Coronavirus

Impfwillige stehen in Remscheid Schlange - Feuerwehr und Hilfsdienste rücken an

Feuerwehr und Hilfsdienste rückten an und boten insbesondere älteren Menschen Sitzgelegenheiten an. Bis zu eineinhalb Stunden mussten sie in der Schlange vor dem Gesundheitshaus in Hasten warten. Foto: Roland Keusch
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Feuerwehr und Hilfsdienste rückten an und boten insbesondere älteren Menschen Sitzgelegenheiten an. Bis zu eineinhalb Stunden mussten sie in der Schlange vor dem Gesundheitshaus in Hasten warten.
  • Axel Richter
    VonAxel Richter
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Gedränge für Booster- oder Erstimpfung – Stadt zog die Reißleine und vertröstete auf die nächsten Tage.

Remscheid. Noch vor wenigen Wochen boten die Ärzte die Impfstoffe an wie sauer Bier. Im Impfzentrum gähnende Leere. Hausärzte wandten sich hilfesuchend an den RGA, weil sie sich gezwungen sahen, die ablaufenden Vakzine wegzuwerfen. Am Dienstag wuchs die Warteschlange der Impfwilligen vor dem Gesundheitsamt dagegen auf eine solche Länge an, dass sich die Stadt am Vormittag gezwungen sah, die Reißleine zu ziehen: Es möge sich bitte keiner mehr anstellen und es an den nächsten Tagen noch einmal versuchen.

Viele Ältere waren gekommen, um sich boostern zu lassen. Helga (70) und Horst Jandt (77) zum Beispiel. Eineinhalb Stunden verbrachte das Ehepaar in der Warteschlange, um am Ende doch ungeboostert nach Hause zu gehen. Der Grund: Seit ihrer Zweitimpfung waren zwar fünf, aber keine sechs Monate vergangen.

„Manche haben gedrängelt, es war nicht angenehm.“

Helga und Horst Jandt

Die Frist ist allerdings einzuhalten. „Die Auffrischungsimpfungen kommen für Personen infrage, die über 70 Jahre alt sind, deren Immunantwort auf die Covid-19-Impfungen aufgrund von Vorerkrankungen reduziert ist oder schnell nachlässt oder die regelmäßig Kontakt haben mit gefährdeten Gruppen oder infektiösen Menschen“, schreibt der Corona-Krisenstab. Und: „Sechs Monate müssen nach der ersten vollständigen Impfserie für die dritte Impfung vergangen sein.“ In der Menschenschlange, die sich am Dienstag vorübergehend vom Gesundheitshaus bis zur Bushaltestelle an der Hastener Straße bildete, waren jedoch so ziemlich alle Altersgruppen vertreten. Etliche junge Menschen wollten sich ihre Erstimpfung abholen. Die Stimmung unter den Wartenden beschreiben Helga und Horst Jandt als aufgeladen. „Manche Menschen haben gedrängelt, es war nicht angenehm. Es war teilweise ein einziges Chaos.“

Tatsächlich hatte die Stadt mit einer so großen Zahl von Impfwilligen nicht gerechnet. „Auf der anderen Seite sind wir natürlich total froh, dass so viele Menschen unser Angebot wahrnehmen“, sagt Thomas Neuhaus (Grüne), Gesundheitsdezernent und Leiter des Corona-Krisenstabes.

Also rückten Feuerwehr, Deutsches Rotes Kreuz und Johanniter zum Gesundheitshaus aus und boten den älteren Menschen Sitzgelegenheiten und heißen Tee an. Dem Krisenstab gelang es dazu, drei weitere Ärzte zu gewinnen. Auch der von der Feuerwehr impfte mit. Als die vier Mediziner die Schlange der Wartenden abgearbeitet hatten, hatten sie 430 Spritzen gesetzt.

Am Mittwoch und Donnerstag und außerdem vom 22. bis 24. November bietet die Stadt im Gesundheitshaus weitere Impfaktionen an. Jeweils von 11 bis 18 Uhr kann sich dort jeder Impfwillige ab 12 Jahren ohne Anmeldung impfen lassen. Zur Auswahl stehen Vakzine von Biontech und Johnson & Johnson, Kinder und Jugendliche erhalten grundsätzlich Biontech, auch geboostert wird nur mit Biontech. Dazu nutzen die Impfteams eine ehemalige Hausmeisterwohnung. Zum 1. Dezember soll dann die neue Impfstelle im Zentrum Süd, Rosenhügeler Straße 2-8, öffnen. Die Öffnungszeiten sowie die Möglichkeiten zur Terminbuchung will die Stadt rechtzeitig bekannt geben.

Unterdessen gewinnt das Coronavirus in Remscheid weiter an Geschwindigkeit. Mit der Inzidenzzahl steigt auch die Zahl der Einweisungen ins Krankenhaus. 17 Patienten sind es aktuell. Die Zahl der Intensivpatienten blieb dagegen unverändert bei drei, einer muss beatmet werden.

Dass die Remscheider noch einmal mit solcher Wucht getroffen werden, hatten die Ärzte im Krisenstab nicht erwartet. „Die hohen Zahlen haben uns überrascht“, gibt Dr. Frank Neveling, Leiter des Gesundheitsamtes, unumwunden zu. Hintergrund: Mit rund 70 500 Doppeltgeimpften, 7000 Genesen und einer weitgehend unbekannten Dunkelziffer „ist insgesamt bereits von einer relativ hohen Durchseuchung auszugehen“. Höher könnte der Schutz nur sein, wenn noch mehr Remscheider sich rechtzeitig hätten impfen lassen. Doch auch Frank Neveling stand im Sommer oft ohne Impfwillige da.

Hintergrund

Fallzahlen: Die Sieben-Tage-Inzidenz klettert auf 171,3. 295 Remscheiderinnen und Remscheider sind infiziert, weitere 469 gelten als Verdachsfälle. Die Kliniken vermelden aktuell 17 Patienten mit Covid-19. Die Zahl der Intensivpatienten blieb unverändert bei drei, einer muss künstlich beatmet werden.

Standpunkt

axel.richter@rga.de

Kommentar von Axel Richter

Heute beschäftigt sich der Krisenstab mit der Rolle der niedergelassenen Ärzte in der gegenwärtigen Phase. Sie sollen den Druck mindern, der in der vierten Welle auf den Impfangeboten der Stadt lastet. Wie groß der ist, zeigte sich am Gesundheitshaus, wo die Menschen Schlange standen. Die meisten Haus- und Fachärzte halten ihre Praxen am Mittwoch- und Freitagnachmittag geschlossen, am Wochenende sowieso. Der Krisenstab will sie dazu bewegen, an diesen Tagen zu öffnen und zu impfen. Damit würden sie die Verantwortung übernehmen, die ihnen das Land mit der Schließung der Impfzentren in der Pandemiebekämpfung zugewiesen hat, sagt Gesundheitsdezernent Thomas Neuhaus. Die Bemerkung lässt tief blicken. Neuhaus erwartet mehr Einsatz von den niedergelassenen Ärzten - wohl wissend, dass viele von ihnen derzeit ebenfalls unter großem Druck stehen. Doch das gilt eben auch nur für einige. Mehr als 40 Ärzte machen mit bei der Impfkampagne. Doch insgesamt zählt Remscheid annähernd 160 Kassenärzte. Würden sie alle gegen Covid-19 impfen, wären wir in der Pandemiebekämpfung mutmaßlich schon ein oder auch zwei Schritte weiter.

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