Maske tragen die Wenigsten - Weder Polizei noch Ordnungsamt schreiten ein

„Querdenker“ feiern Redner in Remscheid wie Popstars

Zwischen 200 und 250 bewegte sich nach Schätzungen der Polizei die Zahl der Teilnehmer, die am Montagabend auf den Rathausplatz gekommen waren. Dabei war kurzfristig zu der Versammlung aufgerufen worden. Das Abstandsgebot wurde nicht immer und von allen eingehalten.
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Zwischen 200 und 250 bewegte sich nach Schätzungen der Polizei die Zahl der Teilnehmer, die am Montagabend auf den Rathausplatz gekommen waren. Dabei war kurzfristig zu der Versammlung aufgerufen worden. Das Abstandsgebot wurde nicht immer und von allen eingehalten.
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Corona-Kritiker warnen vor „Faschisten in den Regierungen“ und keiner protestiert.

Von Axel Richter

Remscheid. Der eine ist Hals-Nasen-Ohren-Arzt, der andere Youtuber. Doch Dr. Bodo Schiffmann und Samuel Eckert trauen heute viele Menschen mehr als allen Politikern, Medien und Virologen dieser Welt. Am Montagabend bereiteten den beiden Männern von der coronakritischen Querdenker-Bewegung zwischen 200 und 250 Menschen in Remscheid einen jubelnden Empfang und klatschten und johlten auch noch, als von der Bühne vor dem Rathaus solche Sätze fielen: „Heute sitzen die Faschisten in den Regierungen und die Demokraten stehen auf der Straße.“

Einige der Querdenker, die aus Remscheid, aber auch aus umliegenden Städten auf den Theodor-Heuss-Platz gekommen waren, erinnerten an die Akteure der Ostermärsche oder Occupy-Bewegung. Sie trugen Transparente und Westen, die sie als „Corona-Rebellen“ auswiesen. Maske trugen dagegen die Wenigsten, gelegentlich mussten alle „den Hubschrauber“ machen und sich mit ausgestreckten Armen im Kreis drehen. So sollten sie den Mindestabstand wahren, was sie allerdings meist nicht taten. Weder Polizei noch Ordnungsamt schritten dagegen ein.

„Man muss verbal auch schon mal zuspitzen.“

62-jähriger Demo-Teilnehmer

Dr. Bodo Schiffmann behielt die Teilnehmer der Veranstaltung „Gesundheit und Zukunft“, zu der unter anderem die Lenneperin Ursula Wilms eingeladen hatte, derweil im Griff. Mit Jubel quittierten sie seine Ausführungen zum Zustand der Demokratie im Land. Die sei längst einer Diktatur gewichen, befand der Gründer einer inzwischen wieder aufgelösten Partei. Eine Diktatur, die sich nunmehr auch an den Kleinsten vergreife.

Er wisse von fünf Kindern, die unter der Atemmaske zusammengebrochen seien, rief Schiffmann der Menge zu: „Wir stehen mit den Familien in direktem Kontakt.“ Angaben, die es möglich machen würden, seine Darstellung zu überprüfen, machte Schiffmann jedoch nicht. Stattdessen stimmte er mit der Menge das Deutschlandlied an: „Einigkeit und Recht und Freiheit“ erklang es daraufhin vielkehlig auf dem Rathausplatz.

In Faktenchecks vielfach widerlegt worden

In Faktenchecks sind Meldungen über Kinder, die mit Atemmaske kollabiert oder gar gestorben sind, vielfach widerlegt worden. Ein Ehepaar aus Leverkusen mag das nicht beruhigen. Aus Sorge um die Gesundheit ihrer vier Kinder waren sie am Montag nach Remscheid gekommen. Beide hielten ein Transparent in den Händen, das sie in den Farben Schwarz, Rot, Gold selbst beschriftet hatten: „Freiheit, Wahrheit, Liebe“ war darauf zu lesen.

„Die Maskenpflicht in den Schulen war abgeschafft“, hielt der Vater (46) im Gespräch mit dem RGA fest. In der Schule aber hätten die Lehrer sozialen Druck aufgebaut, um die Kinder doch zum Tragen des Mund-Nasen-Schutzes zu drängen. „Das ist ein Eingriff in die Erziehungshoheit der Eltern“, erklärte der Mann und seine Frau sieht das nicht anders: „Unseren Kindern wird das Recht auf saubere Atemluft verwehrt.“

Auf der Bühne wechselten sich unterdessen die Redner ab. Samuel Eckert, der in der Schweiz lebt, sich Unternehmer nennt und für die Siebenten-Tags-Adventisten, eine protestantische Freikirche, als Laienprediger aufgetreten ist, spricht von Liebe. Die „Great Corona Info Tour“, zu der er an der Seite von Dr. Bodo Schiffmann vor einer Woche in einem Reisebus aufgebrochen ist, soll ihn durch ganz Deutschland führen.

Überall warnen die Männer: Vor einer Zwangsimpfung, die allen drohe, wie sie auf mitgebrachten Flyern verbreiten. Und immer vor den Faschisten, die heute in den Parlamenten sitzen. Am Montagabend widersprach solchen Formulierungen niemand.
„Man muss verbal auch schon mal zuspitzen, um gehört zu werden“, erklärte stattdessen ein 62-jähriger Mann, der sich gegenüber dem RGA als Intensivpfleger auf einer Covid-Station vorstellte. Als solcher wisse er genau: „Wir schießen mit Kanonen auf Spatzen.“ Schiffmann und Eckert stimme er deshalb zu. Beide kennt er aus Youtube. Anderen Medien glaubt auch er schon lange nicht mehr.

Kommentar von Axel Richter

axel.richter@ rga-online.de

In der Öffentlichkeit müssen wir Maske tragen, manche Feiern uns genehmigen lassen und Reisen ist schwierig derzeit. Diese Einschränkungen bewegen sich im Rahmen unserer demokratischen Verfassung. Dennoch dürfen wir dagegen sein und protestieren. Von einer Diktatur sind wir damit weit entfernt und schon gar nicht sitzen Faschisten in unseren Parlamenten. Wobei: Einige doch. Gott sei Dank sind es nur wenige. Doch die Demokratie, so lehrte es der griechische Geschichtsschreiber Polybios, ist ein anfälliges Konstrukt und könne schnell in die Ochlokratie kippen – in die Herrschaft des Pöbels. Unkundige Schwätzer können den Weg dorthin leicht ebnen. Ob sie auf Plätzen vor Rathäusern auftreten oder in den Schwätzwerken des Internets. Wo hetzerische Reden auf die Dummheit des Schwarms treffen, droht am Ende das Chaos.

Grundgesetz garantiert die Versammlungsfreiheit: Trotz Verstößen gegen die Corona-Regeln hat die Stadt die Versammlung der Querdenker nicht aufgelöst.

Artikel vom 5. Oktober 2020

„Corona-Info-Tour“ machte Halt in Remscheid

Für Montagabend hatten Kritiker der Anti-Corona-Maßnahmen zu einer "Info-Veranstaltung" vor dem Remscheider Rathaus aufgerufen.

Am Montagabend trafen sich Kritiker der Anti-Corona-Maßnahmen zu einer „Info-Veranstaltung“ vor dem Remscheider Rathaus.

Remscheid. Vor einer Woche sind sie aufgebrochen, um den Menschen den Weg in eine gesunde Zukunft zu weisen, in der die Menschen nicht unterdrückt werden und die Liebe regiert. Am Montagabend hielten der Hals-Nasen-Ohren-Arzt Dr. Bodo Schiffmann und der Youtuber Samuel Eckert auf ihrer „Corona-Info-Tour“ vor dem Rathaus in Remscheid.

Die beiden Männer, die in einem Reisebus vorfuhren, wurden empfangen wie Popstars mit Jubeln und Klatschen. Und der Applaus ebte auch nicht ab, als von der Bühne solche Sätze zu hören waren: „Die Faschisten sitzen heute in den Regierungen und die Demokraten stehen auf der Straße.“ Ein 62-jähriger Mann, der sich gegenüber dem RGA als Intensivpfleger zu erkennen gibt, zuckt deshalb nicht zusammen: „Man muss auch schon mal zuspitzen, um gehört zu werden.“

Remscheid: Zwischen 200 bis 250 Zuhörer kamen vor das Rathaus

Zwischen 200 und 250 Zuhörer versammelten sich nach Schätzungen der Polizei vor der Bühne mit den beiden Köpfen der coronakritischen Querdenker-Bewegung. Schiffmann, Betreiber einer Schwindelambulanz in Sinsheim und Gründer einer Partei, die sich mittlerweile wieder aufgelöst hat, rief die Teilnehmer dazu auf, die Anti-Corona-Maßnahmen kritisch zu hinterfragen.

Die Polizei hatte die Veranstaltung kurz vor Beginn genehmigt. Die Lenneperin Ursula Wilms hatte sie bei der Stadt angemeldet. Zudem schrieb sie einen „Offenen Brief“ an Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz. Darin beschuldigt sie ihn, Menschen unter Hausarrest zu stellen, Zwangsuntersuchungen vornehmen zu lassen und ihnen mit der Maske den Zugang zu sauberer Atemluft zu verwehren. (Weiterer Bericht folgt)

Aktuelle Informationen zur Corona-Situation in Remscheid erhalten Sie in unserem Corona-Blog.

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