielsweise bei der Angabe, wann eine Party stattgefunden habe oder ob in einer Situation Masken getragen wurden.

„Das ruft zunehmende Frustration bei unseren Ermittlern hervor und bedeutet einiges an Mehraufwand“, erklärt Jens Pfitzner. So müsste häufiger der Kommunale Ordnungsdienst rausfahren und Kontaktpersonen gezielt aufsuchen, um fehlende Angaben einzuholen.

Aber immerhin: „Auf bestimmtes Nachfragen reagieren viele dann doch einsichtig“, sagt Pfitzner, so dass die Quote an Falschangaben dann nur noch bei ungefähr 20 Prozent liege. Auf ebendiese Einsicht werde auch bei Bußgeldern gesetzt. „Wir versuchen, Bußgelder so selten wie möglich zu verhängen.“ Denn oft stehe dabei Aussage gegen Aussage.

Der Bußgeldkatalog, so erklärt Ordnungsamtsleiter Jürgen Beckmann, orientiere sich am Infektionsschutzgesetz, das Summen von bis zu 20 000 Euro für Vergehen vorsehen kann. Wie hoch ein Bußgeld ausfällt, hänge vom Einzelfall ab. Manch ein Vergehen könne dabei sogar als Straftat geahndet werden.

Oft fallen die Falschangaben auf, wenn die Ermittler versuchen, die Situation, in der sich Kontaktpersonen zum Infizierten befanden, nachzustellen, erklärt Gesundheitsdezernent Thomas Neuhaus. Die Problematik: „Wenn diejenigen, die infiziert sind, unbemerkt weitere Menschen anstecken, treibt das das Infektionsgeschehen voran.“

Die Zunahme der Falschangaben zeige, dass die Menschen Quarantänen vermeiden wollen. Die Gründe seien sicherlich vielschichtig, sagt Neuhaus, wie das Wegbleiben vom Arbeitsplatz oder fehlende Betreuungsmöglichkeiten für Kinder. Dennoch spiele jeder, der bewusst falsche Angaben mache, mit der Gesundheit seiner Mitmenschen. „Falschangaben sind kein Kavaliersdelikt, sondern eine Gefährdung.“ Jeder der dabei nicht mitspiele, trage dazu bei, dass die Freiheitsrechte seiner Mitbürger weiter eingeschränkt würden. Neuhaus appelliert deshalb an die Remscheider: „Lasst euch darauf ein. Versucht, die Kontaktsituation wahrheitsgemäß zu beschreiben, sonst macht die Strategie keinen Sinn.“ Es lohne sich, in den nächsten Wochen noch nach den Regeln zu spielen, bis genug Impfstoff da ist.

In unserem Live-Blog finden Sie alle Informationen rund um das Coronavirus in Remscheid. Der Blog wird laufend aktualisiert.

Quarantänefälle

In insgesamt sieben weitere Remscheider Schulen und zwei Kindertagesstätten sind Gruppen und Kurse von Quarantänemaßnahmen betroffen. Wegen des stattfindenden Wechselunterrichts gelten die Quarantänen nur für einen Teil der Kurse und Klassen.

Standpunkt: Verantwortung zeigen

alexandra.dulinski@rga.de

Kommentar von Alexandra Dulinski

Im Kampf gegen die Pandemie gibt es nur wenige Dinge, die wirklich helfen. Bis genug Impfstoff für alle da ist, müssen Infektionsketten genaustens nachverfolgt und vor allem unterbrochen werden. Denn nur so können wir die unkontrollierte Ausbreitung des Coronavirus verhindern. Und dazu kann jeder seinen Teil beitragen. Dass Menschen der Pandemie mittlerweile überdrüssig sind, ist mehr als verständlich. Aber Kontakte zu unterschlagen oder Situationen bewusst falsch darzustellen, um Quarantänen zu vermeiden, ist unsolidarisch und egoistisch. Denn es sind nicht nur Einzelpersonen, die dadurch in Gefahr geraten. Wer symptomfrei infiziert ist, kann dennoch seine Freunde, Kollegen und Verwandten anstecken, die das Virus dann an weitere Menschen im gefährdeten Alter weitergeben können. Bis es soweit ist, dass flächendeckend geimpft werden kann, heißt es also: Verantwortung zeigen, ehrliche Angaben beim Gesundheitsamt machen, und durchhalten, durchhalten, durchhalten.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

„Vereinigte Hüttenwerke“ verschwinden am Remscheider Rathaus
„Vereinigte Hüttenwerke“ verschwinden am Remscheider Rathaus
„Vereinigte Hüttenwerke“ verschwinden am Remscheider Rathaus
Führerscheine gibt es nur nach Priorität
Führerscheine gibt es nur nach Priorität
Führerscheine gibt es nur nach Priorität
Elektroschrott für Schulen zu gefährlich
Elektroschrott für Schulen zu gefährlich
Elektroschrott für Schulen zu gefährlich
Zweitimpftermine für Remscheider der Sonderimpfaktion am 18. Mai
Zweitimpftermine für Remscheider der Sonderimpfaktion am 18. Mai
Zweitimpftermine für Remscheider der Sonderimpfaktion am 18. Mai

Kommentare