Zukunft für Remscheid

Sommerinterview: OB Mast-Weisz über den Morsbach, Impfmüdigkeit, DOC und mehr

OB Burkhard Mast-Weisz ruft zur Impfung auf. Foto: Roland Keusch
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OB Burkhard Mast-Weisz ruft zur Impfung auf.

Burkhard Mast-Weisz über die großen Themen für Remscheids Zukunft. Im Sommerinterview ruft der Oberbürgermeister erneut zur Impfung auf, berichtet über gänzlich unterschiedliche Hilferufe von Unternehmern und redet, was ohne DOC mit Kirmes- und Jahnplatz geschehen muss.

Das Gespräch führte Frank Michalczak

Herr Mast-Weisz, wann sind Ihnen das Ausmaß des Hochwassers und die schlimmen Folgen, die damit verbunden sind, bewusst geworden?

Burkhard Mast-Weisz: Nachdem am 14. Juli das Freibad Eschbachtal überflutet wurde, habe ich am späteren Abend im Urlaub die ersten Bilder auf dem Handy gesehen. Danach stand ich in Südtirol im telefonischen Kontakt mit Stadtdirektor Sven Wiertz. Bei ihm und dem übrigen Verwaltungsvorstand wusste ich alles in sehr guten Händen. Am Tag danach erhielt ich die Botschaft, dass das Hochwasser in Remscheid noch verhältnismäßig glimpflich verlaufen sei, jedenfalls im Vergleich mit Katastrophengebieten wie Erftstadt, Schuld oder Bad Münstereifel. Und zu unserem großen Glück ist niemand getötet oder schwer verletzt wurden.

Dennoch habe ich dann früher als vorgesehen meine Arbeit aufgenommen und betroffene Haushalte und Unternehmen besucht. Da ist mir bewusst geworden, was dieses Ereignis für jeden Einzelnen bedeutet. Und wenn ein Unternehmer, ein Kerl wie ein Schrank, mit Tränen in den Augen vor einem steht, berührt das. Genauso wie der Seniorenchef, der kurz nach dem Hochwasser ans Aufhören gedacht hat, aber für seine Kinder und Enkel weitermachen will und dabei im Schlamm steht.

Wir müssen untersuchen, wie und wo wir Morsbach und Eschbach weiteren Platz geben können.

OB Burkhard Mast-Weisz zu den Lehren aus dem Hochwasser

Welche Schlüsse sind denn aus der Katastrophe zu ziehen?

Mast-Weisz: Wer jetzt noch den Klimawandel leugnet, hat den Knall nicht gehört. Wir haben ja bereits einiges in Sachen Hochwasserschutz getan. Das hat angesichts der Dimension der Niederschlagsmengen nicht gereicht, wie wir jetzt wissen. Wir müssen untersuchen, wie und wo wir Morsbach und Eschbach weiteren Platz geben können, damit sie sich bei Starkregen ausbreiten können, ohne Schäden anzurichten.

Fragestellungen wie diese, auch zu verrohrten Bächen oder den Talsperren, lassen sich aber nur im Verbund mit den Nachbarstädten klären. Deswegen gibt es im September einen Wassergipfel mit dem Geschäftsführer des Wupperverbands Georg Wulf und den Oberbürgermeistern der drei bergischen Großstädte. Bei dem weiteren Vorgehen müssen die jeweiligen Stadtwerke und Technischen Betriebe mit eingebunden werden.

Remscheid plant zwei Gewerbegebiete in Bergisch Born und will dort Grünflächen versiegeln. Wie passt das denn zu der veränderten Gefahrenlage?

Mast-Weisz: So viel ist klar: Ersatz- und Ausgleichsmaßnahmen gehören noch mehr denn je in unser Pflichtenheft. Aber es kommt darauf an, wie man baut – und zum Beispiel Pflaster verwendet, das wasserdurchlässig ist und auf begrünte Dächer und Photovoltaikanlagen zugreift. Zudem müssen wir dafür sorgen, dass wir andere Stellen im Stadtgebiet renaturieren, also Flächen entsiegeln.

Bei all dem trage ich aber auch die Verantwortung für den Wirtschaftsstandort Remscheid. Und in den letzten Wochen haben mich drei Unternehmer damit konfrontiert, dass sie dringend neue Flächen benötigen. Wenn sie abwandern, verlieren wir im besten Fall nur die Gewerbesteuer, im schlimmsten Fall auch die Arbeitsplätze. Unsere Stadt braucht weiterhin produzierendes Gewerbe, auch um Kultur-, Sport- und sonstige Freizeitangebote finanzieren und vorhalten zu können.

Flächen könnten Sie an der Stuttgarter Straße entsiegeln. Was halten Sie denn davon, am Alt-Standort des Berufskollegs einfach nur mal einen Park anzulegen, wenn die neue Schule am Hauptbahnhof fertig ist?

Mast-Weisz: Die Überlegungen, dort erneut eine Schule einzurichten, scheinen mir vom Tisch. Stattdessen könnte ich mir dort Wohnraum und Grünfläche sehr gut vorstellen. Darüber mag der Stadtrat abschließend entscheiden. Viel interessanter wird die Frage sein, wie wir insgesamt mit Brachen umgehen, wie wir durch Entsiegelung weitere Überflutungen vermeiden. Dabei steht dann auch der Erwerb von Häusern und von Grundstücken im Raum. Da geht es um richtig viel Geld.

Ich kann nur noch mal appellieren, für sich selber aber auch für Mitmenschen Verantwortung zu übernehmen – und sich impfen zu lassen.

Der OB zur Corona-Lage

Die Corona-Lage hat sich in Remscheid zwar beruhigt, die Inzidenzwerte steigen aber wieder. Könnte es im Herbst wieder zu einem Lockdown und zu Schulschließungen kommen?

Mast-Weisz: Zunächst einmal sollte die Inzidenzzahl nicht mehr der einzige Maßstab sein, von der die Schutzmaßnahmen abhängen. Da sollte das Gesamtbild der medizinischen Versorgung das Hauptkriterium sein, also wie viele Corona-Patienten in den Krankenhäusern und dort auf Intensivstationen behandelt werden. Ich fürchte, einen erneuten Lockdown würden zahlreiche Händler und Gastronomen nicht mehr verkraften.

Aber viele der liebgewonnen Freiheiten, die wir zurück erhalten haben, hängen vom weiteren Impfen ab. Ich kann nur noch mal appellieren, für sich selber aber auch für Mitmenschen Verantwortung zu übernehmen – und sich impfen zu lassen.

Wie aber wollen Sie der Impfmüdigkeit begegnen – zuletzt sanken die Erstimpfungen pro Woche von 2040, dann auf 1119 und zuletzt auf 781?

Mast-Weisz: Wir werden mehrgleisig vorgehen. Das Land hat uns aufgefordert, an die Berufskollegs zu gehen und dort Impfungen anzubieten. Wir müssen darüber hinaus vor allem die 20- bis 30-Jährigen erreichen. Da besteht noch viel Zurückhaltung. Daher werden wir mobile Angebote verstärkt anbieten. Und wir werden verstärkt an die Eigenverantwortung appellieren: Wer die zurückgewonnenen Freiheiten behalten will, muss etwas tun. Wer nichts tut, gefährdet sich, andere und nimmt wissentlich einen weiteren Lockdown in Kauf. Das wäre sehr übel.

 Sollte wider Erwarten das DOC nicht gebaut werden können, werden wir Kirmes- und Jahnplatz vermarkten müssen.

Burkhard Mast-Weisz zu Perspektiven für Lennep

Das DOC ist nach wie vor ein Fall für das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig. So oder so wird die Stadt das Röntgen-Stadion vermarkten müssen. Wann wird es denn abgerissen?

Mast-Weisz: Nichts wird abgerissen, bevor das Verfahren beendet ist. Um es noch einmal klar zu sagen: Die Stadt Remscheid und der Investor McArthurGlen stehen nach wie vor voll und ganz hinter dem Projekt. Und dass Outlet-Center nach wie vor zeitgemäß sind, habe ich kürzlich in Ingolstadt erlebt, wo ich mich interessenshalber in einem Center umgesehen habe. Die Leute warteten 30 Minuten darauf, in die Modegeschäfte zu kommen. Es bildeten sich lange Schlangen. Ein Parkplatz war nur mit Not zu finden. Sollte wider Erwarten das DOC nicht gebaut werden können, werden wir Kirmes- und Jahnplatz vermarkten müssen, weil wir von dort die Grundschule und die Feuerwache verlegt haben. Dies wird über den Grundstücksverkauf finanziert.

„Nichts wird abgerissen, bevor das Verfahren beendet ist.“

Burkhard Mast-Weisz zum Röntgen-Stadion und den Klagen gegen das Outlet-Center

Und mit diesem Geld sollte eigentlich auch die Sportstätte in Hackenberg erweitert werden – als Ersatz für das Röntgen-Stadion. Dies ist aber nun vom Tisch.

Mast-Weisz: Es ist richtig, sich auf das Stadion in Reinshagen zu konzentrieren, wo wir bereits viel getan haben. Der neue Kunstrasen sieht toll aus. Losgelöst davon müssen wir schon heute die weiteren Sportvereine unterstützen. Das heißt: Kunstrasen in Hackenberg, Neuenkamp und hoffentlich auch in Klausen.

In Hackenberg wird es zwar nicht die Erweiterung geben. Wir müssen die Sportanlage aber auch für den Schulunterricht ausstatten, dies umfasst auch Leichtathletik-Anlagen. Das wird zwar eine Herausforderung, muss aber möglich sein. Im Röntgenstadion werden wir einstweilen unserer Verkehrssicherheitspflicht nachkommen, damit es weiterhin genutzt werden kann.

Im nächsten Jahr steht die Wahl der städtischen Beigeordneten im Stadtrat an. Angesichts der politischen Mehrheiten dürften Stadtdirektor Sven Wiertz (SPD) und Sozialdezernent Thomas Neuhaus (Grüne) keine Probleme mit der Wiederwahl bekommen. Bei Rechtsdezernentin Barbara Reul-Nocke (CDU) sieht das anders aus. Womit rechnen Sie?

Mast-Weisz: Ich arbeite mit allen gerne und gut zusammen und werde die Drei zur Wiederwahl vorschlagen. Die CDU ist zweitgrößte Ratsfraktion und sollte im Verwaltungsvorstand vertreten sein. Hier muss sich die Pluralität widerspiegeln. Die politischen Beamten sind zudem Bindeglied zu den jeweiligen Ratsfraktionen. Außerdem: Die Gemeindeordnung sieht keine Oppositionsrolle vor, sondern das Ringen um Meinungen und das Suchen nach den besten Lösungen für die Stadt.

Und: Worauf freuen Sie sich in diesem restlichen Sommer am meisten, Herr Mast-Weisz?

Mast-Weisz: Tja, mein Enkel Jonas wird getauft, ich werde 65. Aber nicht nur Highlights sollten im Vordergrund stehen: Wichtig ist es, nach Möglichkeit jeden Tag zu genießen. Ich habe jedenfalls eine wundervolle Aufgabe, die mir weiterhin großen Spaß macht. Ich fahre jeden Tag mit guter Laune ins Rathaus. Und die Tage, an denen ich mit schlechter Laune nach Hause fahre, sind die absolute Ausnahme.

Zur Person: Burkhard Mast-Weisz

Burkhard Mast-Weisz (SPD) ist 64 Jahre alt und seit 2014 Oberbürgermeister Remscheids. Zuvor war er unter anderem als Dezernent für Jugend, Soziales und Gesundheit bei der Stadtverwaltung im Einsatz, wo er seit 2001 tätig ist. 2008 wurde er zum Stadtdirektor bestellt und übernahm zusätzlich die Aufgaben des Kämmerers. Der Vater zweier erwachsener Kinder erzielte bei seiner Wiederwahl im September 2020 beinahe 61 Prozent der Stimmen.

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