Anstieg spürbar

Corona befeuert die häusliche Gewalt

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Rund drei Prozent der Frauen in Deutschland wurden im Frühjahrs-Lockdown zu Hause Opfer körperlicher Gewalt.
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Ärztliche Kinderschutzambulanz und Frauenhaus berichten von spürbarem Anstieg.

Von Melissa Wienzek

Remscheid. Rund drei Prozent der Frauen in Deutschland wurden im Frühjahrs-Lockdown zu Hause Opfer körperlicher Gewalt, 3,6 Prozent wurden von ihrem Partner vergewaltigt. Und in 6,5 Prozent aller Haushalte wurden Kinder gewalttätig bestraft. Zu diesem Ergebnis kommen Janina Steinert, Professorin für Global Health an der Technischen Universität München), und Dr. Cara Ebert vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in ihrer repräsentativen Umfrage zu häuslicher Gewalt während der Corona-Pandemie. Die Wissenschaftlerinnen befragten 3800 Frauen zwischen 18 und 65 Jahren in ganz Deutschland.

Auch in Remscheid ist das spürbar – auch wenn die Polizei noch keine Zahlen für das Bergische liefern kann. Am 1. Dezember soll es eine Auswertung des Herbst-Lockdowns geben. Dennoch sei ein Anstieg spürbar, sagt die Leiterin des Remscheider Frauenhauses, Karin Heier. „Die soziale Kontrolle von außen fällt durch den Teillockdown wieder weg. Betroffene können kaum nach außen gehen.“ Hinzu komme eine erhöhte Arbeitslosenquote – der Druck zu Hause steige. Und ende oft in Gewalt. „Frauen haben zurzeit noch weniger Möglichkeiten, dort rauszukommen.“

Diejenigen, die es doch schaffen, erhalten im Frauenhaus ein geschütztes Heim mit hohen Sicherheitsvorkehrungen. Das Remscheider Frauenhaus ist genauso wie die meisten anderen in NRW voll belegt. Es gibt dort acht Plätze und einen Notplatz. Zurzeit leben sieben Frauen und zwölf Kinder dort. Wegen Corona hat sich die Verweildauer spürbar erhöht: Normalerweise bleiben die Bewohnerinnen drei bis vier Monate. Nun könne nicht so schnell neu belegt werden.

Martin Roggenkamp, stellvertretender Leiter der Ärztlichen Kinderschutzambulanz, und Karin Heier, Leiterin des Frauenhauses, spüren die Auswirkungen der Pandemie in ihrer täglichen Arbeit. Eine Zunahme von Gewalthandlungen sei spürbar, sagen sie.

„Das merken wir auch durch unser Projekt ,second stage‘“, erklärt Heier. Dieses begleitet die Frauen nach ihrem Auszug aus dem Frauenhaus in ein eigenständiges Leben in den eigenen vier Wänden. „Wir finden erst spät Wohnungen. Vermieter und Wohnungsgesellschaften sind zurzeit zurückhaltender als sonst.“ Alle Prozesse hätten sich durch die Pandemie verlangsamt. „Wir müssen mit den Frauen gemeinsam alle notwendigen Anträge online stellen. Das ist ein größerer Aufwand als sonst“, erklärt Heier. Das Team besteht aus vier Mitarbeiterinnen, die ihre Arbeit mit Herzblut erfüllen, aber manchmal auch an ihre Grenzen stoßen. Corona erschwert den Betrieb.

Jeden Morgen prüft das Team bei seinem Rundgang durch die Zimmer, ob eine Bewohnerin oder ein Kind Erkältungssymptome aufweisen. Alles wird desinfiziert. Eine Maske muss hier jedoch niemand tragen – ein Haushalt. Bisher gab es keinen Coronafall im Frauenhaus Remscheid.

Falls dies doch einmal passieren sollte, sei man vorbereitet: In Absprache mit dem Gesundheits- und dem Sozialamt könnten Betroffene dezentral untergebracht werden. Bedanken möchte sich Heier bei der Feuerwehr Remscheid. Von dieser erhält das Frauenhaus Handschuhe, Masken und Desinfektionsmittel.

„Was sich schon lange aufgestaut hat, wurde im Lockdown noch verstärkt.“
Martin Roggenkamp

Noch heftiger bekommt die Ärztliche Kinderschutzambulanz die Auswirkungen der Pandemie zu spüren. Nicht nur die Fälle insgesamt haben laut dem stellvertretenden Leiter Martin Roggenkamp zugenommen. Auch die Art und Weise von Gewaltauswirkungen haben sich verändert. „Die häusliche Gewalt unter Paaren hat sich potenziert, wobei Kinder Zeugen wurden, aber auch gegenüber Kindern. Und sogar bei den Kindern untereinander“, sagt Roggenkamp.

Besonders krass: Die zehn Therapeuten erleben eine deutliche Zunahme von sexuellem Inzest unter Geschwistern – oft unter Druck, mal mit Versprechungen verknüpft, manchmal sogar im Einvernehmen. „Dieses Phänomen können wir uns noch nicht ganz erklären.“ Es könne damit zusammenhängen, dass der Lockdown für Kinder und Jugendliche eine von Frustration, Langeweile und Leere geprägte Zeit sei.

Das Problem: „Was sich schon lange aufgestaut hat, wurde im Lockdown noch verstärkt.“ Auf engstem Raum über eine lange Zeit hinweg zusammenzusein, ohne soziale Kontrolle von außen, habe vielfach für Aggression und Frustration gesorgt – die Auswirkungen vom ersten Lockdown im Frühjahr sind nun an der Burger Straße sichtbar. Das Team stellt sich darauf ein, dass auch jetzt die Anfragen wieder steigen.

Auch interessant: Dr. Thomas Schliermann hat das Sana-Klinikum verlassen – in der Kinderschutzambulanz macht er weiter.

In unserem Live-Blog finden Sie die neuesten Informationen zu Entwicklungen rund um das Coronavirus in Remscheid.

Helft uns helfen

Das RGA-Wohltätigkeitsprojekt „Helft uns helfen“ unterstützt in diesem Jahr zum einen die Ärztliche Kinderschutzambulanz, zum anderen den Förderverein der Heinrich-Neumann-Schule. Denn Kinder sind die großen Verlierer der Pandemie. Bei den Institutionen sind dieses Jahr Spenden für ihre wichtige Arbeit weggebrochen. Der Tüpitter und seine Leser möchten helfen. In Kürze wird es weitere Informationen geben.

Standpunkt: Hohe Dunkelziffer

andreas.weber@rga-online.deVon Andreas Weber

andreas.weber@rga-online.de

Was die Ärztliche Kinderschutzambulanz und das Frauenhaus beobachten, bevor der Winter begonnen hat und Lockerungen beim Wiedereinstieg in das öffentliche Leben zu erwarten sind, gibt Anlass zu schlimmen Befürchtungen. Häusliche Gewalt ist ein Straftatbestand, den Polizei und Fachinstanzen schon lange kennen, der aber durch die Pandemie einen Brandbeschleuniger erfährt. Geschlagen wird in allen Bevölkerungsschichten und Ethnien. Ein Grund für die Ausraster könnten Ängste in Zeiten des Lockdowns sein. Dieser lässt manchen nicht mehr rational handeln. Vermutungen gibt es viele, wie das lange Zusammensein zu Hause, der Druck durch Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit, gepaart mit gestiegenem Drogen- und Alkoholkonsum. Sich abzuschotten heißt auch, dass die Sozialkontrolle durch Verwandte, Freunde, Lehrer, Ärzte oder Betreuer fehlt. Ein schlüssiges Gesamtbild zur Verbindung von Covid-19 und häuslichen Aussetzern in 2020 gibt es noch nicht. Wenn das Zahlenwerk vorliegt, werden die Experten feststellen, dass die Dunkelziffer hoch sein wird. Das galt vor Corona und wird wohl leider auch so bleiben.

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