Pandemie

Corona trifft in Remscheid jetzt vor allem die Kinder

Abstand halten müssen Kinder und Jugendliche nicht nur bei den Prüfungen. Die Schulen verfolgen strenge Hygienekonzepte. Foto: Roland Keusch
+
Abstand halten müssen Kinder und Jugendliche nicht nur bei den Prüfungen. Die Schulen verfolgen strenge Hygienekonzepte.
  • Axel Richter
    VonAxel Richter
    schließen

473 Mädchen und Jungen unter 10 Jahren sind in Quarantäne – Luca-App erweist sich als Flop bei der Nachverfolgung.

Von Axel Richter

Remscheid. Die Durchseuchung der Schulen läuft. Neue Infektionsfälle melden das Röntgen-Gymnasium, die Albert-Einstein-Gesamtschule, die Alexander-von-Humboldt-Realschule, das Berufskolleg Wirtschaft und Verwaltung, die Albert-Einstein-Gesamtschule, darüber hinaus die Kindertagesstätten beziehungsweise Gruppen Johannesnest, Waldkrönchen, das Montessori-Kinderhaus und Zaunkönig. Erstmals seit dem 1. Juli ist ein weiterer Mensch in Remscheid an beziehungsweise mit Covid-19 verstorben. Mit dem 81-jährigen Remscheider steigt die Zahl der offiziellen Coronatoten auf 179.

„Das Infektionsgeschehen hat dramatisch an Geschwindigkeit zugelegt“, berichtete Dr. Frank Neveling, Leiter des Remscheider Gesundheitsamtes, bereits in der vergangenen Woche auf Nachfrage des RGA. Mit Wiederöffnung der Schulen stiegen die Neuinfektionen auf 20 bis 40 Fälle täglich. Aktuell befinden sich 473 Kinder unter 10 Jahren in Quarantäne - obwohl nach einer Entscheidung des NRW-Gesundheitsministeriums nicht mehr ganz Klassen, sondern nur noch unmittelbare Sitznachbarn daheimbleiben müssen.

„Diejenigen, die nicht geimpft sind, die kriegen es.“

Dr. Gabriela Marek

Nach wie vor gelinge es den Mitarbeitern des Gesundheitsamtes, darunter viele Ehrenamtler, nach Infektionsfällen die Kontakte der Menschen nachzuverfolgen. Technische Heilsversprechen, wie die von 13 Bundesländern mit 20 Millionen Euro eingeführte Luca-App, erwiesen sich unterdessen als gesundheitspolitischer Rohrkrepierer. In Remscheid konnte bis heute nicht ein Infektionsweg mit Hilfe der App nachvollzogen werden, um Kontaktketten zu unterbrechen.

Stattdessen produzierte das Programm fürs Smartphone vor allem Datenwust und bescherte den Verfolgerteams zusätzliche Arbeit. Ein Grund: Wer die App benutzte und sich in Restaurants, Geschäften oder bei Veranstaltungen einloggte, vergaß zuweilen, sich auch wieder auszuloggen. Die Zahl potenzieller Kontaktpersonen wuchs damit ins Unermessliche.

Gesundheitsamt in Remscheid kämpft mit Software Sormas

Auch jene, die die App vom Zettelwust befreien sollte, winken ab. „Wir haben von vorneherein darauf verzichtet, weil die meisten Gäste die App gar nicht hatten“, berichtet Schützenhaus-Chef Paul Clemens. Markus Kärst, Küchenchef im Hotel Restaurant Kromberg versah seine Tische wohl mit den QR-Codes für die App, führte auf Wunsch seiner Gäste aber ebenfalls Listen.

Mittlerweile können die Gastronomen auf beides verzichten. Stattdessen müssen sie ihre Gäste kontrollieren, ob sie geimpft, genesen oder getestet sind. „Die allermeisten haben mittlerweile den vollen Impfschutz“, berichtet Markus Kärst.

Im Gesundheitsamt kämpfen die Virus-Verfolger unterdessen mit einer weiteren Softwarelösung, die das Land ihnen bescherte. Die Software Sormas soll die Kontaktnachverfolgung vereinheitlichen. Gesundheitsdezernent Thomas Neuhaus (Grüne) nannte sie im Gespräch mit dem RGA jüngst ein „Placebo“ der Landesregierung, um von eigenen Versäumnissen abzulenken. Das Gesundheitsamt wehrte sich lange gegen die Implementierung. Man habe in der Pandemie anderes zu tun. Es half nicht. Zu Beginn der vierten Welle ist die Behörde deshalb unter anderem damit beschäftigt, 90 000 Datensätze von der einen in die andere Software zu überführen.

Zugleich beobachten die Mediziner mit Sorge, was sich an den Schulen vollzieht. „Es war absehbar“, sagt Amtsleiter Neveling. „Und es ist nicht mehr aufzuhalten“, ergänzt dessen Stellvertreterin Dr. Gabriela Marek. Erneut appelliert sie an die Eltern, ihre Kinder über 12 Jahren impfen zu lassen. „Denn“, sagt die Ärztin: „Diejenigen, die nicht geimpft sind, die kriegen es.“

Standpunkt: Schulen sind schuldlos

axel.richter@rga.de

Kommentar von Axel Richter

In den Klassenzimmern gelten strenge Hygieneregeln, in den Kinder- und Wohnzimmern gelten sie nicht. Auch nicht an den Treffpunkten, wo Kinder und Jugendliche mit anderen Kindern und Jugendlichen zusammenkommen. Das führt dazu, dass die Infektionszahlen an den Schulen steigen. Denn aus den Familien und Freundesgruppen wird das Virus in die Klassen getragen. Die Schulen sind mithin vor allem Entdeckungs-, aber nicht Entstehungsort. Bislang ist es gelungen, mithilfe regelmäßiger Tests große Ausbrüche zu verhindern. Was nicht heißt, dass nicht doch viele Kinder gleichzeitig in Quarantäne geschickt werden müssen. Zwar soll nach einer Entscheidung der Landesregierung nur noch der direkte Sitznachbar betroffen sein. Hat jedoch die ganze Klasse ohne Mundschutz Sport getrieben, was vorgekommen sein soll, muss die ganze Klasse daheimbleiben. Das ist freilich immer noch besser, als die Schulen wieder komplett zu schließen, wie es in der Pandemie schon einmal der Fall war. In dieser Zeit sind viele Kinder schulisch ins Hintertreffen geraten. Und nicht wenigen, sagen Kinderärzte, ist in den Familien zudem Schlimmes widerfahren.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Motorradfahrer wird bei Verkehrsunfall schwer verletzt
Motorradfahrer wird bei Verkehrsunfall schwer verletzt
Motorradfahrer wird bei Verkehrsunfall schwer verletzt
Sparkasse Remscheid legt Geldautomaten still
Sparkasse Remscheid legt Geldautomaten still
Sparkasse Remscheid legt Geldautomaten still
Gute Nachricht für das Allee-Center: Schuhe Kämpgen kommt
Gute Nachricht für das Allee-Center: Schuhe Kämpgen kommt
Gute Nachricht für das Allee-Center: Schuhe Kämpgen kommt
Führerscheine aus Papier werden schrittweise umgetauscht
Führerscheine aus Papier werden schrittweise umgetauscht
Führerscheine aus Papier werden schrittweise umgetauscht

Kommentare