Interview der Woche

Streetworker: Corona hat die Jugendkultur verändert

Die Streetworker Amelie Sophie Preyss und Marcel Gratza in ihrem Büro an der Haddenbacher Straße. Hier, in angenehmer Atmosphäre, beraten sie auch viele junge Leute.
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Die Streetworker Amelie Sophie Preyss und Marcel Gratza in ihrem Büro an der Haddenbacher Straße. Hier, in angenehmer Atmosphäre, beraten sie auch viele junge Leute.

Die Remscheider Jugendlichen verhalten sich achtsam in der Pandemie, sagen die städtischen Streetworker.

Von Melissa Wienzek

Frau Preyss, Herr Gratza, wie lautet Ihr Fazit nach zwei Jahren Pandemie: Was hat Corona mit den Jugendlichen gemacht?

Marcel Gratza: Wir hatten eine Situation, in der es uns bewusst geworden ist: Gemeinsam mit einer jungen Frau, die bei uns angedockt ist, haben wir nach einer Wohnung gesucht. Als es ums Budget ging und wir sagten, sie könne doch, um zu sparen, die eine oder andere Party weniger feiern, sagte sie: ,Ich war noch nie auf einer Party‘. Denn als sie 16 war - also in dem Alter, in der man üblicherweise in Diskos geht - begann die Pandemie.
Preyss: Das Schlimme ist: Es ist die prägende Altersspanne, in der Jugendliche Erfahrungen sammeln, sich ausprobieren. Dieser Erlebnisraum fehlt den Jugendlichen, die mit der Pandemie aufgewachsen sind.
Gratza: Das haben wir mit unseren Partnerinnen und Partnern der Jugendhilfe intensiv diskutiert und nach Lösungen im Rahmen des Möglichen gesucht. Aber die Jugendlichen und jungen Erwachsenen hatten den Eindruck, dass es sie besonders trifft.


Das heißt, die ganze Jugendkultur in Remscheid hat sich durch die Pandemie verändert?

Gratza: Jugendkultur hat sich insofern verändert, als dass sich die Interessen der Jugendlichen geändert haben - hin zu Dingen, die man allein machen kann. Zum Beispiel malen, nähen, gärtnern.
Preyss: Oder Computer- und Konsolenspiele. Früher haben Eltern gesagt: Geht mal raus an die frische Luft und trefft euch mit Freunden, statt drinnen zu zocken. Jetzt war es genau umgekehrt. Hier konnte man sich online mit mehreren treffen. Nur mit ausgewählten wenigen Freunden traf man sich dann auch draußen.

Halten sich die jungen Leute an die Corona-Schutzregeln?

Preyss: Wir haben die Erfahrung gemacht: ja. Sie sind auch immer noch sehr zurückhaltend und achtsam. Sie achten auf sich und auf andere. Wenn wir junge Menschen angetroffen haben, wurde sofort Abstand gehalten und es wurden die Masken aufgesetzt. Das war schon ein Automatismus. Es hat auch definitiv geprägt.
Gratza: Und die Jugendlichen sind besser als ihr Ruf. Jugendbewegungen gab es schon immer. Das heißt natürlich nicht, dass man sich auf der geringen Jugendkriminalitätsrate in Remscheid ausruhen sollte. Es gibt aber auch ein gutes Hilfesystem in Remscheid.

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Was sind jetzt, nach zwei Jahren Pandemie, die Probleme: Spielsucht, Orientierungslosigkeit?

Gratza: Die Problematiken sind ähnlich wie vor der Pandemie. Etwas zugenommen hat die Angst vor der schulischen oder beruflichen Zukunft. Nicht jeder konnte online am Unterricht teilnehmen, und auch die persönliche Hilfe der Schüler untereinander fehlte. Spielsucht war bei uns eher kein Thema.
Preyss: Wir selbst haben mehrmals das Angebot gemacht, ein Vorstellungsgespräch online hier von unserem Büro aus zu führen. Nicht jeder hat einen Internet-Zugang oder das technische Know-how.

In der Pandemie haben sie gelernt, zu Hause zu bleiben. Finden die Jugendlichen denn jetzt wieder den Weg in die Jugendzentren?

Gratza: Ja, worüber wir sehr froh sind. Sobald die Jugendzentren wieder geöffnet waren, waren die Jugendlichen wieder dort. Sie haben es sehr vermisst, angeleitete Angebote in der Freizeit zu nutzen, haben uns die Träger mitgeteilt. Wir tauschen uns mit diesen immer aus und sitzen auch in mehreren Gremien.
Preyss: Wir waren zudem auch im harten Lockdown Ansprechpartner, als vieles geschlossen war. Unser Service wurde dann intensiver genutzt. Zum Beispiel Schreiben kopieren oder einfach nur Zuhören. Unser Job ist ja die persönliche Beratung. Das war viel wert.
Gratza: Wir konnten weiterhin eine Einzelberatung im Rahmen der Schutzverordnung in unserem Büro anbieten, weil wir hier die Möglichkeiten hatten.

„Wir sind die wandelnden Flyer.“

Amelie Sophie Preyss

Wo treffen sich die Jugendlichen denn jetzt, außer in Jugendzentren? Ich denke da an den Spielplatz Marienstraße oder das Allee-Center.

Preyss: Prinzipiell sind die jungen Menschen weiterhin an den gängigen öffentlichen Plätzen zu treffen, vor allem aber auch in Sport- und Parkanlagen. Aber es lässt sich immer noch beobachten: Es ist zum Teil noch sehr verhalten. Sie überrennen jetzt nicht in Scharen den Stadtpark. Sie nähern sich langsam wieder den Freizeitangeboten: Kino, durch die Stadt schlendern, ein Eis essen. Also all die Sachen, die in der Pandemie zu kurz gekommen sind, werden jetzt nachgeholt.

Wie gehen Sie auf die jungen Leute im öffentlichen Raum zu?

Gratza: Wir bekommen oft Hinweise von Bürgerinnen und Bürgern. Wir haben da immer eine hohe Akzeptanz erfahren. Die Anwohner möchten die Jugendlichen nicht vertreiben, aber sie möchten, dass wir tätig werden und mit den jungen Leuten gewisse Regeln aushandeln. Manches geht aber auch nicht. Zum Beispiel Musik nach 22 Uhr laufen lassen aus den Musikboxen, die heute das ganze Tal beschallen.
Preyss: Oft beobachten wir auch erst mal nur und drehen unsere Runden. Wir stellen uns dann vor, bieten direkt das Du an und fragen, ob sie kurz Zeit für uns haben. Denn wir betreten ja ihren Raum. Oft kommen dann schon die ersten Fragen zu unserem Job oder zu Freizeitmöglichkeiten. Wir sind dann die wandelnden Flyer und vermitteln Kontakte und Angebote. Manchmal ist man aber auch ruckizucki in einer Beratung. Dann sondern wir uns ein wenig ab mit dem Jugendlichen, beraten ihn, aber geben auch gern unsere Postkarten aus mit unseren Kontaktmöglichkeiten und dem Angebot, in unser Büro zu kommen. Oft werden wir aber auch von anderen jungen Erwachsenen weiterempfohlen.
Gratza: Oder wir kommen durch unsere aufsuchenden Angebote wie dem Agot-Spielmobil in Kontakt.

Was hat das Spielmobil den Jugendlichen in Remscheid zu bieten?

Gratza: Viele Spielmaterialien wie Bälle, Fußballtore, Jonglage-Material oder Riesen-Jenga, das wir auch zusammen mit den Buddys angeboten haben. Oder das Spiel Aqua-Pong. Das war in jedem Park ein Eyecatcher. Neu ist unsere Chill-Out-Lounge im Agot-Mobil. Das hatten sich die Jugendlichen gewünscht. Dank Bundesfördermitteln konnten wir den Wunsch jetzt erfüllen. Oft sind wir mit unseren Angeboten übrigens auch vor den Jugendlichen da. Wir laden sie dann gern zum Spielen ein, ganz ungezwungen. Darüber kommen wir ins Gespräch, können Bedarfe und Bedürfnisse abfragen. Es muss auch nicht immer um Problemlagen gehen. Manchmal geht es auch einfach um Freizeitangebote. Oft begleiten wir auch das erste Mal in ein Jugendzentrum.

Es geht also um Beziehung.

Preyss: Genau. Das ist ganz wichtig. Im Laufe unserer Beziehungsarbeit können wir vielleicht auch Dinge ansprechen, die jemand anderes nicht ansprechen darf. Wir unterliegen natürlich der Schweigepflicht. Wir sagen aber auch, wenn Mist gebaut wurde. Da sind wir schon transparent und zeigen Grenzen auf. Junge Menschen, die bei uns angebunden sind, dürfen uns aber auch, wenn sie später woanders angebunden sind, weiter gern besuchen. Uns ist es wichtig, dass wir einen Fuß in der Tür haben. Denn wenn eine Krise kommt, sind wir da.

Kontakt

Jugendstreetwork ist ein sozialpädagogisches Angebot, das sich an Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 14 bis 27 Jahren wendet.

Amelie Sophie Preyss (30) und Marcel Gratza (40) sind die Vermittler bei Konflikten im öffentlichen Raum. Sie geben Tipps zu Freizeitmöglichkeiten und vermitteln Hilfen und Beratung - vor allem ozial benachteiligten jungen Menschen. Kontakt zu Amelie Sophie Preyss und Marcel Gratza: Tel. 16 31 65, streetwork@remscheid.de

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