Infektion birgt weiter Risiken

Corona: Keine Entwarnung für den Herbst

Referierte über Corona bei der Hauptversammlung der AG 60+ der SPD im großen Ratssaal: Amtsleiter Jens Pfitzner.
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Referierte über Corona bei der Hauptversammlung der AG 60+ der SPD im großen Ratssaal: Amtsleiter Jens Pfitzner.
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Gesundheitsamtsleiter Jens Pfitzner zur Pandemie: Die Lage ist stabil, doch jede Infektion birgt weiter Risiken.

Von Andreas Weber

Remscheid. Seit Oktober 2020 arbeitet Jens Pfitzner im Gesundheitsamt. „Seither habe ich es nur im Katastrophenzustand erlebt“, erklärte der Leiter und Nachfolger von Frank Neveling bei einem Vortrag auf der Hauptversammlung der Hauptversammlung der SPD AG 60+. Corona, Dauer-Impfungen, § 20 Infektionsschutzgesetz, Masernschutz, Affenpocken und Ärztemangel beschäftigen den Chef von 70 Mitarbeitern und sein Team in Dauerschleife.

Der Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, Baujahr 1971, hat ein herausforderndes Erbe angetreten. Die vielfältigen Aufgaben seiner Behörde reichen von der Leichenschau über Heimaufsicht, Umwelt-, Arbeits- und Sozialmedizin bis zur AG Zahngesundheit. Corona kam in den vergangenen 29 Monaten obendrauf. 42 120 positive Getestete und 281 Verstorbene verzeichnete Remscheid mit Stand 23. August. Bei den Toten waren es zumeist Menschen, die schwere Begleiterkrankungen hatten.

Im Sommer 2022 hat sich die Lage beruhigt. „Die Verläufe sind weniger schwer“, betonte Jens Pfitzner. Die Inzidenz hat sich bei etwas über 500 stabilisiert. Warum Remscheid mit 512,57 Ende vergangener Woche unter den Top 5 in NRW lag, darüber kann Pfitzner nur spekulieren. „Es könnte daran liegen, dass es in unserer Stadt auffällig viele PCR-Testungen vorgenommen wurden.“ Die Meldezahlen während der Pandemie weisen 1,177 Millionen aus, die kostenlosen Bürgertestungen lagen bei 1,169 Millionen. Bis zu einer Inzidenz von 80 bis 100 betreute das Gesundheitsamt noch jeden Fall persönlich mit Anruf. „Aktuell ist das nicht mehr möglich“, bedauert Pfitzner.

Die täglichen Eingänge von Labormeldungen, weitgehend digital, werden verarbeitet, ans Robert-Koch-Institut (RKI) geschickt. „PCR geht in die Statistik ein, Schnelltests nicht.“ Das Gesundheitsamt ist wochentags stets tagesaktuell. Am Wochenende kann dies nicht geleistet werden, weil dafür Personal nötig wäre, das in der Woche fehlen würde. Dass die Krankenhäuser 27 Covid-Patienten vermelden als Hospitalisierungsfälle, von denen drei intensivpflichtig sind, aber niemand invasiv beatmet wird, führt Jens Pfitzner des Weiteren an.

Der Virus bleibe hochansteckend, sei aber nicht mehr so gefährlich. Dass es im Gegensatz zu den Vorjahren nach den Sommerferien keine neue Welle gab, empfindet der Gesundheitsamtsleiter als beruhigend. Er geht davon aus, dass mit einer Überlastung der Gesundheitssysteme momentan nicht zu rechnen sei. Und führte als weiteres Argument an, dass das RKI davon ausgeht, dass es bei 92 Prozent aller Erwachsenen bundesweit eine Antikörperbildung gebe. „Diese Daten basieren auf Delta, durch Omikron und BA 4/5 sind sie wahrscheinlich höher“, erklärte Pfitzner.

Trotzdem berge jede Infektion weiter das Risiko eines „schweren Verlaufes.“ Entwarnung für den Herbst könne man nicht geben. „Es kann jederzeit zum Auftreten immunresistenter Coronavarianten kommen.“ Pfitzner plädierte dafür, die Maskenpflicht - wenn nötig - wieder einzuführen. „Jedoch nicht in Schulen, Kinder und Jugendliche haben genug gelitten.“

Von den 111 487 Remscheidern sind 81 138 grundimmunisiert (zwei Impfungen), was einem Anteil von 72,8 % entspricht. 65 678 hätten einen Booster obendrauf gepackt (58,91 %). Der Vergleichswert in NRW liegt bei 79,1 Grundimmunisierten und 62,7 % Auffrischungen. In den Remscheider Pflege- und Senioreneinrichtungen sind im März alle vierten Impfungen abgeschlossen worden.

Die in die Berghauser Straße 63 verlegte städtische Impfstelle stellt sicher, dass 200 Impfungen pro 100 000 Einwohner und Wochentag realisierbar sind. Die Personalstärke sieht vier administrative Kräfte, eine medizinische Fachangestellte sowie einen Arzt vor.

Von den drei Aufklärungs- und Impfkabinen ist nur eine in Betrieb, welche bei einem sechs Stunden Arbeitstag bis zu 72 Menschen impfen kann. Durchschnittlich wurden dort seit Mai monatlich 648 Personen geimpft.

Fachkräftemangel im Amt

Jens Pfitzner, der Chef des Gesundheitsamtes, lebt mit Ehefrau und zwei Kindern in Lennep. Diana Pfitzner ist Kinderärztin, Kollegin im Gesundheitsamt und maßgeblich am Aufbau der beiden Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) in der Peter- und Gertenbachstraße beteiligt. Auch im Gesundheitsamt herrscht Fachkräftemangel, auch aufgrund eines altersbedingten Umbruchs. Absehbar wird dieser nicht aufzufangen sein, weil die Gehälter, die die Stadt zahlen kann, nicht so hoch sind wie anderswo.

Alle weiteren Nachrichten zur Corona-Lage in Remscheid finden Sie in unserem Live-Blog.

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